6999227-1987_19_14.jpg
Digital In Arbeit

Ohne Privileg

Wie steht es mit dem Bekemit-nis zur Gleichberechtigung im Beruf? Zweifellos wurden in den letzten dreißig Jahren Erfolge erzielt. Durch den Konjunkturaufschwung der sechziger und siebziger Jahre fanden die Frauen Zutritt zum Arbeitsmarkt. Sie haben formell annähernd die gleichen Ausbildungschancen und Berufsmöglichkeiten erhalten. Auf gesetzlicher Ebene gab es zahlreiche Veränderungen in Richtung einer Gleichberechtigung. Ich will die Bedeutung vieler Errungenschaften gar nicht in Abrede stellen, glaube aber nicht, daß bereits genug getan wurde. Andererseits gibt es Bereiche, in denen Privile-

gien für Frauen bereits zu Diskriminierungen werden.

Nach wie vor gilt als Tatsache, daß die Arbeit der Frauen jenen, die sie bezahlen, weniger wert ist als die der Männer. Der Anteil der Frauen an den unselbständig Beschäftigten Österreichs beträgt gegenwärtig 40 Prozent. Von rund 2,8 Millionen Arbeitnehmern sind fast 1,2 Millionen Frauen. Das mittlere Einkommen in Österreich mit Ende Juli 85 betrug für Männer brutto 14.726 Schilling, für Frauen brutto 9.753 Schilling. Realistisch gesehen sind Mann und Frau am Arbeitsplatz meist Rivalen.

Diese Rivalität hat sich in den vergangenen Jahren durch die angespannte Lage am Arbeitsmarkt, durch den finanziell begründeten Zwang zur Berufstätigkeit und durch die steigende Bildung der Frauen verschärft. Immer weniger Frauen können finanziell eine Unterbrechung der Berufstätigkeit verkraften und sich ganz der Kindererziehung widmen. Weil mit steigender Ausbildung Frauen immer mehr Freude an ihrem Beruf gewinnen, auch immer mehr Frauen Leitungsfunktionen anstreben, wird die durchgehende Berufstätigkeit häufiger. Diese Entwicklung wird sich zunehmend beschleunigen. Außerdem gilt die Ehe längst nicht mehr als sichernder Lebensunterhalt.

In der Arbeitswelt der Zukunft werden menschliche Qualitäten, wie Intelligenz, Schöpferkraft, Einfallsreichtum, aber auch Einsatzfreude, Verläßlichkeit, Gemeinsinn und soziale Aufmerksamkeit, Flexibilität, Mobilität gegenüber dem Besitz von Kapital und Rohstoff sehr an Bedeutung gewinnen. Das ist eine gewaltige Herausforderung.

Mittel- und langfristig wird jede zweite Beschäftigung von Mikroelektronik betroffen sein. Die Mikroelektronik verlangt aber beispielsweise flexible Arbeitszeiten, Projektarbeit, Heimarbeit mit Qualitätsprofil.

Ein Spezialproblem bildet das für Frauen bisher geltende Nachtarbeitsverbot. Schutzbestimmungen, die 1969 durchaus berechtigt waren, werden heute in Frage zu stellen sein. Bringt es den Frauen nicht mehr Schaden als Nutzen, wenn man an diesem Verbot festhält? Werden nicht Frauen aus bestimmten Berufen, aus bestimmten Branchen aussteigen müssen, oder in neue Berufe nicht einsteigen können, wenn sie nicht, wie auch Männer, in den Nachtstunden zur Verfügung stehen? Auch international wird erwogen, das Nachtarbeitsverbot aufzuheben oder zu lok-kem.

Schweden hat diesen Schritt bereits 1979 getan, in Deutschland und in Holland wurde eine Lockerung vorgenommen. (In vielen Bereichen — und nicht immer den bestbezahlten — wird ja Nachtarbeit für Frauen durchaus zugelassen.)

Der Schutzcharakter dieses Privilegs der Frauen, der bei Einführung des Gesetzes 1969 durchaus seine Berechtigung hatte, kann heute zu Diskriminierungen führen. E s entspricht nicht den Interessen der Frauen im Berufsleben, von einem generellen Nachtarbeitsverbot auszugehen. Der Schritt vom grundsätzlichen zum gezielten Nachtarbeitsverbot sollte überlegt werden. Dort, wo zwingende gesundheitliche Gründe gegen die Nachtarbeit sprechen, dort ist sie auch für die männlichen Kollegen schädlich und sollte auf ein Minimum reduziert werden.

Die Frauen sind in der Berufsund Arbeitswelt viel realistischer geworden. Sie wissen, daß Eigenschaften, wie Mobilität, Flexibilität, Umlernbereitschaft und Eigeninitiative für die neuen Herausforderungen besonders notwendig sind. Den Frauen muß es aber auch gelingen, die Männer davon zu überzeugen, daß Chancengleichheit im Beruf für die Frau nur dann möglich ist, wenn es eine Partnerschaft in der Familie gibt.

Ich bin davon überzeugt, daß in absehbarer Zukunft die Arbeitsleistung des Menschen zu einem Teil ein Gesellschafts-Soll werden wird. Jeder einzelne, ob Frau oder Mann, wird neben seiner Arbeitsleistung andere Leistungen für die Gesellschaft zu erbringen haben. Neue Prioritäten werden notwendig, „ökologisches“ Leben statt Lebensvernichtung, reduzierter Konsum statt Konsumsteigerung, stärkere Selbsthilfe statt Bezahlung von Drittarbeit, Lebensbescheidenheit statt zielloser Expansion. Diese Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden von Menschen getragen werden, und nicht mehr von Frauen oder Männern.

Die Autorin ist 0 VP-Abgeordnete zum Nationalrat, Bundesvorsitzende der Frauen und Obmann der Bundessektion Angestellte im ÖAAB und Präsidiumsmitglied der Fraktion Christlicher Gewerkschafter.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau