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Diese Kirche: eine Hetz

Das kirchliche Treiben rund um St. Pölten ist längst nicht mehr lustig. Ein Blick zurück - und nach vorne - im Zorn.

Satyrspiel": So hat Hellmut Butterweck vor vier Jahren das Kapitel über Hans Hermann Groër in seinem Buch "Österreichs Kardinäle" übertitelt. Aber noch viel mehr als Satyrspiel - jener ausgelassene Epilog der altgriechischen Tragödie, wo phallusbestückte und hinter Masken verborgene Dämonen den Stoff der Tragödie ausgelassen parodieren - entpuppt sich das Finale der Ära Krenn. Was mit dem Auffliegen der St. Pöltner Sexaffären begann, endet dieser Tage endlich; und alles weist gleichermaßen einen Zug ins Tragische wie ins Komische auf. Satyrspiel eben: Einmal mehr führte Kurt Krenn die Kirche vor, indem er nicht, wie jeder andere brave Bischof, die Bekanntgabe seines Rücktritts durch Rom abwartete. Nein, er scherte sich wieder keinen Deut um eingespielte Gepflogenheiten und machte seinen Rücktritt via Zeitungsinterview öffentlich.

Fast kabarettreif, dass Krenn dann seinen Generalvikar noch schnell entlässt und etliche Kirchenrechtler damit beschäftigt, ob er das denn darf oder nicht. Diese Kirche ist eine Hetz. Und so treibt der St. Pöltner (Ex-)Hirte sogar die vatikanische Bürokratie vor sich her. Der Neue, so werden "informierte" Quellen zitiert, sei aber fix, auch wenn Rücktritts-Annahme und Nachfolger-Ernennung durch Rom erst "am Donnerstag" erfolgen werde. St. Pöltens Visitator sei auch der Nachfolger. Klaus Küng also. Habemus Episcopum. Wir haben einen Bischof.

Lustig ist das kirchliche Treiben aber längst nicht mehr. Und vieles, was dieser Tage en passant geschah oder als flottes Argument diente, hält tieferer Betrachtungsweise nicht stand: Schnell gehandelt habe Rom diesmal, lautet etwa einer der Stehsätze. Das Gegenteil ist der Fall: Die Zustände in der Diözese St. Pölten waren seit Jahren jedem, der es wissen wollte, bekannt. Auch Rom wurde darüber wieder und wieder informiert. Dass es so lang zuschaute, würde im profanen Leben als sträfliche Fahrlässigkeit gelten.

Ein anderes Argument: Klaus Küng wäre als St. Pöltner Bischof deswegen so qualifiziert, weil er "wie kein Zweiter" die Diözese kenne. Keine Frage, dass der "Untersuchungsrichter", als der Küng seit zwei Monaten quasi agiert, einen Crash-Kurs in Sachen Probleme der Diözese St. Pölten absolvieren musste. Es gibt aber andere, seit Jahren beharrlich für eine - trotz Krenn - offene Kirche engagierte Spitzenleute (man denkt dabei an den einen oder anderen Abt...), die mit der Situation schon lang vertraut sind und pastorales Geschick bewiesen haben.

In Wirklichkeit läuft aber alles nach altbekanntem Schema ab: Bis heute hat die Öffentlichkeit keine Ahnung, ob die Visitation in St. Pölten zu Ende ist, und was für ein Ergebnis sie gebracht hat. Dafür soll der Untersuchungsrichter gleich die Amtsgeschäfte der Diözesanleitung übernehmen.

Aufregung oder Widerstand ist dennoch keineswegs zu erwarten. Bischof Klaus Küng gilt in der - ohne Not von oben her gespaltenen - katholischen Kirche Österreichs zwar eindeutig als einer Seite zugeordnet, auch wenn er, im Gegensatz zu Kurt Krenn, als Vorarlberger Bischof keinen offen konfrontativen Kurs eingeschlagen hat. Die Kirchenbilder von Küng und Krenn unterscheiden sich dennoch nicht.

Was sind das aber für Zeiten, wo die Einsetzung eines Opus-Dei-Bischofs in St. Pölten schon zum Befreiungsschlag und zum Aufbruch in eine neue Kirchenzukunft stilisiert wird? Der Wahnsinn der letzten 15 Kirchenjahre hat hierzulande insbesondere die Laien in kirchenpolitische Bedeutungslosigkeit sinken lassen. So gesehen haben Krenn & Co erreicht, was auch Rom wollte - Kardinal Ratzinger bestätigte diese Tendenz zuletzt in der ORF-Sendung "Orientierung". Vor bald zehn Jahren gab es mit dem Kirchenvolks-Begehren noch ein Aufbäumen der Konzilsbewegten, Ende der 90er Jahre konnte die Katholische Aktion beim "Dialog für Österreich" noch einmal aufbrechende Kirchenkräfte mobilisieren.

All das ist aber Geschichte. Nichts hat sich geändert - siehe St. Pölten: kein Eingeständnis einer inferioren Personalpolitik, schon gar keine Entschuldigung, keine Anzeichen für ein Umdenken Roms in Richtung Teilhabe der Ortskirche an der Entscheidung über ihre Leitung. Wieder verordnet Rom den nächsten Bischof - auch wenn solcher Kirche immer mehr Menschen den Rücken kehren.

Den Zurückgebliebenen, die sich in der Kirche nach wie vor engagieren, bleibt wenig mehr als Zornesröte über diesen Kurs.

otto.friedrich@furche.at

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