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Religion

Die ganze Breite der steirischen Kirche

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Keine zweite Institution ist dem Volk so sehr verbunden wie die Kirche. Kirche ist deshalb auch Heimat. Heimat im Sinne von Hanns Koren, nämlich: als Tiefe -nicht als Enge. (LH Schützenhöfer)

Die "steirische Breite" ist sprichwörtlich. Gemeint ist damit die Fähigkeit, unterschiedliche Strömungen geistiger, politischer, kultureller Art zu integrieren, in der Vielfalt doch so etwas wie Einheit, ein gemeinsames Ganzes zu wahren. So sieht sich die Steiermark jedenfalls gerne selbst. Aber auch wenn das Bild wohl zu grün-weiß gemalt ist, trifft es doch einen Kern: In der Steiermark gelang es vielleicht besser als anderswo, Gegensätzliches, ja scheinbar Widersprüchliches unter einen Hut zu bringen. So war beispielsweise die steirische VP in der Zeit von Josef Krainer jun. (LH 1980-1996) Vorreiter bei einer Annäherung an die FPÖ und galt doch gleichzeitig stets als liberal-weltoffene Landespartei im Gesamtgefüge der ÖVP.

Ähnliches gilt auch für die Kirche: Der Diözese Graz-Seckau blieben Polarisierungen zwischen "links" und "rechts" in dem Ausmaß wie sie andere Diözesen, etwa Linz, erschütterten, erspart. Vieles, was andernorts nicht (mehr) funktioniert(e) - zum Beispiel die Hochschulseelsorge bzw. die Katholische Hochschulgemeinde -, lebte in der steirischen Kirche weiter. Bei allen Divergenzen gibt es doch so etwas wie ein Zusammenspiel aller Beteiligten, Klerus und Laien, der einzelnen kirchlichen Organisationen -und auch zwischen Kirche, Politik und Medien.

Vor diesem Hintergrund kann man Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl zustimmen, wenn er anlässlich der Feierlichkeiten des 800-jährigen Bestehens seiner Diözese konstatiert: "Wir haben uns gut gehalten." Vergangenes Wochenende fand das Jubiläumsjahr seinen Höhepunkt mit einem Fest in der Grazer Innenstadt samt Festakt auf dem Hauptplatz (unter den Blicken Erzherzog Johanns) und einem feierlichen Gottesdienst unter freiem Himmel im Stadtpark.

Im Sinne des erwähnten guten Einvernehmesn zwischen Politik und Kirche sprach Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer von der Kirche als "Heimat. Heimat im Sinne von Hanns Koren, nämlich: als Tiefe -nicht als Enge". Und er würdigte die Rolle der Kirche als Vermittlerin von Werten "in der heutigen Zeit, die so beliebig geworden ist, wo so viele Menschen glauben, ihre eigene Befindlichkeit sei das Maß aller Dinge geworden". Als Landeshauptmann sei er überzeugt, "dass christliche Haltungen für das Land unerlässlich sind". So viel Bekennermut findet man selten bei Politikern.

"Botschaft für die Steiermark"

Als eine Art Standortbestimmung mit Blick auf die Zukunft versteht sich die "Botschaft für die Steiermark", die Bischof Krautwaschl am Hauptplatz vor rund 3000 Menschen vortrug. Im Anklang an das berühmte Konzilsdokument "Gaudium et spes" heißt es dort, Kirche sei "für die Menschen da, so wie sie heute sind, leben, lieben, trauern, Angst haben und hoffen". Man wolle "die Einheit mit der Weltkirche wahren und vor allem jene fördern, die sich auf Fragen der Gegenwart einlassen und mutig Schritte zur Erneuerung setzen". Der scheidende Nuntius Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen überbrachte die Glückwünsche von Papst Franziskus.

Noch deutlich mehr Menschen, gut 8000, kamen dann am Sonntag zum Festgottesdienst auf den "Platz der Versöhnung" im Grazer Stadtpark. Einer inhaltlichen Dramaturgie folgte die Zusammensetzung der Zelebranten: Neben Bischof Krautwaschl waren dies die Bischöfe der Partnerdiözesen Bom Jesus da Lapa (Brasilien), Joâo Santos Cardoso, und Masan (Südkorea), Konstantin Bae Ki Hyen, sowie der Prior-Administrator P. Johannes Fragner OSB der Abtei Seckau und Andreas Monschein, Sprecher des Priesterrates. Die Abteikirche Seckau -früher ein Chorherren-, heute ein Benediktinerstift - ist ja der ursprüngliche Bischofssitz derDiözese, deren Gründung vom Erzbistum Salzburg ausging und als deren erster Bischof Karl von Friesach (1218-1230) amtierte. Bereits im Mittelalter allerdings residierten die Bischöfe de facto im südsteirischen Schloss Seggau, welches seinen Namen von Seckau herleitet. 1782 wurde Seckau aufgelöst (1883 von Beuroner Benediktinern wieder besiedelt), 1786 der Bischofssitz endgültig nach Graz verlegt.

In seiner Predigt sprach Bischof Krautwaschl davon, dass die Dankbarkeit den Blick auf die "Fehler und Sünden über die Jahrhunderte herauf bis ins Heute" nicht ausschließen dürfe. Und er nannte auch die Umbrüche in der Kirche von heute, welchen manche "verunsichert oder ängstlich, andere hingegen neugierig und mutig" begegneten. Die ganze Breite eben der (nicht nur) steirischen Kirche.