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Der große Begabungsstau/Das Patriarchat hat noch nicht abgedankt

Die Furche: Frauen haben vor Jahren begonnen, an ihren Schwachstellen zu arbeiten, haben geübt, sich durchzusetzen, sicher aufzutreten. Warum ist das weibliche Selbstbewusstsein noch immer so labil?

Onken: Es ist wichtig, dass Frauen lernen, die Situationen, in denen sie stecken, zu analysieren. Sie sollen nicht auf die Idee kommen, dass der Mangel an Selbstbewusstsein an ihnen liegt. Sie sollen gar nicht anfangen zu überlegen, warum sie wieder falsch gewickelt sind: warum sie so schnell nachgeben, so wenig beharren. Sie sollen die Schuld nicht bei sich suchen, sondern erkennen, ihre Reaktion, ihr abtauchendes Selbstbewusstsein, ist die Antwort auf ein krankmachendes System.

Die Furche: Wie definieren Sie dieses für Frauen toxische System, wer trägt es und hält es aufrecht?

Onken: Wir leben immer noch in einer durch und durch patriarchalen Gesellschaftsstruktur. Die Entwertung der Frau ist breit angelegt. Überall sieht frau oft ganz subtil - das ist das Gefährliche daran - wie Frauen entwertet werden. Da muss sie nur einen relativ harmlosen Gang durch eine Zeitschrift machen, sich die Bildchen anschauen, sie muss nicht einmal darin lesen. Sofort ist die Frau dieser Hirnwäsche ausgesetzt. Im "Spiegel" habe ich vor kurzem ein Inserat gesehen, das einen Knaben mit einem gebastelten Flugzeug zeigte. Der Text darunter lautete: In jedem Kind steckt ein Erfinder. Das sitzt. Das sitzt tief.

Die Furche: Bleiben wir bei diesem Beispiel. Wie wirkt es auf Buben, auf Mädchen und vor allem wie wirkt es auch auf die Mütter? Wie werden hier Wertevorstellungen weitergegeben?

Onken: Wir führen den Satz "In jedem Kind steckt ein Erfinder" über in "In jedem Knaben steckt ein Erfinder" und folgern daraus - "und in jedem Mädchen eine Hausfrau". Wir lernen: die Kreativität, die Forschung ist männlich gepachtet. Und das nenne ich Hirnwäsche. Außerdem ist das eine Entwertung jeder intelligenten Frau. Eine Mutter mit einem kleinen Buben, einem kleinen Mädchen betrachtet diese Anzeige; ihr Blick wird auf dem Knaben ruhen mit dem Wissen "du bist mein kleiner Erfinder". Und mit dem Mädchen wird sie eher eine Schicksalsgemeinschaft verbinden: irgendwie müssen wir schauen, dass wir über die Runden kommen.

Die Furche: Wenn dieses Beispiel eine "harmlose" Entwertung darstellt, wie weit gehen dann die massiveren An- und Eingriffe? Wehren sich die Frauen nicht?

Onken: Die Frau wird immer auf ihr Äußeres reduziert. Es wird nicht von ihrer Kompetenz gesprochen. In Deutschland gibt es dazu ein ganz aktuelles Beispiel. Bei Angela Merkel, der CDU-Vorsitzenden, ist eher ihre Frisur alltägliches Gesprächsthema als ihre Qualifikation. Als ob diese Frau jemals Friseurin werden wollte oder Miss Germany. Es ist eine Kränkung und Entwertung der Frauen, die geht nicht an uns vorüber. Frauen werden Zeuginnen dieser Akte der Entwertung, im Alltag und in den Medien. Entweder schlagen wir uns auf die Siegerseite und machen mit, oder wir stellen uns dem entgegen.

Die Furche: Warum identifizieren sich Frauen mit ihren Unterdrückern und warum gibt es auch so viel Verachtung von Frauen gegenüber ihren Geschlechts- sprich Leidensgenossinnen?

Onken: Viele Frauen halten es nicht aus, Männer kritisch unter die Lupe zu nehmen; sie halten es somit nicht aus, ein patriarchales System kritisch zu analysieren. Obwohl die männliche Politik Frauen an ihre Abgründe geführt hat, muss man damit rechnen, sofort als frauenfeindlich klassifiziert zu werden, wenn man diese Tatsache benennt. Wenn ich sage, Gewalt, Krieg und Korruption sind männlich besetzt, kann es sein, dass es Frauen gibt, die den Vortragssaal demonstrativ verlassen. Diese Frauen identifizieren sich mit den Siegern, sie dürfen ihr eigenes System, in dem sie leben, nicht kritisch bedenken. Frauen leben in ein patriarchales System eingegliedert, sie sind abhängig vom Mann: Ich werde begehrt, also bin ich. Nicht begehrt zu werden, heißt dann, ich existiere nicht. Hier hat das männliche System ganze Arbeit geleistet.

Die Furche: Haben Sie einen Gegenentwurf zu dieser finsteren Realität?

Onken: Es braucht das kritische Hinschauen, es braucht die Analyse der Situationen, in denen wir das Selbstbewusstsein verlieren. Es gilt zu reflektieren. Hören wir auf zu jammern, beginnen wir zu analysieren, zu diskutieren. Je klarer wir sehen, welche Muster, welche Strukturen da zum Zuge kommen, umso besser wird es gelingen, dass wir uns verstehen lernen. Ich beispielsweise habe mich oft unwohl gefühlt, nachdem ich Gast in Talkshows war. Ich habe Aufzeichnungen dieser Sendungen zusammen mit einer Sprachwissenschaftlerin analysiert, das hat mir dann Klarheit gebracht: kaum ein Moderator verzichtete darauf, mich abzuwerten, sehr subtil allerdings. Ich wurde zwar eingeladen, nicht jedoch in meiner Kompetenz gewürdigt. "Feministische Autorin" ... das waren die Klischees, das waren keine Würdigungen. Sofort werden von den Männern irgendwelche Attribute angehängt, um mich in eine Ecke hinzuschieben.

Die Furche: Neben diese Analyse stellen Sie in Ihrem Buch auch den liebevollen, hegenden Umgang der Frauen mit sich selbst. Wie geht das?

Onken: Selbstbewusstsein hat mit Selbstwert zu tun und den kann ich nicht im Alltag finden. Je älter Frauen werden, desto schwieriger ist es, sich im Außen bestätigt zu fühlen. Selbstwert wird den Frauen nicht auf dem Silbertablett serviert; es gibt kaum Identifikationsmodelle. Wie kriege ich als Frau meinen Selbstwert? Da sind Frauen sehr wichtig füreinander. Ich muss lernen, mich zu versöhnen, mit mir selbst und den anderen Frauen. Wir sind schnell mit Selbstentwertungen den Körper betreffend. Wir können uns nicht in einem Körperhaus wohl fühlen, dessen Fassade uns nicht gefällt. Ich empfehle, sich ganz schlichte Häuser auf dem Land anzuschauen, mit wieviel Zärtlichkeit diese Fassaden gepflegt sind. Übertragen auf den weiblichen Umgang mit dem eigenen Körper heißt es dann: Nimm eine gute Creme und sei liebevoll zu deiner Zellulitis. Schließ Freundschaft und versöhne dich. In dem Moment, in dem ich mich mit mir versöhne, versöhne ich mich mit den anderen Frauen auch. Wir können so die Würde der Frau durch die Wertschätzung unserer selbst und davon ausgehend durch die liebevolle Würdigung anderer Frauen behutsam wieder herstellen.

Das Gespräch führte Christian Gastager-Repolust.

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