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"Verunsicherte Männer neigen zur Sucht"

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Für Migranten mit Suchtproblemen gibt es in Österreich kaum geeignete Beratungsangebote. Oft komme es dadurch zu einer weiteren Ghettoisierung, kritisiert Erdal Kayhan. Er war der erste Psychologe in Wien, der eine Suchtberatung auf Türkisch angeboten hat.

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Für Migranten mit Suchtproblemen gibt es in Österreich kaum geeignete Beratungsangebote. Oft komme es dadurch zu einer weiteren Ghettoisierung, kritisiert Erdal Kayhan. Er war der erste Psychologe in Wien, der eine Suchtberatung auf Türkisch angeboten hat.

Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen oder in der Hoffnung auf ein besseres Leben eine neue Heimat suchen, sind verstärkt mit Stress und Risiko konfrontiert - und daher auch suchtgefährdeter. Erfahrungen wie Statusverlust, Heimweh, Diskriminierung und enttäuschte Erwartungen an das Einwanderungsland fördern das Sucht-Potenzial. Trotzdem sind Menschen mit Migrationshintergrund nicht öfter suchtabhängig als andere Bevölkerungsgruppen, sie konsumieren laut Statistik sogar weniger Alkohol als der österreichische Durchschnitt. Welche Rolle individuelle, soziale und kulturelle Faktoren bei der Sucht von Migranten spielen, ist noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht, dass Migranten seltener Beratungen aufsuchen, weil sie schlechte Erfahrungen mit Ämtern gemacht haben, Angst vor weiterer Stigmatisierung oder gar aufenthaltsrechtlichen Folgen haben oder die Sucht familiär tabuisiert und die Therapie als Zeichen der Schwäche ausgelegt wird.

Doch in der Suchthilfe fehlt es oft an interkultureller Kompetenz. Dringend bräuchte es maßgeschneiderte Präventionsstrategien und Behandlungsmethoden für Betroffene, meint Erdal Kayhan, der in seiner Praxis in Wien Sucht- und Eheberatung in türkischer Spracheanbietet. Der türkischstämmige Psychologe hat letzte Woche beieinem Symposium zum Thema Migration und Sucht des Departments für Migration und Globalisierung an der Donau-Uni Krems aus der Praxis berichtet.

DIE FURCHE: Welche Migrationsfaktoren spielen bei Ihren Klienten in der Suchtberatung eine Rolle?

Erdal Kayhan: Ich bin vor allem mit der Spielsucht von türkischen Männern konfrontiert, die unmittelbar mit der Migration zu tun hat. Diese Männer leiden nicht selten unter Traumata und Anpassungsstörungen, sind in Österreich depressiv geworden. Mit dem Spielen hatten sie bis zum Zeitpunkt der Migration nichts zu tun. Oft sind sie durch eine Heirat nach Österreich gekommen und haben keine Mitglieder ihrer Herkunftsfamilie vor Ort. Sie können keinen adäquaten Job finden, verlieren an Selbstvertrauen. Ihre Frauen hingegen sind meist schon in Österreich aufgewachsen, viel besser integriert und haben auch Arbeit.

DIE FURCHE: Welche Probleme entstehen durch die Spielsucht?

Kayhan: Es kommen finanzielle und psychische Probleme hinzu. Die Männer brauchen dann unbedingt eine Eheberatung. Ihre Frauen müssen ins Gespräch eingebunden werden, denn die Männer brauchen deren emotionale Unterstützung. Die Frauen sehen die Spielsucht als Persönlichkeitsschwäche oder Absicht des Mannes und meinen, er könnte schnell wieder damit aufhören. Es ist aber nicht so einfach. Meist sind es auch die Frauen, die einen Termin bei mir vereinbaren. Seit mit Jahresanfang die Spielautomaten in Wiener Lokalen verboten wurden, habe ich allerdings keinen neuen Fall dazu bekommen.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt der Islam für die Betroffenen? Glücksspiel und auch Alkohol sind unter Muslimen doch verpönt.

Kayhan: Das muslimische Glücksspielverbot wirkt bei den Muslimen in Österreich nicht, das Alkoholverbot sehr wohl. Generell ist ja jede Art von bewusstseinsändernden Drogen im Islam verboten. Dasselbe gilt für Selbstmord. Nicht selten habe ich die Aussage gehört: "Wenn ich kein Muslim wäre, hätte ich mich schon umgebracht." Für jüngere Muslime ist aber die Religion kein beträchtliches Schutzschild mehr. Was vor allem hilft, ist Wissen. Und das männliche Rollenbild in der türkischen Community müsste dringend gestärkt werden.

DIE FURCHE: Welche Suchtprobleme haben Ihre Klientinnen?

Kayhan: Ich habe fast keine Klientinnen, die selbst süchtig sind. Meist leiden sie unter der Sucht ihres Mannes. Wenn Frauen süchtig sind, wurden sie meist durch den Mann oder Sohn mit der Droge Cannabis in Kontakt gebracht. Ich beobachte aber, dass die Kaufsucht im Steigen ist bei türkischen Frauen. Sie streben zwar nach einem westlichen Lebensstandard, wollen aber traditionell als weiblich geltende Werte wie Emotionalität oder Gebundenheit bewahren. Obwohl sie oft selbstständig leben können, ist da noch immer eine emotionale Abhängigkeit, eine unbewusst passive Rolle, aus der ich ihnen heraushelfen möchte.

DIE FURCHE: Auch die Cannabis-Sucht ist ein wachsendes Problem bei jungen türkischen Männern?

Kayhan: Ja. Die Eltern fühlen sich überfordert und reagieren mit Angst, Verzweiflung oder Wut. Meist versuchen sie, damit selbst klar zu kommen, was immer zu einem Misserfolg führt. Sie wissen kaum Bescheid über die Suchtproblematik und den richtigen Umgang. Inzwischen hat sich in der Community herumgesprochen, dass es eine türkischsprachige Suchtberatung gibt, und die Leute kommen schneller in die Beratung. Die Betroffenen bevorzugen muttersprachliche Berater, die auch die kulturellen Hintergründe besser verstehen können.

DIE FURCHE: In Wien gibt es eine türkischsprachige Beratung in den beiden Gesundheitszentren MEN und FEM Süd. Für eine Community von rund 270.000 Menschen ist das doch nicht ausreichend.

Kayhan: Da und dort höre ich, dass es in den Spitälern einen türkischsprachigen Arzt gibt, aber es fehlt ein koordiniertes Gesamtkonzept. Die Qualität der öffentlichen Beratungsstellen ist ziemlich am Boden. Sprachlich und kulturell angemessene Angebote gibt es kaum, vor allem nicht bei den zuständigen Stellen für Süchte. Eine Beratung kann man mithilfe eines Dolmetschers absolvieren, aber für eine Therapie braucht es einen Austausch in der Muttersprache. Es scheitert aber nicht nur an der Sprache - ich habe auch Klienten der zweiten oder dritten Generation, die wegen des kulturellen Verständnisses zu mir kommen. Ein Beispiel: Um von türkischen Migranten als Experte geachtet zu werden, muss man das Gespräch klar führen und ernst auftreten. Die meisten können sich aber nur ein paar Termine bei mir leisten.

DIE FURCHE: Welchen gesundheitspolitischen Handlungsbedarf sehen Sie daher?

Kayhan: Isolierte Angebote nur für Migranten führen zu weiterer Ghettobildung. Stattdessen sollte man interkulturelle Fachteams aus den Bereichen Psychiatrie,-Psychotherapie, Psychologie und Sozialarbeit in die zuständigen Institutionen eingliedern. Das Interesse der Institutionen war bisher sehr gering, in den interkulturellen Bereich zu investieren. Es gibt eine Reserviertheit der Fachleute, mit Migranten im psychologischen Bereich zu arbeiten - ich vermute, aus Angst, Fehler zu machen. Dabei könnte das Fachpersonal sicher mit türkischen Klienten arbeitenund ich behaupte, dass ich die Leute dafür ausbilden könnte.Ich finde es sehr problematisch, dass qualitative Angebote für Migranten weder inhaltlich noch finanziell unterstützt werden. Dabei ist das Interesse der türkischen Community groß. Über den Gesundheitsbereich könnte man sehr viel an Integrationsleistung schaffen.

Das Gespräch führte Sylvia Einöder

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