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Kirche in der Ebene

1945 1960 1980 2000 2020

Johannes Paul II. hat große Linien vorgezeichnet. Die heimische Kirchenkrise bleibt aber ungelöst.

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Johannes Paul II. hat große Linien vorgezeichnet. Die heimische Kirchenkrise bleibt aber ungelöst.

Als der alte Mann in Salzburg die Gangway hinunterzitterte, fragten sich nicht wenige, ob er die Tage in Österreich durchstehen würde. Als sich derselbe Mann zwei Tage später in Schwechat verabschiedete, wirkte er kräftiger als bei der Ankunft und endete verschmitzt: "Auf Wiedersehen. In Rom. Oder in Wien!"

Auch wer es nicht wahrhaben wollte, mußte dem kranken Papst Achtung zollen: Mit welcher Kraft und welchem Charisma er seine Mission durch Österreich weitertrug, beeindruckte. Ende des Jahrhunderts gibt es kaum mehr eine authentische Gestalt, die so viele Menschen in Bann zu schlagen imstande ist. Johannes Paul II. wird als Papst und als erster Kommunikator der Weltmediengesellschaft in die Geschichte eingehen, einer, der seine Botschaft mit ganzer Existenz weitersagen will. Daß die physischen Kräfte zu Ende gehen, tut dieser Mission keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die eigene Hinfälligkeit verstärkt sein Werben um diese Botschaft: "Ich bin zu euch nach Österreich gekommen, um euch ein Wort der Ermutigung und des Zuspruchs zu bringen", rief Johannes Paul II. durch den Salzburger Dom. Österreichs Kirche braucht Zuspruch und Ermutigung.

Die vergangenen Monate, in denen diese Ortskirche einer Zerreißprobe ausgesetzt war, machte das Kommen des Papstes nicht ungeschehen. Daß sich der Ansturm der Feiernden im Vergleich zu 1983 und 1988 in Grenzen hielt, war nur äußeres Zeichen der Krise.

Der Papst näherte sich den Problemen auf seine Weise und ging nicht direkt auf sie ein. Mit Formulierungen wie "Tretet nicht aus, sondern auf!", einem von den Kirchenvolks-Begehrern verwendeten Slogan, deutete er die Konflikte an; auch in seiner Rede an Österreichs Bischöfe, in denen er diese zum "Dialog für Österreich" aufforderte, war der Hintergrund zu spüren (siehe auch die Seiten 3, 5, 8, 9 in dieser Furche). Konkretes Benennen der Krise war aber seine Sache nicht. Johannes Paul II. widmete sich vielmehr - theologisch konservativ, politisch progressiv - den großen Visionen, rief zu missionarischem Geist auf, dachte über Berufungen nach und äußerte sich zur Christusnachfolge. Auch der Entwurf eines friedlichen Europas gehörte zu den großen Linien, die er vorzeichnete.

Die Niederungen des aktuellen Kirchenkonflikts betrat dieser Papst nicht. Das hätte - im nachhinein konstatiert - auch seiner bis dato praktizierten Amtsauffassung widersprochen. Wer Konkretes erwartete, wurde enttäuscht, obwohl viele - sogar Bischöfe - ein klares Wort zu den österreichischen Problemen ersehnt hatten. Der Vatikankenner Hansjakob Stehle charakterisierte bei einem Journalistengespräch vor einigen Tagen Johannes Paul II.: ein großer Beter und Mystiker, nicht aber ein Papst, der an Strukturfragen der Kirche interessiert ist ...

Doch - nicht nur, aber auch - um strukturelle Fragen und die daraus erwachsenden Konflikte geht es bei der Lösung der hiesigen Kirchenkrise. Dem stimmten zwar nicht alle Beobachter zu: "Es wäre absurd", so etwa das Resümee von Norbert Stanzel im Kurier, "einer ... Europa-Rede von historischer Dimension ... Erklärungen über sexuell verwirrte Kardinäle oder Paudorfer Pfarrkonflikte folgen zu lassen." Diese Argumentation hat etwas für sich, übersieht aber, daß die Affäre Groer der österreichischen Kirche erstens durch römische Ernennungen eingebrockt wurde und zweitens in der derzeitigen Kirchenverfassung nur von Rom beendet werden kann. Auch die Situation in St. Pölten mag angesichts der großen Themen, die der Papst anschnitt, eine historische Marginalie sein.

Doch gerade in St. Pölten wurde deutlich, daß auch der Papst nicht nur über den Konflikten steht, und daß Bischof Krenn sogar ihn instrumentalisiert: Johannes Paul II. vermied es (ebenso wie die anderen Bischöfe), den Namen Groer ins Spiel zu bringen; nur Kurt Krenn gelang die meisterhaft geplante Provokation, indem er zum Gebet für "unseren Kardinal Hans Hermann Groer" aufrief.

Das Dilemma gerade dieses Pontifikats ist, daß in der gegenwärtigen Kirchenverfaßtheit sowohl die Entwicklung der großen Linien als auch die Verantwortung in Struktur- und Personalfragen dem Papstamt zugeordnet sind. Kirche benötigt aber Authentizität in den Höhen und in der Ebene: Die Leistungen Johannes Pauls II. als Visionär von Weltkirche und Weltgesellschaft (man denke nur an seine Rolle beim Zerfall des Kommunismus) sind unbestritten. Auch der Besuch dieses Papstes in Österreich bewies dies eindrucksvoll.

Für den Konfliktalltag hat der Papst aber den Ball an Österreichs Bischöfe zurückgespielt; dies birgt jedoch nur bedingt Lösungsaussichten in sich. Denn die österreichische Kirchenleitung - wiewohl sie in den letzten Monaten enorme Anstrengungen unternahm - war nicht imstande, Österreichs Kirche von den Konflikten zu befreien.

Anders wäre es, würden neue Ansätze versucht und beispielsweise das Subsidiaritätsprinzip, das die Kirche in ihrer Soziallehre vehement fordert, auch in den eigenen Strukturen ernstgenommen werden. Das hieße konkret, alle möglichen Entscheidungen von der Zentrale auf regionale Ebenen zu verlagern und synodale Modelle zu fördern, sodaß das oberste Leitungs- und Lehramt von den Mühen der Struktur- und Personalpolitik entlastet wird. Vielleicht wird im - nun auch vom Papst unterstützten - "Dialog für Österreich" manches in diese Richtung angedacht werden können.

Daß der Papst für die katholische Kirche identitäts- und gemeinschaftsstiftend ist, soll dabei nicht bestritten werden. Und glaubensstiftend, indem er als Lehrer im Glauben vorangeht. Johannes Paul II. hat in Österreich erneut bewiesen, wie sehr er dieser Aufgabe bis ans Ende seiner Kräfte verpflichtet bleibt.

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