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Und sie könnte doch demokratisch sein!

1945 1960 1980 2000 2020

Bischofsernennungen als Riesenbaustelle der katholischen Kirche: Drei Neubesetzungen stehen an Österreichs Kirchenspitze an. Das System dahinter ist intransparent wie eh und je. Ein Gastkommentar des stellvertretenden Vorsitzenden der "Laieninitiative".

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Bischofsernennungen als Riesenbaustelle der katholischen Kirche: Drei Neubesetzungen stehen an Österreichs Kirchenspitze an. Das System dahinter ist intransparent wie eh und je. Ein Gastkommentar des stellvertretenden Vorsitzenden der "Laieninitiative".

Keine Vernunft lässt zu, dass man jemanden unter die Bischöfe rechnet, der weder von den Klerikern erwählt noch von den Gemeinden gewünscht worden ist." Dieses Zitat stammt von keinem "modernistischen" Kirchenreformer, sondern von Papst Leo I. (440-461). Denn: "Was alle angeht, soll auch von allen entschieden werden."

Daran darf man erinnern, wenn Österreich demnächst drei neue Diözesanbischöfe bekommen soll. Und die Stimmen mehren sich, die nach einer Mitsprache von Klerus und Laien bei der Auswahl verlangen. In Linz, wo das konziliare Bild von Kirche als communio seit Bischof Maximilian Aichern ernster als anderswo genommen wird (womit sich auch dessen Nachfolger Ludwig Schwarz abfinden musste) und wo man schon einen unerwünschten Weihbischof verhindern konnte, hat man bereits ein diözesanweites Verfahren zur "Bischofsfindung" durchgeführt und erwartet, dass der neue Bischof aus dem so erarbeiteten Vorschlag genommen wird.

In Graz und St. Pölten erlauben es die von Egon Kapellari und Klaus Küng domestizierten Strukturen nicht, dem Linzer Beispiel zu folgen; nur die verschiedenen dortigen Reformkräfte überlegen noch, wie sie das Schlimmste verhindern können.

Eigentlich sinnvolle Verfahren ...

Dass das notwendig ist, hängt mit der Art und Weise zusammen, wie heute Bischöfe ausgesucht werden. Zwar gibt es Verfahren, die, wenn sie sinnvoll angewendet würden, durchaus auch der Ortskirche - Klerus wie Laien - Gehör verschaffen könnten. So hat etwa der Nuntius, bevor er seine Vorschläge macht, ein Informativverfahren durchzuführen. Und auch die Bischöfe haben der Kurie periodisch Namen zu unterbreiten. Aber abgesehen davon, dass hier jede Transparenz fehlt, hat man auch nichts davon gehört, dass Nuntius oder Bischöfe je eine breite Meinungserhebung durchgeführt hätten.

Natürlich sollen sie auch "geeignete" Laien befragen; aber wer ein geeigneter Laie ist, hängt in der Praxis davon ab, welche Antwort man erwartet. Und so werden Laien, welche "falsche" Antworten geben könnten, erst gar nicht gefragt. Was eine "richtige" oder "falsche" Antwort ist, bestimmt sich nach der von Rom verlangten "Papsttreue" des Kandidaten, von dem erwartet wird, dass er alles, was aus Rom kommt, in seiner Diözese umsetzt, hingegen keine Vorschläge oder gar Forderungen nach Rom weiterleitet, die nicht auf der kurialen Linie liegen. Und so sind denn die Bischöfe heute nicht Vertreter der Orts-gegenüber der Weltkirche, sondern römische Vögte, die dafür sorgen müssen, dass die Ortskirche auf Linie bleibt.

"Romtreue" mit guten Kontakten

Überdies müssen Nuntien, gerade wenn sie versuchen, das Auswahlverfahren einigermaßen zu objektivieren, nicht selten erleben, dass ihre Vorschläge in Rom übergangen werden. Seilschaften an der Kurie mit inoffiziellen, aber guten Kontakten zu "romtreuen" Priestern und Laien in den Diözesen gelingt es immer wieder, "ihre" Kandidaten nicht nur ins Spiel, sondern auch durchzubringen.

Ein unter Benedikt XVI. deshalb aus Protest zurückgetretener Nuntius ist erst kürzlich von Franziskus zum Kardinal kreiert worden. Aber auch unter dem jetzigen Papst werken diese Seilschaften noch fort. Sie haben "ihren" Kandidaten aus dem Dunstkreis der erzkonservativen Heiligenkreuzer "päpstlichen Hochschule" auf den Salzburger Erzstuhl gebracht; und die Angst geht um, dass ihnen das auch in Graz und Linz gelingen könnte. Und was St. Pölten anlangt, so wird man im Opus Dei versuchen, einen der ihren oder ihres Geistes als Küng-Nachfolger durchzubringen.

Was steht dem legitimen Wunsch der "Kirchenbürger" nach Mitsprache bei der Bischofsbestellung entgegen? Der wichtigste Grund ist das Streben der Kurie nach Machterhalt. Könnte sie die Bischöfe nicht mehr frei auswählen, verlöre sie ihren krakenhaften Zugriff auf die Ortskirchen; überdies fürchtet sie drastische finanzielle Einbußen, weil bisher wichtige Stühle in Bereich "reicher Ortskirchen" (zum Beispiel USA, Deutschland) auch danach besetzt werden, ob der Kandidat Gewähr dafür gibt, dass weiter reichlich Geld nach Rom fließt.

Fast genauso wichtig ist das tiefe Misstrauen der Hierarchie gegen die Laien ganz allgemein, die man als Christen zweiter Klasse betrachtet - weithin theologisch ungebildet und nicht selten antiklerikal eingestellt. Dieses Vorurteil sitzt tief; schon 1296 hat Papst Bonifaz VIII. in der Enzyklika Clericis laicos festgestellt, die Laien seien seit alters her Feinde des Klerus. Laien in irgendeiner maßgeblichen Weise am Kirchenregiment teilhaben zu lassen, erscheint diesen Leuten als der leibhaftige Gottseibeiuns.

Mitspracheverlangen abgeblockt

Um das Mitsprache-Verlangen der Kirchenbürger, für die als Staatsbürger demokratische Verfahren weithin selbstverständlich geworden sind, abzublocken, schiebt man in Rom exegetischhistorisch unhaltbare Theologumena vor, wie, dass - weil Jesus die Kirche nicht als Demokratie gegründet hätte -Demokratie und Kirche unvereinbar seien, dass der Papst als oberster "Hirte" die (doch sprichwörtlich dummen) "Schafe" zu weiden habe (und nicht umgekehrt!), oder dass man "über die Wahrheit nicht abstimmen" könne, obwohl doch

über alle "Wahrheiten" auf Konzilien abgestimmt worden ist,

nicht einzusehen ist, warum der Heilige Geist demokratischen Kirchenstrukturen seinen Beistand verweigern würde,

und es bei Bischofsernennungen ja gar nicht um Glaubenswahrheiten geht, sondern darum, einen für die Betroffenen akzeptablen Kandidaten zu finden.

Allerdings hat die Kurie die Zeit seit dem Ersten Vatikanum genutzt, um zu suggerieren, dass der "unfehlbare" Papst ganz allgemein einen direkten Draht zum Heiligen Geist habe und ihm dieser die Namen der zu Ernennenden sozusagen ins Ohr flüstere.

Wenn sich dann Bischöfe im Nahhinein als schwere Fehlgriffe erweisen, wie in Österreich Hans Hermann Groër oder Kurt Krenn, dann kann man das immer noch (weniger fromm) damit abtun, dass der Papst damals seine Ohren nicht ordentlich geputzt hatte; oder aber (frömmer) mit dem Argument, das alles sei nur "wegen unserer Sünden" und daher letztlich doch "zu unserem Besten" geschehen.

Den Kirchenbürgern bleibt nur hoffen, beten und auf bessere Zeiten warten, allenfalls auch überlegen, ob man deren Heraufziehen durch einen wirksamen Kirchenbeitragsboykott beschleunigen könnte.

Der Autor ist em. Professor für Völkerrecht und stellvertretender Vorsitzender der "Laieninitiative"

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