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„FLEXITIME" UND BETREUUNG DER KINDER

Immer mehr gut ausgebildete Frauen stellen im Beruf „ihren Mann". Vor die Entscheidung gestellt, Beruf oder Kinder, wählen sie in zunehmendem Maß den Beruf. Verständlich, denn Doppelbelastung und Schwierigkeiten bei der Rückkehr ins Arbeitsleben nach Jahren der Kindererziehung sind enorm. Flexible Arbeitszeiten und erstklassigeKinderbetreuungseinrich-tungen werden daher als Gegenmaßnahmen für das Abwandern aus der Familie gefordert.

Von einer permanent ansteigenden Zahl von Teilzeitbeschäftigten spricht die österreichische Statistik, wobei Haushälterinnen, Hausgehilfinnen. Hauswarte und Reinigungspersonal mit 48 Prozent die Spitze anführen. Zuwachsraten von 50 bis 60 Prozent, allerdings ausgehend von bisher relativ niedrigen absoluten Zahlen, verzeichnen Tätigkeiten im Handel, im Gesundheits- und Fürsorgewesen und in der öffentlichen Verwaltung. Vergleicht man die Ergebnisse des Mikrozensus 1974 mit denen des Jahres 1987 (1984 rekrutiert sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten vorwiegend aus Frauen) arbeitete 1987 jede sechste Frau in Teilzeit, aber nur etwas über ein Prozent aller beschäftigten Männer. Drei Viertel dieser Frauen haben mindestens ein Kind.

Junge, ledige Frauen sind meistens vollbeschäftigt. Erst ab Mitte zwanzig steigen die Teilzeitquoten deutlich an und erreichen bei Frauen von 40 bis unter 50 die höchsten Werte. Dabei ist ein bemerkenswerter Trend

auszumachen: Der Anteil von Frauen mit Pflichtschulbildung nimmt ab, jener von Frauen mit mittlerer, höherer oder akademischer Bildung zu.

Daß die meisten Teilzeitarbeitenden in Wien zu finden sind, gefolgt von Vorarlberg, Tirol und Salzburg,

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Dohnal plädiert für einen Sechs-Stunden-Arbeitstag bis zum 6. Lebensjahr des Kindes...

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mag mit den Stellenangeboten in diesen Bundesländern zusammenhängen. Während jedoch in Wien die Zahl kaum zugenommen hat, ist sie in den meisten anderen Bundesländern deutlich gestiegen.

Die Probleme berufstätiger Mütter und potentieller Berufsrückkehrerin-nen sind so vielschichtg, daß nur individuelle „maßgeschneiderte" Lösungen greifen: Frauen und Männer sollten einerseits zwischen verschiedenen flexibleren Erwerbsformen und kindergerechten Betreuungsangeboten andererseits wählen können. Johanna Dohnal, Bundesministerin für Frauenangelegenheiten, definierte recht nachdrücklich ihre Wunschvorstellungen im TV-Club 2 vom 17. April 1991. Sie plädierte für einen Sechs-Stunden-Arbeitstag bis zum 6. Lebensjahr des Kindes. Den Sechs-

jährigen sollten dann ganztägige Schulformen angeboten werden können. (Derzeit beträgt das Angebot an Ganztagsschulen eineinhalb Prozent.)

Damit die Betreuung der Kinder während der Ferien, die Pflege kranker Kinder besser bewältigt werden können, sollte den Eltern ein Zeitbudget gewährt werden, das bis zum 14. Lebensjahr des Kindes in Anspruch genommen werden kann. Der eklatante Mangel an Kindergartenplätzen müßte schnellstens behoben und das Angebot an ganztägigen Kindergärten österreichweit ausgebaut werden.

Für Teilzeitarbeit kann sich die Ministerin allerdings nur bei vollem Lohnausgleich begeistern. Scheint diese Forderung etwas hoch gegriffen, kommen Beispiele aus Frankreich solchen Vorstellungen schon recht nahe.

Im europäischen Vergleich bieten der französische Staat und die Kirchen für berufstätige Mütter die beste Infrastruktur. Die Ganztagsschule mit Schulkantine ist für alle Altersstufen selbstverständlich. Neben den recht zahlreichen und sehr guten Kinderkrippen (eine Betreuerin für drei Kinder) gibt es Horte für die Betreuung während der schulfreien Zeit.

In Frankreich besuchen vierzig Prozent der Zweijährigen einen Kindergarten, praktisch hundert Prozent der dreijährigen Kinder besuchen die „maternelle", eine Mischung aus Vorschule und Kindergarten.

Kindergerechte Betreuungsmöglichkeiten, möglichst weit entfernt von

reinen Verwahrungsanstalten, sind eine wichtige Sache, flexible Erwerbsmöglichkeiten die andere.

Schon 1985 forderte etwa der Katholische Familienverband in Österreich familienfreundliche Arbeitszeiten und propagierte Gleit- und Teilzeitregelungen, sowie die Verlängerung des Karenzurlaubs um zwei Jahre: „Die Arbeitswelt muß sich der Familie anpassen und nicht umgekehrt."

In der ÖVP führte die Salzburger Handelskämmerin Helga Rabl-Stad-ler den Kampf um „Flexitime". Durch eine Gesetzesänderung sollte erreicht werden, daß die wöchentliche Normalarbeitszeit innerhalb eines Jahres zwischen 35 und 45 Stunden schwanken darf. Die Arbeitnehmervertreter konnten sich weder für Teilzeitregelungen noch für eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit erwärmen.

Gegen die Teilzeit wird ins Treffen geführt, daß sie keine Aufstiegsmöglichkeiten biete und dem Unternehmer ein billiges Überstundenpotential eröffne, weil Mehrleistungen zwischen vereinbarter Arbeitszeit und gesetzlicher Normalzeit nicht über-stundenzuschlagspflichtig seien.

Gegen die flexible Arbeitszeitgestaltung wurde damit argumentiert, daß Arbeitsintensivierung und Einkommensverlust die Vorteile - Wegfall des Pünktlichkeitsgebotes, bessere Anpassung des Arbeitsbeginns an persönliche Bedürfnisse und Anforderungen, subjektiver Eindruck größerer Freiheit - nicht aufwiegen.

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