Viele Berufe waren und sind klassisch weiblich geblieben. Die Frauenbewegung konnte die Bedingungen verbessern, aber die Muster und Strukturen ändern sich nur langsam.

Alle sind gleich, nur manche sind gleicher - dieses leicht abgewandelte Zitat aus George Orwells "Animal Farm“ gilt auch für die Arbeitswelt. Oberflächlich betrachtet, scheint dies nicht so zu sein: Von 4,1 Millionen Erwerbstätigen in Österreich sind 1,9 Millionen Frauen, die Erwerbsquote von Frauen liegt bei 70 Prozent, Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt sind frei. Bei den Selbstständigen sind Frauen vertreten, der Anteil der Firmengründerinnen liegt bei 40 Prozent. "Eine Verweiblichung der Wirtschaft findet aber noch nicht statt“, konstatiert die Psychotherapeutin und Sexualwissenschafterin Rotraud Perner.

Kratzt man an der Oberfläche, zeigt sich ein anderes Bild: Die österreichischen Führungsposten sind fest in Männerhand. In den Geschäftsführungen der 200 größten Unternehmen sitzen einer Studie der Arbeiterkammer zufolge nur 5,3 Prozent Frauen - von 627 Geschäftsführern sind 33 weiblich. Bei ATX- Unternehmen finden sich nur 4,7 Prozent Frauen in der obersten Führungsetage, bei den Prime-Market-Unternehmen sind es überhaupt nur drei Prozent.

Aufsichtsräte sind ebenfalls eine Domäne des männlichen Geschlechts: bei jenen in den Top-200-Unternehmen liegt der Frauenanteil bei 9,7 Prozent. Dort sind nur 141 der insgesamt 1454 Aufsichtsräte weiblich. Das soll sich ändern: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner plädiert dafür, die Aufsichtsräte in staatsnahen Betrieben bis 2013 zu 25 Prozent mit Frauen zu besetzen.

An mangelnder Qualifikation der Frauen liegt es nicht, dass sie im obersten, aber auch im mittleren und oberen Management nur spärlich vertreten sind: Sie sind mindestens genauso gut ausgebildet wie Männer oder noch besser. Dennoch landen nur acht Prozent der Akademikerinnen, aber 20 Prozent der Akademiker in einer Führungsposition.

Soziale Kompetenz - ein Nachteil?

"Dass dem so ist, liegt aber auch zu einem gewissen Teil auch an den Frauen selbst“, sagt Margareta Kreimer, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Unter anderem würden Frauen - im Gegensatz zu Männern - für sich zu wenig Raum beanspruchen und ihre Erfolge unter dem Wert verkaufen.

"Frauen sind vorsichtiger, risikoaverser, genügsamer und weniger brutal“, so Kreimer. Und würden mehr auf ihre Schwächen als auf ihre Stärken achten. Ein Punkt, den die Professorin in Trainings und bei der Berufsausbildung auszumerzen versucht, um die weiblichen Karrierechancen zu verbessern. Wobei weibliche Eigenschaften wie Organisationsstärke, Teamgeist und Multitasking bei vielen Arbeitgebern zunehmend gefragt sind - oder sind das nur Lippenbekenntnisse?

Frauen würden bei der Karriereplanung oft nicht weit genug denken, bedauert Kreimer: "Wer vier oder fünf Jahre daheim bleibt, darf sich nicht wundern, dass das Folgen hat.“ Dazu kommt, dass Frauen - so Perner - kompromissbereiter, kooperativer und sozial kompetenter sind. "Und sie lassen sich somit - auch finanziell - leichter austricksen“, sagt Perner. Denn Frauen verdienen um ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen - das sogar in der Führungsetage. Dem Wirtschaftsforum der Führungskräfte zufolge gibt es im Top-Management Einkommensunterschiede von durchschnittlich 40.000 Euro jährlich. Laut Eurostat belegt Österreich mit dem 25-prozentigen Einkommensunterschied den vorletzten Platz in der EU, vor Estland. Dort beträgt die Gehaltsdifferenz von Männern und Frauen 30 Prozent.

Dass Männer auch finanziell "so überbewertet sind“, führt Perner auf verschiedene Aspekte zurück: "Im 19. Jahrhundert ist Männern die Rolle des Ernährers und Existenzsicherers zugeschrieben worden, da Frauen - abgesehen von der Landwirtschaft - meist nur in dienenden Berufen wie Zofe, Gouvernante und ähnlichem zu finden waren.“ Und Frauen wurden auf die Rolle der "Dazuverdienerin“ beschränkt - eine Rolle, die ihnen bewusst und unbewusst auch heute noch auf den Leib geschrieben wird.

Die Sorge um die Buben

Kreimer führt noch einen anderen Aspekt ins Treffen: Frauen seien häufig in Berufen, die mit Betreuung und Erziehung zu tun haben, zu finden. "Das Problem daran ist, dass der Glaube verbreitet ist, dass Frauen die Kompetenz für diese Berufe von Natur aus haben und dafür keine Kompetenz erwerben müssten.“ Dies wirke sich auf die Bewertung und Wertschätzung aus: "Erziehung und Pflege beispielsweise waren jahrzehntelang Frauensache - und wurden im Familienverbund ohne Bezahlung und entsprechende Ausbildung geleistet.“ Genau das sei das Problem, argumentiert auch Perner.

Es gehe darum, darauf zu achten, was die Arbeit wert sei, und nicht, was eine Person verdiene. Perner sieht ein weiteres Problem: "Frauen nehmen ihre Arbeit ernst. Damit haben sie wenig Chancen gegenüber Gamblern.“ Viele Männer würden nach wie vor darauf trainiert, Frauen und auch die Arbeit nicht zu ernst zu nehmen.

Dass erziehende Berufe, vor allem in Kindergärten und Volksschulen, fast nur noch von Frauen ausgeübt werden, führt im Übrigen zu einem Paradoxon: Zunehmend werden Stimmen laut, die sich Sorgen um die Buben und die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen machen. Von Verweiblichung und Verweichlichung ist sogar die Rede. Aber warum haben sich Männer aus Kindergärten und Volksschulen zurückgezogen beziehungsweise ferngehalten? Eine Studie von Karin Plattner von der Pädagogischen Hochschule Tirol zeigt, dass die Tätigkeiten in Volksschulen von Männern unter anderem häufig als "weiblich“ eingestuft und ihre pädagogische Arbeit zu wenig geschätzt wird.

Die erzieherischen Berufe sind nicht die einzigen, die nahezu ausschließlich von Frauen ausgeübt werden. "Wir haben immer noch viele männer- und frauendominierte Berufe, da tut sich nicht viel, um diese Segregation aufzuheben“, weiß Kreimer. Dienstleistungen und viele Bereiche des öffentlichen Dienstes sind neben dem Erziehungs-, Betreuungs- und Pflegewesen in Frauenhand. Und das trotz aller Bemühungen, Mädchen und Frauen verstärkt in technische Berufe zu locken. Nach wie vor entscheidet sich rund die Hälfte der weiblichen Lehrlinge für Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin. Der Anteil der Mädchen in den höheren Schulen mit technischer Ausrichtung liegt bei nur rund elf Prozent - in den AHS sind es immerhin 57 Prozent.

Beruf keine Priorität?

Warum halten die jungen Frauen, die für technische Berufe qualifiziert wären, an traditionell als weiblich geltenden Berufen fest? Weil ihnen die "Work-Life-Balance“ wichtig ist? Weil sie andere Prioritäten im Leben haben - selbst wenn es sich dabei nicht um die Familie handelt? Dabei wäre es - so Perner - für die Wirtschaft von Vorteil, mehr Berufe stärker mit Frauen zu durchmischen: "Diese Verweiblichung würde heißen, dass weibliche Werte wie Kooperation, soziale Kompetenz, Fairness zum Tragen kämen.“ Was auch mit einem Gewinnstreben durchaus vereinbar wäre.

Einen Punkt gibt es, bei dem Frauen in der Arbeitswelt einen Vorteil hatten: In der Wirtschaftskrise waren vor allem Männer vom Verlust des Arbeitsplatzes betroffen - weil sie häufig in der exportorientierten Industrie tätig waren.

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