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"Wir brauchen Sie nicht mehr ..."

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich geht die Angst vor Arbeitslosigkeit um. Kaum ein Job gilt mehr als sicher. Trotzdem trifft es viele Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wenn sie plötzlich ohne Arbeit dastehen oder frühzeitig in Pension geschickt werden. Wie man den großen Schock bewältigen kann, beschreibt eine neue Furche-Serie.

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In Österreich geht die Angst vor Arbeitslosigkeit um. Kaum ein Job gilt mehr als sicher. Trotzdem trifft es viele Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wenn sie plötzlich ohne Arbeit dastehen oder frühzeitig in Pension geschickt werden. Wie man den großen Schock bewältigen kann, beschreibt eine neue Furche-Serie.

Die Kündigung, die hat mich wie ein Blitz getroffen." Immer noch ist die 49jährige Sekretärin eines Verkaufsleiters fassungslos. Viele Jahre hat sie für ihren Chef zuverlässig gearbeitet. Nach einem Kompetenzstreit mit dessen Nachfolger mußte sie gehen. Von heute auf morgen.

Ein 52jähriger Arbeitsloser - früher in leitender Position - berichtet : "Jeden Abend freue ich mich über die Bewältigung oder, treffender gesagt, über das Verleben eines weiteren Tages. Das ist neu und schrecklich. Das größte Defizit aber verspüre ich durch den Fortfall des Kollegenkreises. Da haben wir in den letzten Jahren vermehrt in Teams gearbeitet, wir haben das doch auch neu lernen müssen. Mir hat das Spaß gemacht. Ich habe auch Teams geleitet. Da bin ich wirklich ein wenig neidisch auf die Kollegen, die das noch haben. Familie ersetzt das nicht. Dieses ,Nichtmehrgebrauchtwerden' darf auf keinen Fall so bleiben. Davon werde ich krank!"

Solche Aussagen und Schicksale, zusammengefaßt in einer aktuellen Studie der Wiener Arbeiterkammer "Ältere am Arbeitsplatz", sind in Österreich immer häufiger zu hören: von Menschen, die - meist überraschend - gekündigt oder in den Ruhestand geschickt werden. Ohne Beschäftigung zu sein, ist nicht nur eine finanzielle Belastung für die Betroffenen. Arbeitslose Menschen fühlen sich oft nutzlos in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Geldverdienen ausgerichtet ist. Mit dem Verlust der Arbeit geht allmählich die soziale Anerkennung verloren, dann ein Stück persönlicher Identität. Und dann?

Ende August 1998 waren knapp 200.000 Menschen auf Jobsuche (97.622 Männer und 101.304 Frauen), das sind um zwei Prozent mehr als im August des Vorjahres.

Die Erfahrung, plötzlich ohne Job dazustehen, ist für viele ein Schock. "Das ist wie bei Verkehrsunfällen. Man glaubt, das trifft einen nicht selbst, sondern immer nur die anderen", sagt Gudrun Biffl vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Gekündigt zu werden ist aber heute längst kein Einzelschicksal mehr.

Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, ist in den letzten Jahren signifikant gestiegen, heißt es in einer Untersuchung des Arbeitsmarktservices (AMS). Mehr als die Hälfte aller Berufseinsteiger muß damit rechnen, in den ersten 15 bis 20 Jahren der Berufskarriere zumindest einmal arbeitslos zu werden. Bei mehr als einem Drittel der Beschäftigten wird sie längere Unterbrechungen aufweisen. Dabei, so das AMS, würden 30 Prozent der Arbeitslosen sogar Lohnzugeständnisse machen, lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen oder unübliche Arbeitszeiten akzeptieren. Zur Umschulung und Weiterbildung wären 60 Prozent bereit, 40 Prozent würden auch unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiten.

Doch der gute Wille von Arbeitslosen reicht meist nicht mehr aus, denn die Arbeitslosigkeit steigt seit Jahren. Nach nationalen Berechnungen beträgt die Arbeitslosenrate (registrierte Arbeitslose bezogen auf die Zahl der Erwerbspersonen) derzeit 5,9 Prozent. Besonders betroffen sind, so Wifo-Arbeitsmarktexpertin Gudrun Biffl, folgende Gruppen: * Jugendliche und Berufseinsteiger: "Die ersten, die in einer Konjunkturkrise den Job verlieren, sind die Einsteiger, da sie kaum mehr eine auf Dauer ausgerichtete Beschäftigung bekommen."

* Ältere Menschen: Jeder vierte Arbeitssuchende ist über 50. Bei Männern ist die Arbeitslosenquote in der Altersgruppe der 55- bis 59jährigen am höchsten, bei Frauen in jener der 50- bis 54jährigen. "Bei den Älteren trifft es Frauen genauso wie Männer. Die Männer vor allem auch dann, wenn sie hochqualifiziert sind, und davon gibt es nicht wenige", berichtet Biffl. Und das Problem bei älteren Arbeitslosen sei, daß sie auch meist längere Zeit ohne Erwerbstätigkeit bleiben.

Ältere Arbeitnehmer: teuer und oft krank?

"Man liest es immer zwischen den Zeilen bei den Absagen: man ist zu alt, und man hat zu viel verdient. Es kommt gar nicht zu Gesprächen", erzählt die eingangs erwähnte 49jährige Sekretärin von ihrer Jobsuche. "Es steht halt leider nicht auf der Nasenspitze, daß man es auch billiger geben würde." Eine 55jährige Filialleiterin im Textilhandel, die wegen einer Firmeninsolvenz gehen mußte, hat bereits resigniert: "Nach einem halben Jahr hab ich es dann aufgegeben mich zu bewerben." Sie bezieht jetzt Frühpension.

Ältere Arbeitskräfte sind zunehmend von Kündigungen betroffen und vielen verbleibt nur mehr die Wahl zwischen Langzeitarbeitslosigkeit und vorzeitigem Ruhestand, heißt es in einer Studie des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Wachstumsforschung in Wien. Nur die Hälfte der befragten Unternehmen interessiert sich für Bewerber über 45, mit über 50jährigen wollten nur noch ein Fünftel der Betriebe zumindest ein Gespräch führen.

Die Unternehmen begründeten die Ablehnung mit den bekannten Argumenten: zu teuer, zu wenig anpassungsfähig, unflexibel, nicht belastbar, oft krank und nicht weiterbildungsbereit. Ältere würden nicht mehr lange bleiben oder passen nicht in die betriebliche Altersstruktur. Diese Vorbehalte, so die Studie, seien aber nur bedingt haltbar. Das zeige sich nicht zuletzt daran, daß Unternehmen die Einstellung älterer Arbeitsloser meist nicht bereuen.

* Frauen: "Die Arbeitslosigkeit wird zunehmend weiblich" meldete kürzlich das AMS. Denn die Arbeitslosenrate steigt bei Frauen wesentlich stärker als bei Männern.

Frauen haben Probleme beim Wiedereinstieg nach der Kinderpause. "Jedes Jahr zu Hause bleiben kann man direkt am Lohneinkommen ablesen", so Biffl. "Beim Wiedereintritt in das Berufsleben, so um die 40, können Frauen nur noch merklich unter ihrer ursprünglichen Ausbildung und Entlohnung arbeiten."

Jede vierte Frau, aber nur zwei Prozent der Männer gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach. Da bei Teilzeitjobs nur wenig Chance auf betriebsinterne Weiterbildung und Aufstieg besteht, sind Teilzeitarbeiter häufig zuerst von Arbeitslosigkeit betroffen.

Generell gilt, weiß Arbeitsmarktexpertin Biffl: "Menschen ohne Qualifikationen, welches Alter auch immer, haben es besonders schwer."

Soweit die Fakten und Statistiken. Viel seltener werden wir darüber informiert, was es für die Betroffenen heißt, auf einmal nicht mehr im Arbeitsleben zu stehen. Wie sie damit umgehen, wie sie damit fertig werden. Deshalb startet die Furche jetzt ihre neue Serie "Arbeitslos! Was nun?" Ein Schwerpunkt wird unter anderen das Thema "Selbständig statt arbeitslos" sein. Denn das Rezept "sich seinen Arbeitsplatz selbst schaffen" wird von vielen Politikern heute als Allheilmittel gepriesen. Die Furche fragt: Stimmt das und ist das überhaupt so einfach mit der Selbständigkeit wie uns das Politiker und Wirtschaftsleute weismachen wollen?

Oft bleibt Arbeitslosen, vor allem hoch qualifizierten älteren Männern, wirklich nur mehr nur die Wahl zwischen Langzeitarbeitslosigkeit, Frühpension oder eben die Selbständigkeit. "So habe ich vier Jahre noch probiert, auf selbständiger Basis was zu machen", erzählt stellvertretend für viele Arbeitslose ein 59jähriger ehemaliger Mitarbeiter eines internationalen Sportartikelkonzerns, der sich nach Branchenkrise und Firmenliquidation als Handelsvertreter selbständig machte. Der gelernte Autoelektriker und Leistungssportler hat es nicht geschafft. Er mußte seinen Gewerbeschein wieder zurücklegen und bezieht jetzt Erwerbsunfähigkeitspension.

In den meisten Fällen ist der Schritt in die Selbständigkeit mit einem Einkommensverlust gegenüber dem vorhergehenden Gehalt verbunden, weiß Biffl. Die Zahl der Jungunternehmer (wobei sich "Jung" nicht auf das Alter bezieht: mehr als ein Drittel der Gründer ist jünger als 30 Jahre, ein knappes weiteres Drittel ist zwischen 30 und 40 Jahre alt) steigt jedoch deutlich. Rund 10.000 Menschen haben sich in den letzten beiden Jahren selbständig gemacht. Der Anteil der Arbeitslosen beträgt mehr als fünf Prozent, Tendenz steigend. Nach eine Umfrage des Linzer Fessel-Instituts für Marktforschung sieht jeder vierte darin eine Möglichkeit, auf diese Weise Arbeit auf dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt zu finden. 23 Prozent haben in diesem Jahr schon ernsthaft daran gedacht, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Selbständig statt arbeitslos Aber nicht nur freiwillig wird der Weg in die Selbständigkeit gegangen. "Outsourcing" heißt ein weiteres Zauberwort. Mitarbeiter werden dabei vielfach in die Selbständigkeit gedrängt. Oft werden die gleiche Tätigkeiten verrichtet wie früher im Angestelltenverhältnis, durch den Wegfall der Lohnnebenkosten und die Konkurrenz mit anderen Marktanbietern werden die Kosten für den Betrieb jedoch möglichst gering gehalten.

Derzeit, so die Arbeiterkammer-Studie, konzentriere sich Outsourcing noch auf höherqualifizierte Tätigkeiten. Aber der Ausgliederungsdruck Älteren" mit Sicherheit verstärken.

Ein in Österreich noch selten beschrittener Weg zu einem Job, ist der über "gemeinnützige Arbeitskräfteverleihfirmen". Ein Beispiel dafür ist das "Flexwork" in Wien. Das Prinzip erklärt Heimo Gindl von Flexwork so: "Indem wir Arbeitskräfte an Betriebe verleihen, versuchen wir diese Menschen wieder in den Arbeitsprozeß einzugliedern." Zielgruppen sind vor allem ältere Menschen und Langzeitarbeitslose.

Teil 2 Lesen Sie nächste Woche: Die Zeit nach der Entlassung. Wie umgehen mit Verzweiflung, Wut und Enttäuschung?

Erfülltes Leben im vorzeitigen Ruhestand.

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