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Ein Ausweg: beklagt und gepusht

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Jedenfalls steht fest: Eine immer größere Zahl von Personen hält Scheidung zumindest für die relativ bessere Lösung für ihren weiteren Lebensweg.

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Jedenfalls steht fest: Eine immer größere Zahl von Personen hält Scheidung zumindest für die relativ bessere Lösung für ihren weiteren Lebensweg.

Ist Scheidung eine Lösung? Bevor wir eine Antwort auf die Frage zu geben versuchen, sei nüchtern festgehalten: Die Scheidungsziffern steigen jedenfalls, seit 1971 um etwas mehr als 60 Prozent. 1993 haben hierzulande 16.299 Paare den Entschluß verwirklicht, sich scheiden lassen, pro Tag also 45. Im internationalen Vergleich liegt Österreich damit im Mittelfeld der Industriestaaten, weit hinter dem Spitzenreiter USA, wo die Scheidungshäufigkeit doppelt so hoch ist wie hierzulande.

Diese nüchternen Zahlen verdecken einigermaßen das Leid, das mit diesem mittlerweile zum Massenphänomen gewordenen Geschehen verbunden ist. Grob geschätzt sind nämlich in der letzten Dekade rund 150.000 Ehen in Brüche gegangen und mindestens ebenso viele Kinder Scheidungswaisen geworden. 1993 waren es jedenfalls 17.204 (davon 11.387 unter 14 Jahren).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß sich das Heiratsalter parallel zu den Scheidungszahlen erhöht hat: Sowohl bei Männern als bei Frauen ist in Osterreich seit 1971 ein Anstieg um rund drei Jahre (auf 25,6 Jahre bei Frauen und auf 28 bei Männern) zu registrieren. Eigentlich wäre ja damit zu rechnen, daß ein späteres Eingehen der Ehe mit reiflicherer Überlegung einhergehen sollte. Da aber sowohl Heiratsalter wie Scheidungshäufigkeit zunehmen, dürfte das heute weit verbreitete voreheliche „Probieren der Ehe” doch keine ideale Vorbereitung auf ein dauerhaftes Zusammenleben sein.

Auch Erfahrungen aus dem Scheitern einer Ehe dürften keine Garantie für den Erfolg einer weiteren Beziehung sein. Darauf deutet folgende Beobachtung hin: Ehen, in denen einer der Gatten schon eine Scheidung hinter sich hat, sind relativ stabil. Ein recht hoher Anteil der Scheidungen entfällt auf solche Paare: Betroffen von den 16.299 Scheidungen des Jahres 1993 waren 2942 Frauen und 3006 Männer, die mindestens schon einmal geschieden waren.

Dennoch werden „Probe-Ehen” von jungen Menschen - das registriert jedenfalls der Familienbericht der Begierung - heute als beinahe selbstverständliches Modell des Zusammenlebens angesehen: 75 Prozent der Jugendlichen halten diese Lebensform für ratsam und richtig. So wird auch verständlich, daß die Heiratszahlen in den letzten Jahrzehnten rückläufig sind: Von 1961 bis 1993 um 25 Prozent.

„Probe-Ehen”: sehr instabil

Allerdings muß man bedenken, daß diese Partnerschaften Unverheirateter eine noch größere Instabilität aufweisen als Ehen. Untersuchungen in den USA deuten darauf hin, daß zwei Drittel dieser Paare spätestens nach zweijährigem Zusammenleben wieder auseinandergehen. Genaugenommen stellt eine solche Trennung eine - wenn auch nicht offiziell registrierte - Form der Scheidung dar.

Zu bedenken ist weiters, daß von

einem solchen Auseinandergehen ebenfalls sehr oft Kinder betroffen sind. Ein wachsender Anteil der Kinder kommt nämlich unehelich zur Welt: 26,3 Prozent der Geburten waren es 1993 (ein doppelt so hoher Anteil wie 1971).

Wie hoch der Anteil dieser „Ehen ohne Trauschein” in Osterreich ist, läßt sich derzeit nicht feststellen, da die Ergebnisse der Volkszählung 1991 erst in einigen Wochen veröffentlicht werden. 1987 betrug ihre Zahl jedenfalls 82.000. Sie dürfte seither um einiges gestiegen sein.

Wachsende Unverbindlichkeit und größere Instabilität der Mann-Frau-Beziehungen: Das ist jedenfalls der Eindruck, den die Statistik vermittelt. Wie das zu bewerten ist? Die Tagespresse bringt Jahr für Jahr die neuesten Scheidungsziffern in Form von Alarmmeldungen mit einprägsamen Schlagzeilen. Dieser Eindruck der Besorgnis ist jedoch nur vordergründig, denn die Medien tragen wesentlich zum heute eher schlechten Image der Ehe bei. Dazu typische Schlagzeilen: „Baby ja - Ehe nein” („Bunte”), „Was spricht gegen eine kleine Affäre?” („Kurier”), „Plädoyer für einen großen Sack voll Leidenschaft, Aufschrift Vieltreue” („profil”)., „Anleitung für den Seitensprung” („Wienerin”)...

Da wird also der Seitensprung

ebenso hochgejubelt wie das Single-Dasein und die Ehe als Grab der Freiheit miesgemacht. Ehe und Familie suspekt zu machen, entspricht dem Zeitgeist. „Ich denke, daß man die Familie abschaffen muß”, hält Simone de Beauvoir fest. Und Alice Schwarzer: „Mit beginnender Emanzipation wird ... aus dem tpta-len Objekt, aus der sich ergeben prostituierenden Ehefrau, ein Subjekt... Jeder Emanzipationsversuch muß früher oder später in einer Sackgasse landen, solange jede Frau einzeln privat dem Mann ausgeliefert ist...”

Eine Befreiung?

Stellt sich die Frage: Ist die Verwirklichung dieses Lebensmodells dem Menschen zuträglich? Befreit die Lösung ehelicher Bindungen den Menschen? Ist Scheidung eine Lösung?

Im Grunde genommen liegt die Antwort auf der Hand: Wer das Zerbrechen einer Ehe in seinem Bekanntenkreis miterlebt, weiß, mit wieviel menschlicher* Not dieser Vorgang verbunden ist. Da ist zunächst das betroffene Paar. Wie belastend Scheidungen sind, das läßt sich sogar aus der Statistik herauslesen. Die Sterblichkeit Geschiedener liegt in allen Altersstufen deutlich höher als die der Verheirateten. Sie übertrifft sogar jene der Verwitweten. Besonders ausgeprägt ist das bei den Männern: Für 30- bis 40jährige ist es bedrohlicher, sich scheiden zu lassen, als stark zu rauchen. Auch ein Vergleich der Selbstmorddaten läßt ähnliches erkennen: Die Anfälligkeit der Geschiedenen ist überdurchschnittlich hoch.

Sicher sind diese Hinweise noch kein Beleg für eine allgemeingültige, negative Antwort auf die Frage: Scheidung - eine Lösung? Auch wird man kaum eine für jeden Einzelfall gültige Antwort auf die Frage geben können. Dennoch lassen sich Grundtendenzen aufzeigen.

Wie schwerwiegend die Folgen von Scheidungen für alle Betroffenen sind, zeigt wohl am deutlichsten die Langzeituntersuchung der US-Psychologin Judith Wallerstein. Sie war an ihre Arbeiten mit der Hypothese herangegangen, daß halbwegs „normale Menschen innerhalb eines Jahres in der Lage sein müßten, mit den Problemen einer Scheidung fertig zu werden.”

Wie diese Gesundung vor sich gehe, das wollte sie beobachten. Im Zuge ihrer Arbeiten (der Beobachtung von 60 Scheidungsfamilien während 15 Jahren) mußte sie jedoch ihre Vorstellungen revidieren. Da war zunächst das Phänomen, daß die Auseinandersetzungen der Eltern mit der Scheidung meist nicht beendet waren: Am Telefon oder an der Tür beim Abholen der Kinder kam es regelmäßig zu Konflikten.

Verlust der Geborgenheit

Das größte Leid aber hatten die Kinder zu tragen: „Ein Gefühl der Zerstörung”, registrierte die Psychologin bei sehr vielen von ihnen. Kinder verlieren nicht nur den Baum der Geborgenheit, den die Ehe der Eltern darstellt, sondern sie büßen meist auch die Eltern als Gesprächspartner ein. Diese sind nämlich meist so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, daß sie sehr oft weder die Kraft, noch die Zeit haben, sich ihren Kindern nur halbwegs ausreichend zuzuwenden. Die Folge für die Kinder: Schuldgefühle (siehe auch Seite 12) und Selbvorwürfe, ihren Eltern nicht genug geholfen zu haben. Bei neun- bis elfjährigen dominieren Gefühle der Wut und der Ohnmacht, bei älteren beobachtet man vor allem eine verletzte Selbstachtung. Besonders bemerkenswert aber: 40 Prozent der Kinder litten sogar zehn Jahre nach der Scheidung unter den Streitigkeiten der Eltern und fühlten sich ständig hin- und hergerissen...

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