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Leise Worte - große Gesten

1945 1960 1980 2000 2020

Johannes Paul II. wandert als Pilger in eine neue Zeit. Die Zeichen, die er setzt, sind glaubwürdig.

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Johannes Paul II. wandert als Pilger in eine neue Zeit. Die Zeichen, die er setzt, sind glaubwürdig.

Ich bin nach Yad Vashem gekommen, um die Millionen jüdischer Menschen zu ehren, die all dessen beraubt wurden, was sie hatten, insbesondere ihrer menschlichen Würde, und die während des Holocaust ermordet wurden. (...) Männer, Frauen und Kinder schreien zu uns aus der Tiefe des Schreckens, den sie erfahren haben. Wie können wir den Schrei nicht hören? Niemand kann das, was geschehen ist, vergessen oder ignorieren. Niemand kann das Ausmaß verringern (...)"

Es waren wenige Worte, die das Oberhaupt der Katholiken in der Holocaust-Gedenkstätte verlor und wenige Zeichen. Aber beides zusammen wirkte. Nie war Johannes Paul II. so präsent, eine solch globale Gestalt wie im März 2000: "Nirgendwo ist die Bemühung zu versöhnen und versöhnt zu werden klarer sichtbar als in den zwei Handlungen, für die die Medien das Wort ,beispiellos' verwenden. Die eine ist seine Vergebungsbitte für alles, was die römisch-katholische Kirche angetan hat, vor allem den Angehörigen anderen Glaubens. Das andere ist seine Reise ins Heilige Land, wo die Kinder Abrahams - Christen und Juden und Muslime - sich in einem zeitlosen Konflikt befinden." Der hier zitierten Einschätzung des amerikanischen Historikers und lutherischen Pfarrers Martin Marty, die dieser im Nachrichtenmagazin "Newsweek" anstellte, ist wenig hinzuzufügen. Auch Martys Folgerung, der Papst versuche durch seine Bemühungen "zu lehren, daß kein Kind Gottes es wagen darf, müde zu werden beim Versuch zu versöhnen", trifft ins Schwarze.

Johannes Paul II. hat gerade in den letzten Wochen historische Schritte gesetzt. Auch wenn für Kritiker das Schuldbekenntnis des 12. März in Rom hätte klarer ausfallen können und vierzehn Tage später in Israel die erhoffte und erbetene klare Benennung der "Kirche" als Mitschuldige an der Judenverfolgung fehlte, hat dieser Papst unumkehrbare Tatsachen geschaffen, die weiter gehen als alles Bisherige.

Das Geschehen wirkt zuerst in der katholischen Kirche: Die "Reinigung des Gedächtnisses", wie sie Johannes Paul II. seiner Kirche verordnet hat, sollte für Christen selbstverständlich sein. Es bedurfte dennoch 2000 Jahre Geschichte, ehe die Institution Kirche zögerlich begann, Schuld und Schuldverwobenheit auch auf sich selbst zu beziehen.

Noch mehr legte der Papst das christliche Verständnis des Judentums fest: Nicht nur steht er mit seiner Person dafür, daß die Absage der katholischenKirche an jede Form des Antijudaismus so eindeutig ist wie nie zuvor. Auch die von ihm vorausgesetzte Blutsverwandtschaft mit dem Volk Israel ist ein Meilenstein: Daß der katholische Papst an der Klagemauer des Jerusalemer Tempels, der heiligsten Stätte des Judentums, betet, ist das endgültige Zeichen: Der Gott Abrahams ist auch der Gott der Christen, und Christen sind sich dessen bewußt.

Die Zeichen, die der Papst gesetzt hat, betreffen - trotz Rückschlägen - das Verhältnis der Christen untereinander ebenfalls stark. Man mag es akzeptieren oder nicht: Dieser Papst ist die globale Symbolgestalt des Christentums. Das verlangt Auswirkungen für die Ökumene - und gilt als Aufforderung an alle Seiten: Es gebe eine "legitime Verschiedenheit" der Kirchen, so der Papst bei seiner Jerusalemer Begegnung mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Auch dies ergeht ebenso an die eigenen Leute: Gerade die katholische Kirche muß im Blick auf die Ökumene über das Papstamt neu nachdenken.

Die Dynamik setzt sich fort: Nicht nur das Verhältnis der Christen, nicht nur die Beziehung zum Judentum, auch der Islam ist im Blickfeld von Begegnung und Auseinandersetzung, wenn auch selten so deutlich wurde wie beim Besuch des Papstes im Heiligen Land, daß hier das Terrain - religiös wie politisch - am schwierigsten ist.

Doch Johannes Paul II. bleibt eindeutig: Wo es um die Menschenwürde geht, gibt es kein Schweigen. Das gilt für den Holocaust. Aber auch für anderes: "Euer Elend steht der Welt vor Augen, und es dauert schon zu lange." Diese Worte richtete der Papst an die Palästinenser in Betlehem, und er meinte damit, daß die Weltaufmerksamkeit kein Unrecht ausnehmen darf.

Johannes Paul II. zeigte in diesem März, daß er als Pilger unterwegs ist. Als Pilger in eine neue Zeit: Er tut dies mit leisen Worten und großen Gesten. Aber er bleibt Pilger. Einer auf dem Weg. Das bedeutet, daß noch viele Schritte und Wege zu gehen sind - ein Hinweis darauf, daß er nicht das letzte Wort gesprochen, nicht das letzte Zeichen vollzogen hat: weder in bezug auf die Aufarbeitung der Geschichte, noch auf das Verhältnis zu Judentum oder Islam, noch auf die großen und kleinen Fragen der Welt und der Menschen.

In der globalen, mediendominierten Gesellschaft wirkt eine Religionsgestalt wie Papst Johannes Paul II. enorm glaubwürdig - vor allem in den Zeichen, die er setzt: Eine zerrissene Welt verlangt nach Zeichen der Hoffnung. Klar ist jedoch, daß den Religionen und den Gesellschaften der Welt dennoch die Mühen der Ebene, die täglichen Kämpfe um Leben und Menschenwürde bleiben.

Und: Trotz der Gesten ihres Papstes dürfen sich katholische Christen nicht hinter den großen Zeichen verstecken und sich so um die Auseinandersetzung mit ihrer Kirche drücken: Nicht nur nach außen, auch im Inneren muß die Kirche glaubwürdig sein (gerade die Amtsauffassung Johannes Pauls II. ist da kritisch zu hinterfragen).

Es sollte aber auch nicht vergessen werden, daß alles Pilgern dieses Papstes eine eminent politische Dimension hat. Nach übereinstimmender Einschätzung hat Johannes Paul II. gerade im Heiligen Land mit politischer Bravour agiert.

Auch Politik lebt besonders von Symbolen, je länger sie im Gedächtnis bleiben, desto mehr wirken sie in der Geschichte. Ein Beispiel: Am naßkalten 7. Dezember 1970 kniete der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt im ehemaligen Ghetto von Warschau nieder, um ein Zeichen der Reue für das, was Deutsche taten, zu setzen. Dieses Zeichen ist bis heute unvergessen.

Es ist zu hoffen, daß auch das Bild des 26. März 2000 ins Gedächtnis eingemeißelt bleibt: Der alte Mann im weißen Talar betet an der Klagemauer.

Nicht nur die Steinquader trugen da die Jahrtausendlast der Geschichte.

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