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Die Hardcorefraktion

Zum Siebziger des St. Pöltner Altbischofs Kurt Krenn ist eine mehr als aufschlussreiche Festschrift erschienen.

November 1998. Österreichs Bischöfe, noch vom "Dialog für Österreich" gebeutelt, bei dem die erdrückende Mehrheit handverlesener Delegierter sich wesentliche Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens zu eigen gemacht hatte, waren nach Rom zum Adlimina-Besuch gefahren. Dicke Luft herrschte unter den Hirten; insbesondere Kurt Krenn, war sehr verärgert, fühlte er sich bei der Abfassung des gemeinsamen Berichtes der Bischöfe an den Papst - nicht zu Unrecht, wie man heute weiß - gelegt. Die Missstimmung eskalierte weiter, als der Kurier mit der Schlagzeile aufmachte: "Schönborn: Krenn muss Buße tun." Tags darauf hielt Kurt Krenn in der ORF-Sendung Orientierung dagegen und meinte unwirsch: "Die Lügner sollen das Maul halten."

Anno 1998 blieb Kurt Krenn in der innerkirchlichen Auseinandersetzung mit Kardinal Schönborn siegreich. Sechs Jahre später war es umgekehrt: Bekanntlich musste Kurt Krenn nach einem Sexskandal im St. Pöltner Priesterseminar 2004 um seinen Rücktritt einkommen, seitdem lebt er zurückgezogen in St. Pölten - krank und verbittert, wie es heißt. In Österreichs Bischofskonferenz ist seither Ruhe eingekehrt, so viel, dass ein Bischof hinter vorgehaltener Hand meint: Mit Krenn hätte es wenigstens heftige Konflikte gegeben, jetzt herrsche Friedhofsstille.

Friedhofsstille statt Konflikt

Letzte Woche vollendete der einst streitbare Hirte sein 70. Lebensjahr, bei der Geburtstagsfeier in St. Pölten wurde die umfangreiche Festschrift "Der Wahrheit verpflichtet", in der auf 760 Seiten (!) die ganze Geistigkeit ausgebreitet wird, für die Kurt Krenn gestanden ist. Ein aufschlussreiches Buch, das im Grazer Ares-Verlag erschienen ist, der zu seinem kleinen Sortiment sonst Bücher über die Militärorganisation im Zweiten Weltkrieg oder einen deutschen Weltkriegsagenten in Nordafrika zählt.

Vorangestellt ist dem Buch ein privater Brief des Papstes an Krenn vom Juni 2005, in dem Benedikt XVI. schreibt "Wie ich höre, leidest Du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen ..." Solches Schreiben zu veröffentlichen spricht ebenso Bände wie der erste Artikel im Buchinneren, der aus der Feder des kürzlich verstorbenen Günther Nenning stammt und mit "Ich habe Bischof Krenn gern" beginnt. Nennings Beitrag ist paradigmatisch fürs restliche Buch: "... Jetzt, da das ,Moderne' in der Kirche seine Zeit gehabt hat - und diese Zeit ist abgelaufen - regt sich niemand mehr so schrecklich auf über die ,altmodischen' Ansichten des neuen Papstes ... Jetzt, da der alte Krenn recht bekommen hat, jetzt ist seine alte Theologie die neue, die richtige."

Der neue Investiturstreit

Man kann, jedenfalls nach Lektüre des Buchs, Nenning nicht widersprechen, denn die versammelten Beiträge falten seine These in extenso aus. Krenns Mitstreiter Ildefons Fux steuert eine Chronik der Ereignisse 1987 bei, als Krenn zum Wiener Weihbischof wurde und es große Proteste gab. Keine Frage, dass dies penibel, aber ausschließlich aus dem Blickwinkel der Empörung über den Ungehorsam der Protestierenden gegenüber den Papst ausgebreitet wird. Dass Krenn zu seiner Weihe über einen Menschenteppich getragen werden musste, bringt Fux ebenso auf wie die "moralische Autorität Kardinal Königs", welche die Kritiker "innerlich bestärkt" habe. Dagegen zitiert Fux den damaligen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër, der den Protestierenden vorwarf, sie würden den "Wunsch des hl. Johannes vom Kreuz: ,leiden und verachtet werden'" nicht nachkommen. Fux bemüht gar die Historie und vergleicht allen Ernstes die Konflikte um Krenns Ernennung mit dem Investiturstreit, wobei er den protestierenden Priestern und Laien die Rolle des Kaisers, der im Mittelalter bei Bischofswahlen mitreden wollte, zumisst.

In ähnlicher Weise, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau geht es weiter, kurz wie bei Andreas Hönisch, der durch Krenns schützende Hand seinen Orden "Servi Jesu et Mariae" sowie die ultrakonservative "Katholische Pfadfinderschaft Europas" kirchenrechtlich sichern konnte, länger beim Österreich-Korrespondenten der rechtskatholischen Tagespost, Stephan Baier, der Krenn als den Kämpfer für die Gottesfrage darstellt.

Salzburgs Alterzbischof Georg Eder steuert eine nicht gehaltene Predigt über die "heilbringende Hostie" bei, und auch die weiteren Autoren stellen ein Who's Who der (Ultra-)Konservativen dar: die Johannes-Paul-II.-und Krenn-Freunde Kardinal Marian Jaworski von Lemberg und Tadeusz Stycze´n/ Lublin, Kardinal Meisner von Köln, Erzbischof Haas von Vaduz, Krenns "theologischer Berater" und Engelwerk-Freund Reinhard Knittel und andere. Opus-Dei-Mitglied Wolfgang Waldstein dokumentiert seinen Entwurf einer bischöflichen Gegenstellungnahme der zur Mariatroster Erklärung, mit der die Bischöfe Ende der 80er Jahre die strikte Sexual-und Familienlehre der Kirche betonen sollten (der Entwurf wurde verworfen).

EU, ein Werk der Freimaurer?

Robert Prantner polemisiert dann einmal mehr gegen die Aufklärung und mutmaßt, dass die EU das Werk der Freimaurerei ist. Und ein Linzer Universitätsprofessor für Handelsrecht entpuppt sich, wiewohl offenbar kein Theologe, als Speerspitze der Hardcore-Fraktion, indem er "sechs zentrale Gründe für die innere Krise der Kirche" auflistet, darunter die "wissenschaftlich überholte Spätdatierung" des Neuen Testaments, den grassierenden Relativismus, die bösen Medien und schlechte Bischöfe - zu den letzteren ist Kurt Krenn natürlich nicht zu zählen.

Wenn Festschriften die Aufgabe haben, dem Jubilar nach dem Mund zu reden, so ist dies hier prächtig gelungen. Dass da "der alte Krenn", wie eben Günther Nenning schreibt, Recht bekommt, mögen die meisten der Autoren hoffen. Es wäre aber bestürzend, wenn es tatsächlich schon so weit wäre.

Der Wahrheit verpflichtet

Festschrift für Bischof Prof. Dr. Kurt Krenn zum 70. Geburtstag.

Hg. von Josef Kreiml, Michael Stickelbroeck, Ildefons Manfred Fux, Josef Spindelböck. Ares Verlag, Graz 2006

760 Seiten, zahlr. Farbabb., geb. e 39,90

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