Wenn der Partner zum Peiniger wird

Die Frau steht nun ganz alleine da: Ihr Geld wurde ihr von ihrem Mann abgenommen, das Treffen mit Freunden oder der Familie hat er ihr verboten. Wenn sie von der Arbeit nach Hause fährt, ruft er sie an, und sie muss das Telefon in der U-Bahn in die Luft halten. So kann er durch die Durchsage der Stationen hören, ob seine Frau wirklich zu ihm fährt und nicht flüchtet. "Zu Hause“ angekommen, wird sie mit dem oft gehörten Satz "Ich muss mich betrinken, damit ich dich aushalte, weil du so hässlich bist“ empfangen. Geht er aus dem Haus, sperrt er sie in der Wohnung ein.

"Wenn das Selbstwertgefühl erst einmal zerstört ist und die wirtschaftliche Abhängigkeit gegeben ist, weil der Frau nicht mehr erlaubt wird zu arbeiten, ist es schwer, aus so einer Beziehung auszusteigen“, weiß Michaela Gosch vom Verein Frauenhäuser Steiermark. Vielen Betroffenen fehlen ihrer Erfahrung nach schlichtweg die Ressourcen, um sich aus ihrer Situation zu befreien. Hier werden die Frauenhäuser Österreichs zum auffangenden Netz.

Mit Hilfe in die Unabhängigkeit

Nach einem aktuellen Länderbericht des Netzwerkes europäischer Frauenorganisationen fehlen europaweit rund 55.000 Plätze in Notunterkünften. In Österreichs Frauenhäusern können momentan 759 Personen aufgenommen werden, 78 mehr sollten es laut Europaratskonvention sein. Das Pochen auf nicht eingehaltene Zahlen wäre laut Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, einerseits gut, um politischen Druck zu machen. In Wirklichkeit ginge es aber nicht um die Anzahl der Notunterkünfte, sondern auch um die weitere Unterstützung der Frauen, die den Schritt aus einer gewaltsamen Beziehung gewagt haben: "In Wien haben wir neben den ersten Auffangstellen im Frauenhaus noch eigene Wohneinheiten, in die die Betroffenen ziehen können wenn sie nicht mehr in der Krise sind. Das ist sehr wichtig, denn nicht für jede Frau ist ein langer Aufenthalt im Frauenhaus gut“, so Brem. Insgesamt 54 Plätze in betreuten Wohneinrichtungen, in denen sich Frauen wieder ein unabhängiges Leben aufbauen können, gibt es in Wien. "Viele Frauen finden nach dem Frauenhaus einfach keinen leistbaren Wohnraum - und genau darum geht es: Nur zu fordern, dass wir mehr Plätze brauchen, greift einfach zu kurz“, ist auch Gosch überzeugt. Zudem brauche es flächendeckende Beratungsstellen. Liegt das nächste Frauenhaus in größerer Entfernung, ist das schon das erste Hindernis am Weg aus einer gewaltsamen Beziehung: "Wir haben in der Steiermark beispielsweise einen Bezirk, aus dem noch nie eine Frau eine unserer Einrichtungen besucht hat. Das liegt sicher nicht daran, dass es dort keine Gewalt gibt, sondern dass das ein dünn besiedeltes Gebiet ist, in dem der Familienverband sehr stark ist und nichts nach außen dringen darf“, so Gosch.

Seit der Gründung der Frauenhäuser vor 35 Jahren hat sich das Bewusstsein der Gesellschaft gegenüber Gewalt deutlich verändert - jedoch in verschiedene Richtungen: "Das Thema ist auf jeden Fall enttabuisiert worden, aber gleichzeitig befinden wir uns momentan wieder in einer Rückwärtsentwicklung: Gewalt wird verharmlost, und es wird so getan, als wäre das normal“, erklärt Brem. In einer EU-weiten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigte sich, dass jede dritte Frau seit ihrem 18. Geburtstag physische oder sexuelle Gewalt erlebt hat. Der Prozess von der ersten Handgreiflichkeit des Partners bis zum tatsächlichen Gang ins Frauenhaus, dauert meist sehr lange: "Zu uns kommen oft sehr arme Frauen, die noch in sehr patriarchalen Familiensystemen verhaftet sind“, erklärt Brem. Laut Michaela Gosch würden in der Steiermark momentan vor allem junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren in Frauenhäuser gehen.

Ähnliche Schicksale können Anstoß sein

"Man könnte das so interpretieren, dass die Präventionsarbeit in Schulen und so weiter wirklich greift“, so Gosch. Die Zeitpunkte, zu denen besonders viele Frauen Hilfe suchen, variieren sehr stark - lediglich ein Muster habe sich für Andrea Brem herauskristallisiert: "Wenn in den Medien von der Ermordung einer Frau berichtet wird, dann melden sich viele bei uns. Denn natürlich: Wenn mein Partner mir selbst schon fünfmal gedroht hat, dass er mich umbringen will, dann machen diese Nachrichten etwas mit mir.“ Dass erst derartige Fälle Frauen dazu bringen, sich bei Beratungsstellen zu melden, zeige laut Brem, wie gefangen die Betroffenen in ihrem System der Gewalt seien. Noch öfter als die körperliche Gewalt kommt laut FRA-Studie der psychische Missbrauch vor: 43 Prozent der befragten Frauen gaben an, durch den aktuellen oder einen früheren Partner dieser Form ausgesetzt gewesen zu sein. Trotzdem werde diese Form in der Öffentlichkeit selten als Gewalt angesehen: "Körperlicher Missbrauch ist leichter fassbar und sichtbar. Psychische Gewalt hingegen ist schwieriger zu erkennen und wird deshalb weniger diskutiert“, hat Gosch beobachtet. Einzeln betrachtet sind Abwertungen, Drohungen und Beleidigungen des Partners oftmals nicht besonders aussagekräftig. "Wenn man sich dann aber das Gesamtbild anschaut, merkt man, dass die Frauen einem enormen Psychoterror ausgesetzt wurden. Ein gebrochener Finger heilt schnell, aber die seelische Narbe, die sich durch jahrelange Demütigungen ergeben hat, braucht viel länger“, weiß Andrea Brem. Dass seelische Misshandlung heute selten als "richtige“ Gewalt angesehen wird, hängt vor allem mit der Geschichte der Frau zusammen: "Dieses ‚Er schlägt dich ja nicht‘ kommt aus vielen Jahren der Ungleichheit, in denen Frauen nicht einmal darüber nachzudenken brauchten, ob sie aus einer Beziehung hinausgehen wollen - weil sie sowieso keine Chance dazu gehabt hätten“, erklärt Gosch. Mit offensichtlicher Gewalt könnten Menschen deshalb viel eher umgehen als mit seelischer Misshandlung. Nicht selten schenken Betroffene ihren Partnern mit der Zeit Glauben, weiß Brem: "Wenn man von früh bis spät hört: ‚Du spinnst, du kannst nichts, ohne mich bist du nichts wert‘ und gleichzeitig von Freundinnen, Familie und Arbeitskollegen isoliert wird, dann hat man keine Möglichkeit, das zu reflektieren. Irgendwann fängt man dann an, dem Mann zu glauben.“ Um die psychische Gewalt der körperlichen Misshandlung auch vor Gericht gleichzustellen, haben die Frauenhäuser mittlerweile einen Antrag eingebracht, der erstere unter Strafe stellen soll.

Für den Schritt in ein gewaltfreies Leben ohne den misshandelnden Partner braucht es oftmals auch die Hilfe Außenstehender. "Wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt, dann sollte man einfach Hilfe anbieten, auch wenn die Frau dreimal verleugnet, dass etwas nicht in Ordnung ist“, rät Maria Imlinger, Chefin des St. Pöltner Frauenhauses. Zudem solle man beobachten, wie Männer mit ihren Partnerinnen in der Öffentlichkeit umgehen und ob sie häufig beleidigt oder systematisch ausgeschlossen würden. "Man muss den Frauen einfach vermitteln, dass es jemanden gibt, der helfen kann“, sagt Andrea Brem, "Nur nicht wegschauen.“

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