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2009 steigt die Arbeitslosigkeit

Die sehr guten Beschäftigungszahlen im Juli könnten zum Jubel verleiten. Doch der konjunkturelle Abschwung wirft bereits seine Schatten voraus.

Österreich hat ihn, den Beschäftigungsrekord. Im Juli standen 80.000 Personen mehr in Lohn und Brot als noch im Vergleichsmonat des Vorjahres. Insgesamt waren es mehr als 3,5 Millionen Menschen. Es tut sich Positives am Arbeitsmarkt. Doch ein allzu optimistisches Bild zeichnen die Experten nicht von der Zukunft.

Österreichs Wirtschaft wuchs im Jahr 2007 um 3,1 Prozent. Heuer erwarten die Konjunkturspezialisten des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) nur mehr ein Wachstum von 2,3 Prozent. Für das Jahr 2009 sieht die Prognose gar noch düsterer aus, man rechnet mit 1,4 Prozent. Der Arbeitsmarkt spiegelt die konjunkturelle Situation eines Landes selbstverständlich wider. Doch es ist insofern tückisch, da der Arbeitsmarkt langsamer auf die Wachstumsentwicklungen reagiert. Somit konnte der Juli mit einem Beschäftigungsrekord aufwarten, obwohl bereits die ersten Wolken am Konjunkturhimmel zu sehen waren.

Markt hält heuer noch

Wann nun die Arbeitslosenzahlen in ganz Österreich wieder ansteigen werden, ist die Frage der Stunde. Claudia Finster, Geschäftsführerin des Arbeitsmarktservice (AMS) Wien, erwartet, dass der Wiener Markt heuer noch halten wird. In manchen Bundesländern gibt es jedoch bereits eine Stagnation bei den Arbeitssuchenden: "Und die Angst, die nun alle haben, ist, dass nach der Stagnation ein Abschwung kommt", sagt die AMS-Chefin.

Wie Finster ist Helmut Mahringer, Arbeitsmarktexperte des WIFO, der Meinung, dass die Menschen erst 2009 wieder vermehrt Arbeit suchen werden. Derzeit profitiert der österreichische Arbeitsmarkt noch vom wirtschaftlich guten ersten Halbjahr. Sollte es allerdings einen strengen Winter geben, der die Bauwirtschaft negativ beeinflusst, dann könne dies bereits im kommenden Winter zu steigenden Arbeitslosenzahlen führen.

Der diesjährige Beschäftigungsrekord ist laut Mahringer kritisch zu betrachten, denn der Anstieg ist nicht nur auf das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre zurückzuführen. Dass Pflegekräfte nun bereits am ersten Arbeitstag angemeldet werden müssen, hat viel zum Zuwachs beigetragen. Dadurch wird die Zahl der werktätigen Personen verfälscht: Es gibt de facto nicht mehr Pflegepersonal in Österreicher, so der WIFO-Experte. Jetzt seien nur die meisten durch die neue Anmeldepraxis in den Statistiken erfasst.

Güterproduktion legt zu

Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist, dass es zu einem Beschäftigungszuwachs bei der Sachgüterproduktion kam. Ungewöhnlich deshalb, da dieser Bereich lange Zeit Beschäftigte verloren hat. Der Grund dafür war nicht, dass nichts mehr produziert wurde, sondern, dass die Produktivitätsgewinne besonders stark waren. Im WIFO geht man davon aus, dass dieser Trend wieder zurückgehen wird, und dass in Hinkunft die Beschäftigung vor allem durch Dienstleister wie Steuerberater oder Wirtschaftsingenieure steigen wird.

Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt werden vorrangig von der Wirtschaftsentwicklung getrieben, das heißt, die Produktion bestimmt, wie viele Arbeitskräfte gebraucht werden. Die Arbeitslosenquote hängt aber auch davon ab, wie viele potenzielle Arbeitskräfte am Markt verfügbar sind. Neben der Demografie spielt hierbei die Erwerbsquote von Frauen bzw. von älteren Arbeitnehmern eine erhebliche Rolle. Die Politik kann versuchen die Erwerbsquote zu heben. Doch in einem Land, in dem es jahrzehntelang üblich war, in Frühpension zu gehen, ist dies ein längerer Prozess, der vor allem einer Adaption der Arbeitsplätze von körperlich Arbeitenden bedarf. Die physische Kraft von Menschen schwindet im Alter. Will man nun, dass Ältere länger arbeiten, müssen neue Beschäftigungsformen für sie in den Unternehmen gefunden werden. Wenn man heute auf der Baustelle nicht mehr arbeiten kann, flüchten sich aber viele in die Arbeitslosigkeit oder den Krankenstand, noch bevor das gesetzliche Pensionsantrittsalter erreicht ist, meint Mahringer.

Ausbildung neu gestalten

So wie sich die Arbeitsplätze für Ältere ändern müssen, so muss sich nicht nur am anderen Ende - bei den Jungen - die Ausbildung ändern. Die Schwierigkeit für das AMS, auf nachgefragte Stellen mit Qualifizierungsmaßnahmen zu reagieren, besteht darin, dass diese Zeit erfordern. Am Beispiel der Pflege wird dies deutlich: "Wenn wir heute einen Bedarf feststellen, so ist es drei Jahre zu spät", sagt Finster. Die AMS-Chefin geht mit Stiftungen, der Gemeinde Wien und den Schulen daher den Weg, die Qualifizierungen der Menschen generell zu verbessern. Je mehr an Qualifikation ein Arbeitssuchender aufweist, desto schneller steht er wieder im Erwerbsleben. Bildung tut tatsächlich Not: 45 Prozent der Arbeitslosen (Quelle: WIFO) haben lediglich die Pflichtschule abgeschlossen.

Politikum Gesamtschule

Finster geht aber noch weiter und fordert, die Schulbildung in Österreich auf eine breitere Basis zu stellen und darauf aufbauend Spezialisierungen anzubieten. Auf die Nachfrage, ob sie jetzt das Unwort bewusst vermieden habe, erwiderte sie: "Genau!" Gemeint ist die Gesamtschule, über deren Einführungsdiskussion ein Politikum sondergleichen entstanden ist. Weiter müssen Übergänge von einer Ausbildung in eine andere geschaffen werden. So seien laut Finster Fachkräfte mit einer Zusatzausbildung, die mitunter mit Bachelor- oder Master abschließt, am Markt sehr gefragt. Allein, wie soll ein Facharbeiter einen Bachelor oder Master machen können, wenn diese Ausbildungen mit Einstiegshürden versehen sind und großteils nur als Vollzeitstudium angeboten werden, heißt es beim AMS.

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