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Runder Tisch: Gefahr einer vertanen Chance

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Opfervertreter befürchten, dass der Runde Tisch der Regierung zum Thema Missbrauch am Dienstag eher wenig bringen wird. Das Thema sei zu weit gefasst, so Psychologe Holger Eich.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Am kommenden Dienstag, dem 13. April, lädt das Justizministerium gemeinsam mit dem Familienstaatssekretariat zu einem Runden Tisch, um das Thema Missbrauch mit 30 bis 40 Fachleuten zu diskutieren. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt, so die Veranstalter: Prävention von Missbrauch, Reaktion auf Missbrauchsfälle und Sensibilisierung für das Thema. Es gehe um Missbrauch im Allgemeinen, nicht nur um jenen, der in kirchlichen Einrichtungen und/oder von Geistlichen verübt worden sei, betonen Sprecher aus dem Justizministerium und dem Familienstaatssekretariat gegenüber der FURCHE.

Über mögliche Ansagen und Positionen von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner sowie von Familienstaatssekretärin Christine Marek (beide ÖVP) wollten die Sprecher der beiden Politiker noch nichts gegenüber den Medien aussagen. Auch, weil sie es noch nicht konnten: Es gebe freilich gewisse Ideen und Überlegungen der Ministerin, aber man müsse abwarten, was die eingeladenen Expertinnen und Experten darlegen, was sich aus der Diskussion an Ergebnissen und Initiativen herauskristallisiere, dann würde man weiterschauen, sagte die Sprecherin von Bandion-Ortner, Katharina Swoboda. Sie wollte sich daher auch nicht festlegen, ob der Runde Tisch Auftakt eines Prozesses oder eine einmalige Veranstaltung sein werde. Ähnliche Aussagen kamen von Lukas Pohl, Sprecher von Christine Marek.

Auch zur Einladungsliste wollten die Sprecher nichts sagen, weil die endgültige Liste noch nicht feststehe. Zur Frage, ob auch Opfervertreter dabei sein würden, sagte Swoboda: „Ja, es wurde breitgefächert eingeladen.“ Konkreter wollten oder konnten die Sprecher nicht werden. So viel konnte jedoch gesagt werden: Die Frage, ob es zu einer erweiterten Anzeigepflicht bei Verdacht auf Kindesmissbrauch kommen sollte, werde nicht Hauptthema der Veranstaltung sein, so Katharina Swoboda. Sie verwies auf eine Diskussion vor eineinhalb Jahren, als im Zuge des Zweiten Gewaltschutzpaketes diese Frage schon einmal kontrovers diskutiert wurde und von Experten aus dem Bereich des Kinderschutzes und der Jugendwohlfahrt abgelehnt wurde. Es gab die Befürchtung, dass Opfer sich noch zögerlicher an diese Stellen wenden könnten, wenn sofort angezeigt werden muss. Welche weiteren konkreten Themen sonst noch diskutiert werden sollten, blieb noch unter Verschluss.

Skepsis bei Opfervertretern

Geringe Erwartungen an den Runden Tisch knüpften indes Opfervertreter: Ein Mitglied der neu gegründeten Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt“, der namentlich nicht genannt werden möchte, gibt an, sich nichts vom Runden Tisch zu erwarten. Er bekräftigt die Forderung der Plattform nach einer „unabhängigen staatlichen Kommission nach dem Vorbild in Irland, die die Missbrauchsfälle in der Kirche untersucht“. Vonseiten der Opfer, konkret der Plattform, sei niemand eingeladen, moniert das Plattform-Mitglied.

Eingeladen ist der Psychologe des Wiener Kinderschutzzentrums Holger Eich. Sein Fachgebiet ist Gewalt gegen Kinder. Auch er ist skeptisch. Er habe den Eindruck, dass die vorgegebenen Themen – Prävention, Reaktion, Sensibilisierung – so umfassend seien, dass man im Rahmen von drei Stunden Diskussion nicht wirklich sinnvolle Aussagen tätigen könne, so Eich im Gespräch mit der FURCHE. „Es geht eigentlich um alles. Es ist eine vertane Chance.“ Sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, sich auf Missbrauch in Institutionen zu fokussieren. Es gibt laut Eich ähnliche Strukturen, die in Institutionen (Internaten, Heimen ...) und auch Familien Missbrauch und dessen Vertuschung begünstigen. Diese beiden Aspekte müsste man genau anschauen. Auch Eich gibt zu Bedenken, dass keine Opferanwälte und Vertreter der Plattform eingeladen seien.

„Berichten, als wäre es gestern geschehen“

Holger Eich betont zudem, dass man das „Rad nicht neu erfinden muss“. Es wäre wichtiger, bestehende Institutionen zu vernetzen und bei Bedarf zu erweitern als eine neue zu schaffen wie jene der Opferschutzanwältin mit Waltraud Klasnic (Hotline: 0664/9807817 bzw. www.ombudsstellen.at). Die ehemalige steirische Landeshauptfrau wurde kürzlich vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn zur Opferschutzanwältin ernannt. Sie will bis Ende April ihre Kommission zusammenstellen.

Viele Opfer, die sich an die Plattform „Betroffener kirchlicher Gewalt“ wenden, würden der Opferschutzanwältin gegenüber skeptisch sein, so Eich, der bei der neu gegründeten Hotline der Plattform mitarbeitet (0699/10369369 bzw. www.betroffen.at). Nach seinen Angaben haben seit den zwei Wochen, die es die Hotline gibt, bereits ca. 200 Menschen angerufen. Die Anrufer sind zwischen 50 und 90 Jahre alt. „Sie berichten, als wäre es erst gestern geschehen“, so Eich. Sie erzählen von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt, die als stark kränkend und nachhaltig schädigend erlebt worden sei. Den meisten Anrufern gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sondern darum, jetzt endlich darüber zu reden und eventuell mit anderen Betroffenen der selben Einrichtung oder des selben Täters ins Gespräch zu kommen. Hier werde eine Vernetzung überlegt.

Opfervertreter befürchten, dass der Runde Tisch der Regierung zum Thema Missbrauch am Dienstag eher wenig bringen wird. Das Thema sei zu weit gefasst, so Psychologe Holger Eich.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Am kommenden Dienstag, dem 13. April, lädt das Justizministerium gemeinsam mit dem Familienstaatssekretariat zu einem Runden Tisch, um das Thema Missbrauch mit 30 bis 40 Fachleuten zu diskutieren. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt, so die Veranstalter: Prävention von Missbrauch, Reaktion auf Missbrauchsfälle und Sensibilisierung für das Thema. Es gehe um Missbrauch im Allgemeinen, nicht nur um jenen, der in kirchlichen Einrichtungen und/oder von Geistlichen verübt worden sei, betonen Sprecher aus dem Justizministerium und dem Familienstaatssekretariat gegenüber der FURCHE.

Über mögliche Ansagen und Positionen von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner sowie von Familienstaatssekretärin Christine Marek (beide ÖVP) wollten die Sprecher der beiden Politiker noch nichts gegenüber den Medien aussagen. Auch, weil sie es noch nicht konnten: Es gebe freilich gewisse Ideen und Überlegungen der Ministerin, aber man müsse abwarten, was die eingeladenen Expertinnen und Experten darlegen, was sich aus der Diskussion an Ergebnissen und Initiativen herauskristallisiere, dann würde man weiterschauen, sagte die Sprecherin von Bandion-Ortner, Katharina Swoboda. Sie wollte sich daher auch nicht festlegen, ob der Runde Tisch Auftakt eines Prozesses oder eine einmalige Veranstaltung sein werde. Ähnliche Aussagen kamen von Lukas Pohl, Sprecher von Christine Marek.

Auch zur Einladungsliste wollten die Sprecher nichts sagen, weil die endgültige Liste noch nicht feststehe. Zur Frage, ob auch Opfervertreter dabei sein würden, sagte Swoboda: „Ja, es wurde breitgefächert eingeladen.“ Konkreter wollten oder konnten die Sprecher nicht werden. So viel konnte jedoch gesagt werden: Die Frage, ob es zu einer erweiterten Anzeigepflicht bei Verdacht auf Kindesmissbrauch kommen sollte, werde nicht Hauptthema der Veranstaltung sein, so Katharina Swoboda. Sie verwies auf eine Diskussion vor eineinhalb Jahren, als im Zuge des Zweiten Gewaltschutzpaketes diese Frage schon einmal kontrovers diskutiert wurde und von Experten aus dem Bereich des Kinderschutzes und der Jugendwohlfahrt abgelehnt wurde. Es gab die Befürchtung, dass Opfer sich noch zögerlicher an diese Stellen wenden könnten, wenn sofort angezeigt werden muss. Welche weiteren konkreten Themen sonst noch diskutiert werden sollten, blieb noch unter Verschluss.

Skepsis bei Opfervertretern

Geringe Erwartungen an den Runden Tisch knüpften indes Opfervertreter: Ein Mitglied der neu gegründeten Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt“, der namentlich nicht genannt werden möchte, gibt an, sich nichts vom Runden Tisch zu erwarten. Er bekräftigt die Forderung der Plattform nach einer „unabhängigen staatlichen Kommission nach dem Vorbild in Irland, die die Missbrauchsfälle in der Kirche untersucht“. Vonseiten der Opfer, konkret der Plattform, sei niemand eingeladen, moniert das Plattform-Mitglied.

Eingeladen ist der Psychologe des Wiener Kinderschutzzentrums Holger Eich. Sein Fachgebiet ist Gewalt gegen Kinder. Auch er ist skeptisch. Er habe den Eindruck, dass die vorgegebenen Themen – Prävention, Reaktion, Sensibilisierung – so umfassend seien, dass man im Rahmen von drei Stunden Diskussion nicht wirklich sinnvolle Aussagen tätigen könne, so Eich im Gespräch mit der FURCHE. „Es geht eigentlich um alles. Es ist eine vertane Chance.“ Sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, sich auf Missbrauch in Institutionen zu fokussieren. Es gibt laut Eich ähnliche Strukturen, die in Institutionen (Internaten, Heimen ...) und auch Familien Missbrauch und dessen Vertuschung begünstigen. Diese beiden Aspekte müsste man genau anschauen. Auch Eich gibt zu Bedenken, dass keine Opferanwälte und Vertreter der Plattform eingeladen seien.

„Berichten, als wäre es gestern geschehen“

Holger Eich betont zudem, dass man das „Rad nicht neu erfinden muss“. Es wäre wichtiger, bestehende Institutionen zu vernetzen und bei Bedarf zu erweitern als eine neue zu schaffen wie jene der Opferschutzanwältin mit Waltraud Klasnic (Hotline: 0664/9807817 bzw. www.ombudsstellen.at). Die ehemalige steirische Landeshauptfrau wurde kürzlich vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn zur Opferschutzanwältin ernannt. Sie will bis Ende April ihre Kommission zusammenstellen.

Viele Opfer, die sich an die Plattform „Betroffener kirchlicher Gewalt“ wenden, würden der Opferschutzanwältin gegenüber skeptisch sein, so Eich, der bei der neu gegründeten Hotline der Plattform mitarbeitet (0699/10369369 bzw. www.betroffen.at). Nach seinen Angaben haben seit den zwei Wochen, die es die Hotline gibt, bereits ca. 200 Menschen angerufen. Die Anrufer sind zwischen 50 und 90 Jahre alt. „Sie berichten, als wäre es erst gestern geschehen“, so Eich. Sie erzählen von körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt, die als stark kränkend und nachhaltig schädigend erlebt worden sei. Den meisten Anrufern gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sondern darum, jetzt endlich darüber zu reden und eventuell mit anderen Betroffenen der selben Einrichtung oder des selben Täters ins Gespräch zu kommen. Hier werde eine Vernetzung überlegt.