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Digital In Arbeit

DIE SANFTE KARRIERE

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Das Erreichen der 35-Stunden-Woche wird eines Tages einen Schlußpunkt in der Tarifpolitik darstellen. Nach neuen Zielen und anderen Prioritäten muß dann Ausschau gehalten werden.

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Das Erreichen der 35-Stunden-Woche wird eines Tages einen Schlußpunkt in der Tarifpolitik darstellen. Nach neuen Zielen und anderen Prioritäten muß dann Ausschau gehalten werden.

Wer die ständig zunehmende Leistungsdichte am Arbeitsplatz registriert, weiß sehr wohl, daß sie nur über eine neue Leistungslust erreichbar ist - über neue Gratifikationen, mehr Frei- und Spielräume, mehr Wahlmöglichkeiten und Optionen für Zeitsouveränität. Das aber ist weitgehend „tarifpolitisches Neuland" für die Zukunft.

Es müssen vor allem mehr Brücken zwischen Berufs- und Privatleben gebaut werden. Wer bisher beruflich Erfolg haben wollte, mußte auf viel freie Zeit verzichten können, was auf Dauer persönlich und familiär kaum verkraftet werden konnte. Familiäre Verpflichtungen wurden vernachlässigt, die Partnerschaft geriet unter Druck, Entfremdung und Auseinanderleben waren oft die Folge. Die Kehrseite von Karriere und Erfolg (meist des Mannes) war die Langeweile und gesellschaftliche Isolierung (meist der Hausfrau). Nicht dem Partner davoneilen, sondern eine möglichst weite Strecke gemeinsam gehen, wird zu einer neuen Gestaltungsaufgabe der Zukunft. Freude am Arbeiten und private Erfüllung müssen wieder als Ganzheit gesehen, Arbeit und Beruf mit Familienleben, Freundeskreis und Freizeitinteressen in Einklang gebracht werden.

Unternehmer müssen umdenken. Denn die jungen „Karrieristen" von heute entdecken die Lust am ganzen Leben. Sie leben nicht mehr vom Job und für die Karriere allein. Für zwei Drittel (63 Prozent) der jungen Berufstätigen im Alter bis zu 34 Jahren heißt einer Umfrage vom Juni 1991 zufolge (siehe Graphik) des Hamburger B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitutes berufliche Karriere in erster Linie „eine Arbeit haben, die Spaß macht". Hingegen interessieren, Jrüh-rungspositionen" (28 Prozent), „hohes Ansehen" (20 Prozent), „lange Arbeitszeiten und wenig Freizeit" (sieben Prozent) nur am Rande. Die junge Generation sucht eine Karriere jenseits von Prestige und Position. Die meisten jungen Leute fragen zuerst danach, wie sie ihre „eigenen beruflichen Vorstellungen verwirklichen können" (58 Prozent). Sie fragen nach persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Beruf, nach mehr Freiräumen für das eigene Gestalten und nach dem, was ihnen die Arbeit persönlich bringt. Arbeitszeit ist für neue Karrieregeneration Lebenszeit, bei der die Sinnfrage nicht ausgeklammert werden darf. Ihre Schlüsselfrage lautet nicht mehr: Kann ich viel verdienen?, sondern: Wie sieht mein Job aus?

Haben Frauen umgedacht?

Frauen repräsentieren rund 52 Prozent der deutschen Bevölkerung und 38 Prozent der Erwerbstätigen, stellen aber nur zwei Prozent der oberen Führungskräfte. Dieses Mißverhältniswird „auch" durch die Frauen selbst verursacht, wie die B. A. T. Untersuchung deutlich macht:

□ Zwölf Prozent aller berufstätigen Frauen signalisieren von vornherein, daß sie „kein Interesse an beruflicher Karriere" haben.

□ Nur etwa ein Drittel der berufstätigen Frauen (36 Prozent) denkt bei Karriere an beruflichen „Aufstieg". Fast zwei Drittel (66 Prozent) hingegen wollen von beruflicher Karriereleiter nichts wissen und überlassen den Männern freiwillig das Feld der oberen Führungsetagen. Selbst die jüngere Generation der berufstätigen Frauen im Alter bis zu 34 Jahren denkt bei Karriere nur zu 44 Prozent an Aufstieg, für eine knappe Mehrheit (56 Prozent) von ihnen aber hat Karriere nichts mit Aufstieg zu tun. □ Nur ein Fünftel (21 Prozent) der berufstätigen Frauen kann sich vorstellen, „als Vorgesetzte in Führungspositionen tätig zu sein". Die meisten (79 Prozent) finden sich mit der männlichen Dominanz der Chefsessel ab.

Berufliche Karriereplanung heißt für Frauen auch persönliche Lebensplanung. Frauen arbeiten in erster Linie für sich und ihre Erfolgserlebnisse und „messen" ihre Erfolge deut-lich weniger als Männer an Einkommens„höhen", Aufstiegs „stufen" oder Führungs„positionen". Sie wollen Karriere erleben und nicht nur machen. 51 Prozent der berufstätigen Frauen empfinden es für sich schon als Karriere, wenn sie im Beruf Erfolgserlebnisse haben. Das Erreichen von Führungspositionen hat für sie nachgeordnete Bedeutung (21 Prozent). In ihrer Einstellung zum Beruf zeigen sie sich weniger materialistisch: Geldverdienen ist sicher wichtig, aber „viel Geld verdienen" nur für ein Drittel der berufstätigen Frauen * erstrebenswert.

Karrieren sind bisher weitgehend .Männerkarrieren' gewesen. Mit der wachsenden Erwerbstätigkeit der Frauen muß der Karrierebegriff neu definiert werden. Karrieren können in Zukunft nicht mehr nur eindeutig als „Laufbahnen" verstanden werden, die man möglichst schnell durchläuft - vergleichbar dem Fachbegriff „Karriere" im Pferdesport, der „die schnellste Gangart" beschreibt. Das männlich geprägte Bild vom schnellen Erklimmen der Karriereleiter muß überholt und ergänzungsbedürftig erscheinen. 94 Prozent der berufstätigen Bevölkerung wollen von „langen Arbeitszeiten und wenig Freizeit" nichts mehr wissen. Karriereplanung ja - aber nicht auf Kosten der eigenen freien Zeit. Lediglich bei Selbständigen ist die Ablehnungsquote (85 Prozent) etwas geringer.

„Ich will mehr Zeit für mich" -diese Forderung gab es früher eigentlich nur bei Frauen. Jetzt werden auch die Männer sensibel und übernehmen weibliche Lebensziele. Sie möchten beides haben und genießen: Arbeitszeit und Freizeit. Gleichberechtigt sollen sie nebeneinander stehen, Privates also genauso wichtig wie Berufliches sein. Das Freizeitleben soll seinen Inselcharakter verlieren.

Tun, was Spaß macht

Die neue Karrieregeneration wählt die Form der „sanften Karriere", will ebenso leistungsmoti viert, zielstrebig und erfolgsorientiert sein, läßt sich aber nicht mehr nur von „harten Prinzipien" wie Geld, Macht und Aufstiegsstreben leiten. Sie hat Spaß an der Arbeit, Freude am Erfolg und Lust an der Verwirklichung eigener beruflicher Vorstellungen.

In dieser veränderten Sichtweise ist die Frage „Kind oder Karriere?" beziehungsweise „Wie kann ich mich durchsetzen und aufsteigen?" für viele Frauen falsch gestellt, weil ihr Wunsch nach sanfter Karriere mehr auf Lebenserfüllung und persönliche Erfolgserlebnisse zielt und weniger von Prämien und Positionen abhängig ist. „Aufstieg" ist nicht mehr alles. Kinder können zwar auch in Zukunft Aufstiegschancen von Frauen mindern, aber nicht ihre persönlichen

Karrierewünsche blockieren. Frauen wollen für sich selbst definieren, was „Karriere" ist. Kinder müssen dabei kein Hindernis sein, weil für die meisten Frauen die berufliche Karriereleiter Nebensache, das persönliche Erfolgserlebnis im Beruf aber die Hauptsache ist.

Der Karrierebegriff bleibt in Zukunft nicht mehr allein auf den beruflichen Bereich beschränkt - er bekommt Konkurrenz vom Freizeitbereich. Denn hier kann jeder tun, „was Spaß macht": Ein vielfältiges Profi-lierungsfeld für individualistische Karrieren. Schon spricht man in der neueren Sozialforschung von der „Sinnwelt Freizeit" und von „Freizeitkarrieren". Insbesondere in der jüngeren Generation entwickeln sich zunehmend neue „Qualifikationsprofile" für Freizeitkarrieren als Musiker, Sportler, Heimwerker, Globetrotter oder Computerfreak, die fast professionelle Ansprüche erfüllen und Hobby- und Berufsinteressen miteinander verbinden. Die neuen Freizeitprofis finden genausoviele attraktive Profilierungsmöglichkeiten vor wie die Karrieristen im Beruf: Aufnah-meritual, Leistungsanforderungen, Konkurrenzsituationen, Selbstdarstellungen, Erfolgserlebnisse und Aufstiegsmöglichkeiten in der Clique, im Club oder im Verein. Lediglich die gesellschaftliche Anerkennung blieb vielen bisher noch versagt. Doch zeichnet sich für die Zukunft ab, daß .Aufsteiger" und „Workaholiker" mit ihrem Bekenntnis „Ich arbeite viel für meine Karriere" um ihr Prestige bangen müssen angesichts des steigenden Kurswertes außerberuflicher Karrieristen wie „Ich bin Surfer, Golfer oder Tennisspieler".

Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Freizeit-Forschungsinstitutes.

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