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Gesellschaft

Mitten in der Passionszeit

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Auch das jüngste Papstschreiben kommt am Missbrauchsthema nicht vorbei. Die Apostolische Exhortation "Christus vivit" (vgl. S. 14), die den Abschluss der Jugend-Bischofssynode vom Oktober darstellt, bietet da more of the same: Missbrauch in der Kirche wird klar und eindeutig verurteilt, aber gleichzeitig durchs Stellen in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang relativiert. Die Jungen, so der Duktus von Franziskus, sollen Verbündete im Kampf dagegen werden. Zu Konkreterem lässt sich der Papst nicht hinreißen, schon gar nicht, wenn es ans Eingemachte, also um kirchlichen Strukturwandel geht.

Dabei erweist sich die (welt)kirchliche Performance in diesem Feld als immer prekärer -trotz dem bischöflichen Missbrauchsgipfel Mitte Februar in Rom. In den Wochen seither hat sich die Lage sogar weiter verschärft. Der Papst lehnte etwa den Rücktrittswunsch des Lyoner Kardinals Philippe Barbarin ab, der - nicht rechtskräftig - wegen der Vertuschung von Missbrauch verurteilt wurde. Franziskus begründete dies mit der Unschuldsvermutung, die bis zum Ende des Berufungsverfahrens gelte.

Kardinal Barbarin darf nicht zurücktreten

Barbarin zog sich aber seinerseits aus der Leitung seiner Diözese zurück und übergab die Geschäfte seinem Generalvikar. Eine verheerende Optik: Denn es gibt bekanntlich jenseits von gerichtlich geahndeter Schuld auch eine, im säkularen Bereich würde man sagen: politische Verantwortung. Der Kardinal von Lyon hat dies erkannt, nicht aber der Papst. Anfang März machte überdies die Dokumentation des TV-Senders Arte "Gottes missbrauchte Dienerinnen" Furore, bei der zahllose (!) Missbrauchsfälle von Klerikern an Ordensfrauen offenbar wurden. Einer der als Täter Identifizierten war Marie-Dominqiue Philippe, der Gründer der auch in Österreich tätigen Johannesgemeinschaft. Man konnte im Film sehen, wie Kardinal Barbarin 2006 das Requiem für Philippe leitete.

Wenn das alles nicht zum Rücktritt auch eines Kardinals führte, was dann? In den Äußerungen von Franziskus ist wohl klar, dass es einer Katharsis bedarf. Doch diese findet, wenn überhaupt, bestenfalls halbherzig statt.

Fehlende Konsequenz lässt sich auch an anderen Beispielen festmachen: Ende März erließ der Papst für den Vatikanstaat und die römische Kurie neue Normen zum Kinderschutz. So sind Übergriffe gegen Minderjährige nun Offizialdelikte, es herrscht Anzeigepflicht, und wer im Vatikan tätig sein will, muss künftig eine "Kinderschutz-Überprüfung" durchlaufen.

Keine Aufarbeitung ohne Rücktritte

So weit, so gut. Keine Rede ist in diesen Maßnahmen aber von externen Beratungs-oder Kontrollgremien, sodass sich das System weiter selbst beaufsichtigt. Auch von Entschädigungen an Opfer ist in den Bestimmungen keine Rede. Und in Österreich, wo die katholische Kirche darauf pocht, mit Klasnic-Kommission und Präventionsordnungen Missbrauch beigekommen zu sein? Die dieser Tage publizierte Darstellung der Rechercheplattform Addendum weckt berechtigte Zweifel an dieser Sicht: In der am 2. April mehreren Tageszeitungen beigelegten Addendum-Ausgabe ist von der inadäquaten Aufarbeitung von Missbrauch im Stift Klosterneuburg zu lesen. Ein prominenter, längst nicht bestrittener Missbrauchsfall wird gut recherchiert dargestellt. Der damalige Novizenmeister des Täters, der mittlerweile in Deutschland einschlägig verurteilt wurde, ist der heutige Propst des Stiftes: Er will von den Vorfällen nichts mitbekommen haben.

Solange es in Causen wie den genannten aber nicht zu personellen Konsequenzen, also: Rücktritten kommt, ist die Kirche noch weit von nachhaltiger Aufarbeitung entfernt. Ihre selbstverschuldete Passionszeit wird noch lange nicht zu Ende sein.