Johann Weber - © Foto: APA / Diözese Graz-Seckau / Ivo Velchev
Religion

„Herzbischof“ Johann Weber: Mitten in seiner Zeit – und ihr voraus

1945 1960 1980 2000 2020

Als „Herzbischof“ wurde Johann Weber von den Landsleuten tituliert: Mehr als 30 Jahre stand er der Diözese Graz-Seckau vor. Nachruf auf einen aufrechten Christen – und wirklichen Freund der FURCHE.

1945 1960 1980 2000 2020

Als „Herzbischof“ wurde Johann Weber von den Landsleuten tituliert: Mehr als 30 Jahre stand er der Diözese Graz-Seckau vor. Nachruf auf einen aufrechten Christen – und wirklichen Freund der FURCHE.

Die Hirten in der Kirche müssten den „Geruch der Schafe annehmen“, so das mittlerweile längst geflügelte Wort von Papst Franziskus von 2013. Schon 44 Jahre früher, 1969, wurde einer unversehens ins Bischofsamt geworfen, auf den diese Charakteristik voll und ganz zutraf. Und auch Johann Webers Wahlspruch „Den Armen die frohe Botschaft bringen“, jenes Wort des Propheten Jesaja, das Jesus im Lukasevangelium zitiert, könnte aus dem Stall, besser: der Schule des gegenwärtigen Pontifex stammen.

Das alles mag auch ein Zeichen dafür sein, dass Johann Weber, der bis 2001 Bischof der Diözese Graz-Seckau war und der am 23. Mai 93-jährig verstorben ist, seiner Zeit voraus war. Aber viel mehr steckte Weber mitten in seiner Zeit, denn sowohl seine Diözese als auch die katholische Kirche Österreichs musste er durch stürmische Zeiten steuern – von den Menschen über die Steier mark hinaus geachtet, von der Kirche(nspitze) jedoch längst nicht in dem Maß, wie es ihm zugekommen wäre.

Als der damalige Stadtpfarrer von Graz-St. Andrä, einer Gegend, die man heute mit „sozialer Brennpunkt“ charakterisieren würde, überraschend zum 56. Bischof von Graz-Seckau ernannt wurde, steckte die Diözese in einer nachkonziliaren Polarisierung wie kaum sonst wo in Österreich: Nicht zuletzt die „jungen Kapläne“, denen die Reformen nicht schnelle genug gingen, und konservative „besorgte“ Katholiken, die nicht selten beim Nuntius oder gleich in Rom vorstellig wurden, machten Webers Amtsvorgänger Josef Schoiswohl das Leben so schwer, dass dieser zum Jahreswechsel 1968/69 Hals über Kopf zurücktrat.

Der Spiegel hatte die damaligen steirischen Kirchenzustände gar mit „Holland in Österreich“ charakterisiert. Kaum vorstellbar, dass die südösterreichischen Katholiken damals mit dem Gottseibeiuns der Konservativen verglichen wurden. Weber meinte denn in seinem ersten FURCHE-Interview 1969 auch, die Steiermark wäre sicher nicht das „österreichische Holland“.

„Sehen – urteilen – handeln“

Der als Pfarrer durch die „einfachen Leute“ Sozialisierte, den Josef Cardijn, der Vordenker der Katholischen Arbeiterjugend, und dessen methodischer Dreischritt „sehen – urteilen – handeln“ prägten, wurde in seiner Art, mit den Menschen zu sein und auf sie zugehen zu können, zum Glücksfall für die Diözese. Weber setzte einerseits die Leitlinien des II. Vatikanums in der Steiermark um und versuchte, seine Kirche in einer sich radikal wandelnden Gesellschaft am Leben zu erhalten. Im FURCHE-Interview 1998 meinte er dazu etwa: „Wir haben zum Beispiel 14 Pfarren, die wesentlich von jeweils zwei Ordensfrauen betreut werden. Es geht da gar nicht um die Frage ‚Weihe oder nicht Weihe?‘, sondern einfach darum, dass ein Herdfeuer des Glaubens gehegt wird.“

Die Hirten in der Kirche müssten den „Geruch der Schafe annehmen“, so das mittlerweile längst geflügelte Wort von Papst Franziskus von 2013. Schon 44 Jahre früher, 1969, wurde einer unversehens ins Bischofsamt geworfen, auf den diese Charakteristik voll und ganz zutraf. Und auch Johann Webers Wahlspruch „Den Armen die frohe Botschaft bringen“, jenes Wort des Propheten Jesaja, das Jesus im Lukasevangelium zitiert, könnte aus dem Stall, besser: der Schule des gegenwärtigen Pontifex stammen.

Das alles mag auch ein Zeichen dafür sein, dass Johann Weber, der bis 2001 Bischof der Diözese Graz-Seckau war und der am 23. Mai 93-jährig verstorben ist, seiner Zeit voraus war. Aber viel mehr steckte Weber mitten in seiner Zeit, denn sowohl seine Diözese als auch die katholische Kirche Österreichs musste er durch stürmische Zeiten steuern – von den Menschen über die Steier mark hinaus geachtet, von der Kirche(nspitze) jedoch längst nicht in dem Maß, wie es ihm zugekommen wäre.

Als der damalige Stadtpfarrer von Graz-St. Andrä, einer Gegend, die man heute mit „sozialer Brennpunkt“ charakterisieren würde, überraschend zum 56. Bischof von Graz-Seckau ernannt wurde, steckte die Diözese in einer nachkonziliaren Polarisierung wie kaum sonst wo in Österreich: Nicht zuletzt die „jungen Kapläne“, denen die Reformen nicht schnelle genug gingen, und konservative „besorgte“ Katholiken, die nicht selten beim Nuntius oder gleich in Rom vorstellig wurden, machten Webers Amtsvorgänger Josef Schoiswohl das Leben so schwer, dass dieser zum Jahreswechsel 1968/69 Hals über Kopf zurücktrat.

Der Spiegel hatte die damaligen steirischen Kirchenzustände gar mit „Holland in Österreich“ charakterisiert. Kaum vorstellbar, dass die südösterreichischen Katholiken damals mit dem Gottseibeiuns der Konservativen verglichen wurden. Weber meinte denn in seinem ersten FURCHE-Interview 1969 auch, die Steiermark wäre sicher nicht das „österreichische Holland“.

„Sehen – urteilen – handeln“

Der als Pfarrer durch die „einfachen Leute“ Sozialisierte, den Josef Cardijn, der Vordenker der Katholischen Arbeiterjugend, und dessen methodischer Dreischritt „sehen – urteilen – handeln“ prägten, wurde in seiner Art, mit den Menschen zu sein und auf sie zugehen zu können, zum Glücksfall für die Diözese. Weber setzte einerseits die Leitlinien des II. Vatikanums in der Steiermark um und versuchte, seine Kirche in einer sich radikal wandelnden Gesellschaft am Leben zu erhalten. Im FURCHE-Interview 1998 meinte er dazu etwa: „Wir haben zum Beispiel 14 Pfarren, die wesentlich von jeweils zwei Ordensfrauen betreut werden. Es geht da gar nicht um die Frage ‚Weihe oder nicht Weihe?‘, sondern einfach darum, dass ein Herdfeuer des Glaubens gehegt wird.“

Der kleine Mann mit dem großen Herzen verstand es, der Kirche eine Atempause zu verschaffen und das ‚steirische Klima‘ mit zu etablieren.

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Gleichzeitig gelang es ihm, die Gräben zwischen kirchlichen Parteiungen zu überbrücken. Der Steirische Katholikentag 1981 oder das ökumenische Projekt des „Tages der Steiermark“ (1993) zeugen davon, wie es der kleine Mann mit dem großen Herzen verstand, der Kirche eine Atempause zu verschaffen und das sprichwörtliche „steirische Klima“ mit zu etablieren. Höhepunkt seiner Amtszeit in Graz war 1997 die „Zweite Europäische Ökumenische Versammlung“, bei der sich Vertreter und Angehörige aller Kirchen des Kontinents gemeinsam zu „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ versammelten.

Auch diese Aktivität stellt sich heute als prophetischer Vorgriff dar, den Papst Franziskus 2015 in seiner Enzyklika „Laudato si’“ oder erst kürzlich die „Fridays for Future“ Bewegung aufnahm. Im Interview 1998 sprach Weber auch von „einer Koalition der Nachdenklichen“, die es zu schmieden gelte und wofür er sich einsetzte. Und seine damaliger Nachsatz übers steirische Klima: „Ich glaube, es ist eine Luft bei uns, die doch recht gut zum Atmen taugt“ charakterisiert nicht nur eine gesellschaftliche Gefühlslage jenseits des Semmerings, sondern auch Webers ureigenes Bemühen fürs Brückenbauen.

Als oberster Troubleshooter

Doch die kirchliche Breite, die Weber in seiner Diözese zuließ, förderte und austarierte, wurde anderswo konterkariert. Denn die oben für die Steiermark beschriebenen kirchlichen Polarisierungen waren auch österreichweit ein Thema, und mit dem Abgang des weltoffenen Kardinal Franz König 1985 gelang es der in Rom kontinuierlich vorstellig werdenden konservativen Minderheit, eine Kirchenwende via Bischofsernennungen zu erreichen: Hans Hermann Groër in Wien (1986), Georg Eder in Salzburg (1989) und Kurt Krenn in St. Pölten (1991) wurden Speerspitzen der versuchten Reconquista, die offene und konzilsbewegte Bischöfe wie Johann Weber zu marginalisieren suchten.

Doch als vor 25 Jahren mit der Affäre Groër die heimische Kirche in ihre größte Krise stürzte, schlug die Stunde des Johann Weber: Nachdem Groër, eben als Bischofskonferenz-Vorsitzender wiedergewählt, ob der Missbrauchsvorwürfe tags darauf das Handtuch warf, wurde Weber über Nacht als neuer Vorsitzender oberster Troubleshooter der Ortskirche. Unvergesslich, wie am 6. April 1995 der körperlich kleine, aber souveräne steirische Hirte vor der Weltpresse den kirchlichen Karren aus den Sumpf zu ziehen suchte.

Drei turbulente Jahre stand Weber dem heimischen Episkopat vor, bis er für den neuen Wiener Erzbischof Christoph Schönborn Platz machte – aus der Erkenntnis heraus, dass Österreichs Kirche von Graz aus nur schwer geführt werden kann. In diesen drei Jahren, in denen die konservativen Hardliner à la Krenn und die kirchlich „Aufmüpfigen“ vom „Kirchenvolks- Begehren“ einander unversöhnlich gegenüberstanden, spielte Weber seine Stärke, Gegner ins Gespräch zu bringen und Kirche als breite Institution zu verstehen, erneut aus. Webers letztes „Kind“, der „Dialog für Österreich“ 1998, ist bis heute der österreichweit letzte Versuch geblieben, die divergenten Kirchenströmungen an einen Tisch und zu gemeinsamen Beschlüssen zu bringen.

Dass dieser „Dialog“ dann wenig später von Kurt Krenn und Co für „tot“ erklärt wurde, war für Weber doch arg ernüchternd. Der steirische Bischof sah sich in der Folge auch Intrigen gegen ihn via Nuntia tur oder Rom ausgesetzt – er kam aber einem entwürdigenden Abgang dadurch zuvor, dass er diesen selber gestaltete und 2001, ein Jahr bevor er mit 75 sein Rücktrittsgesuch einzureichen hatte, emeritierte und für Nachfolger Egon Kapellari, der die Diözese dann bis 2015 leitete, Platz machte.

Als „Bruder Bischof“, der „die Herzen eroberte, aber darüber nie seinen geistlichen Anspruch verriet, der Pfarrer im bischöflichen Ornat und der nachdenkliche Mahner, der seine Möglichkeiten realistisch einschätzte“, charakterisierte ihn Erwachsenenbildner Karl Mittlinger 2001 zum Abschied in der FURCHE, „gleichsam ein Urbild, einen Archetyp von Bischof geprägt, inmitten der Menschenmassen herzlich lachend, Zutrauen weckend, mit offenen Armen auf die Menschen zugehend“.

Dieser Einschätzung ist nichts hinzuzufügen – außer, dass auch die FURCHE Weber in großer Dankbarkeit erinnert: Mitte der 1970er Jahre half er an vorderster Stelle, das wirtschaftliche Überleben dieser Zeitung, deren Existenz damals bedroht war, zu sichern.