Glaubensfrage

Die "Rasse" im Zensus

1945 1960 1980 2000 2020

Welche Kategorie könnte helfen, das Bedürfnis nach Eigenständigkeit im Ganzen auszudrücken? Überlegungen zur Volkszählung in den USA.

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Welche Kategorie könnte helfen, das Bedürfnis nach Eigenständigkeit im Ganzen auszudrücken? Überlegungen zur Volkszählung in den USA.

Vor ein paar Tagen hatte ich die Aufforderung im Briefkasten, meine Angaben zur Volkszählung zu machen, die in den USA alle zehn Jahre stattfindet. Angesichts der Haltung der Trump-Regierung zu „illegalen“ Einwanderern wurde vorher über die Frage gestritten, ob nach der Staatsbürgerschaft gefragt werden sollte; die Frage kam nicht ins Formular. Nach der Religion wird schon länger nicht mehr gefragt, weil sich in den 1950er Jahren die Meinung durchsetzte, dass dies gegen die Trennung von Staat und Religion verstoße. Amerikanische Juden hatten sich gegen die Frage nach der Religion eingesetzt, weil sie einen christlichen Mehrheitsstaat fürchteten.

Stattdessen muss man sich im Zensus für eine „Rasse“ entscheiden. Dieser Begriff ist aus geschichtlichen Gründen besonders belastet. Die meisten amerikanischen Juden werden wohl „weiß“ angeben. Dies zeigt einerseits, dass die amerikanischen Juden in der gesellschaftlichen Mehrheit angekommen sind – eine Erfolgsgeschichte, die aber auch eine Kehrseite hat: das Verschwinden als Gruppe im Mainstream, die Unsichtbarkeit etwa in den Kategorien des Zensus. Nicht nur in Zeiten der Identitätspolitik löst dies bei manchen ein Unbehagen aus, das sie beim Ausfüllen des Formulars spüren werden.

Welche Kategorie könnte helfen, das Bedürfnis nach Eigenständigkeit im Ganzen auszudrücken? „Religion“ wäre vielen ein zu enger Begriff, da er die vielen säkularen Juden ausschließt. Am ehesten passt wohl die Identifikation als „ethnische Gruppe“, ähnlich wie für die vielen Amerikaner, die vergangene Woche am St. Patrick’s Day ihre irische Herkunft feierten. Solche Identitäten erfasst der Zensus nicht. Wichtiger ist ohnehin das Ideal, dass die Vielfalt religiöser und ethnischer Gruppen die Gesellschaft stabil macht – gerade in Krisenzeiten wie jetzt.

Der Autor forscht zurzeit zu Jewish Studies an der Vanderbilt University, Nashville/USA.