Nicht nur Limburger Zeitzeichen

Karrierelust. Feudalverständnis. Barocke Dominanz: Der Fall von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst weckt Erinnerungen an die Ära Kurt Krenns in St. Pölten.

Vor wenigen Wochen war hierzulande Limburg für die meisten ein unbekanntes Städtchen irgendwo in Deutschland. Frankfurt und Köln kennt man. Dazwischen liegt Limburg. Durch seinen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und die Geschichten, die man von ihm berichtet, wurde Limburg beinah zum katholischen Zentrum Deutschlands.

Vor zwei Jahrzehnten geschah etwas Ähnliches in dem außerhalb Österreichs wenig bekannten St. Pölten. Als dort im Jahr 1991 Kurt Krenn Bischof wurde, nahm man plötzlich weithin Notiz von dieser Stadt zwischen Wien und Linz.

In beiden Fällen regt sich zwar auch die bekannte öffentliche Heuchelei: Sie hat wieder einmal etwas aufgelegt bekommen, an dem sie, ohne es direkt eingestehen zu müssen, Ressentiments gegen das katholische Christentum loswerden und zugleich damit rechnen kann, allgemein Recht zu bekommen.

Desavouiertes Christentum

Doch mit diesem Hinweis hat es nicht sein Bewenden. Denn wenn man diese Vorgänge als Zeichen der Zeit liest und entsprechend dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Gaudium et Spes 4) unter dem Licht der biblischen Botschaft deutet, dann zeigen sich hier unselige Zusammenhänge, die tatsächlich stark genug sind, christliche Botschaft und christliches Leben zu desavouieren. Drei Elemente sind es, die dabei besonders auffallen und starke Entsprechungen zwischen Limburg und St. Pölten zeigen.

1. Die Karrierelust. Nicht nur die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Politik, die Kultur und der Sport, auch die Kirche kennt sie: Menschen, die fast süchtig danach sind, sich durch ihre Karriere einen unvergesslichen Namen zu erwerben. Sie durchlaufen bestimmte Etappen, die ihnen Kontakte bieten, die irgendwann einmal hilfreich sein würden. In derart geplanten Lebensläufen liegt die Korruption des Charakters schon beschlossen. Wer sich so hochdient, hat vielfach Dank abzustatten und ist bei Gelegenheit auch erpressbar. Und dann kommt meist die Stunde, in der die Karrierehelden von ihren eigenen Wellen überrollt und durch sie schlichtweg an die Wand geworfen werden. Das geschah bei Kurt Krenn, als das St. Pöltner Priesterseminar mit seiner homosexuellen Lobby explodiert ist, und das geschieht gegenwärtig in Limburg, da die Maßlosigkeit der Selbstrepräsentation im Geldrausch endete, den der nunmehr beurlaubte Bischof nicht mehr oder nur noch mit Meineiden und Lügen steuern konnte. Wie befleckt der diskutierte Bau ist, zeigt sich daran, dass man in Limburg an eine radikale Umwertung denkt: Er soll nicht mit bischöflicher Repräsentation, sondern, zumindest nach einem Vorschlag aus dem Inneren der Diözese, mit den Armen verbunden werden und ihnen dienen.

In beiden Fällen also haben Karrierelust und Karrieredurst Gebet, Denken und Haltung zerstört. Wie sonst wäre es erklärbar, dass das Samstag-Canticum aus dem Brevier mit seinem bekannten Philipperhymnus (Phil 2,6-11) bei diesen Herren so wirkungslos geblieben ist? Da wird Christus besungen, der sich zum helfenden Sklaven der Menschen gemacht hat, nicht zum Sklaven von Geld oder Ruhm.

2. Feudalverständnis. Was Franz-Peter Tebartz-van Elst und Kurt Krenn in ähnlicher Weise repräsentieren, ist ein geradezu herrschaftlich-feudales Selbstverständnis. Das verwundert beim Limburger Bischof mehr als beim emeritierten Bischof von St. Pölten. Kurt Krenn verbrachte seine Kindheit in der Diktatur des Nationalsozialismus und wuchs religiös und theologisch vor-vatikanisch auf. Tebartz-van Elst konnte nur noch als kleiner Bub die letzten Zuckungen dieses Konzepts mitbekommen haben. Doch dem Feudalismus und seiner Haltung: Die Kirche bin ich! scheint er ganz ergeben zu sein. Krenn hatte das mitunter als bischöflicher Lehrer getan, indem er vorgab, genau zu wissen, was die Wahrheit sei; Tebartz-van Elst treibt das im Zusammenhang seiner finanziellen Aufwendungen. Beiden ist das Prinzip der Kollegialität mit den andern Bischöfen und der gemeinsamen Sorge, wie es das Zweite Vatikanische Konzil betont (Christus Dominus 6), fremd geblieben. Das aber ist ein unmittelbar christliches Ärgernis.

Denn spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollte man gelernt haben - dafür war immerhin 50 Jahre Zeit -, dass Kirche eine völkerumfassende Glaubensgemeinschaft ist; ihre Basis liegt im gemeinsamen Ruf zum Bekenntnis, der sich erst sekundär in verschiedene Institutionen gliedert. Diese sind nicht das Prinzip, sondern die Folge des christlichen Glaubens.

Anfrage auch an sich selber

3. Barocke Dominanz. Sowohl in St. Pölten als auch in Limburg herrschte barockes Verständnis vor. Geld spielte keine Rolle, wenn es um die Wünsche des Bischofs ging. Der Effekt: Beide versanken in mächtigen Bildern, mit denen sie ihre Vorstellungen davon prächtig ausmalten, wie ein Bischof sein soll. Armutsgedenken oder gar die Haltung der Armut, die von Jesus herkommt, war ihre Sache nicht. Kein einziger Bau-, Umbau- oder Ausbauplan wurde davon irritiert.

Doch mit dem Umschwung in Rom steht das nun anders. Papst Franziskus ist nicht in den päpstlichen Palast eingezogen, den sein Vorgänger selbstverständlich bewohnt hatte. Er hat keine Umbauten für sich veranlasst, wie es sein Vorgänger knapp vor seinem Rücktritt noch getan hatte, damit er dann einen für ihn und sein Gefolge adaptierten Klosterbau bewohnen kann, der etwa 400 Quadratmeter Platz bietet.

Franziskus ist Bote der Armen. Vor ihm steigert sich der Skandal dieser barocken Selbstdarstellungen - und wird sofort auch zum Spiegel für alle Christenmenschen, die Karriereknechte sind, sich im Wohlstand verloren haben, trotz des weltweiten Hungers, den die Wohlstandszonen erzeugen, gut schlafen und fallweise belustigt auf Skandale hinzeigen.

Dabei wird leicht vergessen: Was hier aufgerollt wird an Franz-Peter Tebartz-van Elst und Kurt Krenn, das ist man vielleicht sogar (ein wenig) selbst.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Wien

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