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Menschwerdung unter Kontrolle

Pränatale Diagnostik und Kaiserschnitt liegen im Trend.Während die einen vor einer zunehmenden Pathologisierung und Technisierung von Schwangerschaft und Geburt warnen, betonen andere das Plus an Sicherheit. Für Diskussionsstoff am "Tag des Lebens" (1. Juni) ist jedenfalls gesorgt.

Lori wagte es. Ohne Angst vor größeren Komplikationen. Und ohne die Gewissheit, dass der Operationstisch gleich hinter der nächsten Türe steht. Gemeinsam mit ihrem Partner Gilles hatte die 33-Jährige beschlossen, ihr Kind nicht im Kreißsaal eines technologisch aufgerüsteten Krankenhauses, sondern im Geburtshaus Nussdorf in Wien zur Welt zu bringen. Für eine Hausgeburt hatte der Mut nicht gereicht. Der Gang ins Geburtshaus erschien ihr schließlich als optimaler Mittelweg zwischen Natürlichkeit und Sicherheit.

Sich über ihre Schwangerschaft zu freuen und der Geburt mit Optimismus entgegenzublicken, wurde Lori nicht leicht gemacht: Gleich nach der Diagnose bekam sie vom Arzt "eine Statistik in die Hand gedrückt, auf der du siehst, ab welchem Alter der Mutter es für das Kind immer gefährlicher wird", erzählt Lori. Erst zu diesem Zeitpunkt habe sie daran gedacht, was sein würde, wenn mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Die Ängste waren unbegründet: Eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin kam Afra in einem Wasserbecken in Nussdorf zur Welt: gesund - und nach Meinung der Hebamme genau zur rechten Zeit.

Kein Geld für sanfte Geburt

Was Lori und Gilles in dem neuen Bildband "Geburten" von Michael Appelt und Wolfgang Huber-Lang berichten, haben viele Paare selbst erlebt. Nur die Atmosphäre in Nussdorf wird so bald niemand mehr nachempfinden können: Mit Dezember des Vorjahres schloss das renommierte Geburtshaus seine Pforten. Bis zuletzt hatte sich Michael Adam, ärztlicher Leiter des Hauses der "sanften Geburt", um einen Vertrag mit der Krankenkasse bemüht. Vergeblich. "So einfach gebe ich aber nicht auf", gibt sich Adam gegenüber der Furche kämpferisch - und stellt eine Klage beim Verfassungsgerichtshof in Aussicht.

"Wir haben etwas angeboten, was in Österreich niemand macht: Vorsorgemedizin in der Schwangerenbetreuung", erklärt der Mediziner. Erst bei der Geburt einzugreifen, sei zu spät. Man müsse die Frau schon im Vorfeld psychologisch unterstützen und stärken. Der Trend in der Schwangerenbegleitung gehe jedoch in die entgegengesetzte Richtung, weiß Adam: "Früher hat man einer schwangeren Frau gratuliert. Heute muss ich sie darüber informieren, mit welchen Methoden man untersuchen kann, ob ihr Kind auch gesund ist." Wenn er das unterlasse, stehe er mit einem Bein im Kriminal, klagt Adam. "Ein behindertes Kind gilt als Schadensfall, das ist unerträglich, aber es ist so."

Nicht nur Adam hat mit diesen Entwicklungen seine Probleme. Auch viele Hebammen beklagen die zunehmende "Pathologisierung und Technisierung" von Schwangerschaft und Geburt. Für die Aktion Leben ein guter Grund, zum diesjährigen, von ihr organisierten "Tag des Lebens" am 1. Juni ein Umdenken bei der Betreuung von Schwangeren und eine neue "Kultur des Kinderkriegens" einzufordern: "Schwangerschaft wird heute zur Krankheit gemacht", kritisiert die Generalsekretärin der Aktion Leben Österreich, Gertraude Steindl. Durch die zunehmende Anwendung und Verfeinerung pränataler Diagnostik würden nicht nur Frauen, sondern auch Ärzte immer mehr unter Druck gesetzt. Im Gegenzug müsse das Vertrauen der Frauen in ihre Gebärfähigkeit gestärkt werden. "Nicht zuletzt muss die Entscheidung für ein behindertes Kind für jede Frau offen bleiben", so Steindl.

Während sich überall sonst die ganzheitliche Medizin durchsetze, feierten in der Schwangerenbetreuung hochmoderne Techniken Einzug, klagt auch Terence Dowling, Pränatalpsychologe und Psychotherapeut aus Heidelberg. "Was wir pränatal erleben, beeinflusst aber wesentlich unsere Gesundheit." Durch mehr Unterstützung der Schwangeren könne man Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen des Kindes vorbeugen. Schon einfache Atemübungen der Schwangeren würden eine bessere Blutversorgung im Unterleib gewährleisten und damit nicht nur die Herzfrequenz des Kindes senken helfen, sondern auch das Risiko einer Fehlgeburt.

Kaiserschnitt mit Folgen

Auch der Geburtsmodus wirke sich auf die Gesundheit des Kindes aus, so Dowling. Vor allem den geplanten Kaiserschnitt nimmt er ins Visier. "Durch den Stress bei der natürlichen Geburt werden beim Kind Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, die wichtig für die Reifung der Lungen sind."

Eine Einschätzung, die der Vorstand der Universitäts-Frauenklinik am Wiener AKH, Peter Husslein, nicht teilt. "Kinder haben dann Anpassungsstörungen der Lungen, wenn der Zeitpunkt des Kaiserschnitts zu früh gewählt wird. Wenn man ihn aber frühestens zehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin festsetzt, gibt es keine Probleme." Im Gegenteil sei es sogar positiv zu bewerten, wenn Kinder "nicht gestresst auf die Welt kommen", so Husslein im Furche-Interview.

Lifestyle-Geburt im OP

Welcher Geburtsmodus sich auch für das Kind als besser erweist: Tatsache ist, dass der geplante Kaiserschnitt bei Frauen und Ärzten an Sympathie gewinnt. Unter den wohlhabenden Frauen Rio de Janeiros entscheiden sich schon 85 Prozent für die Sectio Caesarea, durch die einst Cäsar das Licht der Welt erblickt haben soll. Idole wie Madonna oder Claudia Schiffer tun ihr übriges, um den schnellen Schnitt zur Mode zu machen.

Auch hierzulande ist die Kaiserschnitt-Rate in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen und pendelt derzeit zwischen 15 und 18 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen bekommen Frauen in Österreich durchschnittlich nur noch 1,2 Kinder und sind dabei im Schnitt bereits 29,5 Jahre alt. Das hat zur Folge, dass sie höhere Anforderungen an die Geburtshilfe stellen, weiß Peter Husslein aus eigener Erfahrung am AKH - mit 3.700 Geburten jährlich (davon 30 Prozent Kaiserschnitte) die größte universitäre und auf Risikoschwangerschaften spezialisierte Geburtsklinik im deutschsprachigen Raum: "Die Frauen wollen ein perfektes Kind und zugleich eine erfüllte Schwangerschaft und Geburt." Dass manche einen unnotwendigen Kaiserschnitt wählen, um bloß einen Termin wahrnehmen zu können, sei zwar die Ausnahme, passe jedoch in den Trend zum kontrollierten Leben. "Man mag beklagen, dass alle Urerlebnisse verloren gehen", so Husslein. "Es ist aber nicht mein Recht, den Frauen zu sagen, dass sie Urerlebnisse haben müssen."

Für Ärzte hat dieser Schwund an Urerfahrung durchaus positive Folgen: So fällt das Preis-Leistungs-Verhältnis für sie beim Kaiserschnitt meist günstiger aus. Während man im AKH 20 Minuten für einen "Kaiserschnitt light" veranschlagt, kann eine natürliche Geburt viel länger dauern - und wird laut Wiener Krankenanstaltenverbund und Uniqa-Versicherung auch noch schlechter bezahlt. Wie groß die Differenz ist, vermag freilich niemand zu beziffern.

Gebären mit Restrisiko

Eine Tatsache bleibt: Die Duldungsbereitschaft der Frauen ist ebenso wie das Risiko beim Kaiserschnitt in den letzten Jahren stetig gesunken. In manchen Bereichen sei die vaginale Geburt sogar riskanter geworden, behauptet Peter Husslein: "Bei Kaiserschnitten gibt es zwar ein erhöhtes Risiko für die nächste Schwangerschaft. Es ist aber unbestreitbar, dass es bei vaginalen Geburten später ein höheres Risiko für Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz und Sexualitätsprobleme gibt."

Sein Kollege vom Krankenhaus Korneuburg, Peter Safar, ist darin anderer Ansicht: "Bezüglich Stuhlinkontinenz oder sexuellem Erleben ist nichts nachgewiesen. Ich glaube nach wie vor, dass eine normale vaginale Geburt unbedingt anzustreben ist." Umso mehr warnt er seine Kollegen, Frauen einen absoluten Sicherheitsanspruch einzureden. "Bei allen Errungenschaften bleibt bei Schwangerschaft und Geburt ein Restrisiko."

Renate Großbichler weiß nur zu gut von diesen Risiken. In ihrer 17-jährigen Tätigkeit in der Geburtshilfe hat die Vorsitzende des Österreichischen Hebammen-Gremiums so manches erlebt. Sowohl der pränatalen Diagnostik als auch dem Kaiserschnitt steht sie zwiespältig gegenüber: "Durch vorgeburtliche Untersuchungen gibt es zwar kaum noch negative Überraschungen. Andererseits wird der Platz für behinderte Kinder stetig eingeschränkt." Immer weniger Raum gebe es auch für das Vertrauen der Frauen in die eigene Gebärfähigkeit, meint Großbichler. Und gar kein Platz existiere offenbar für Einrichtungen wie das Geburtshaus Nussdorf, das Paare wie Lori und Gilles als kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Natürlichkeit und Sicherheit empfanden: "Dass es schließen musste, ist ein einziges Drama."

BUCHTIPP:

GEBURTEN. Sieben Möglichkeiten, ein Kind auf die Welt zu bringen - von der Meeresgeburt bis zum Kaiserschnitt.

Von Michael Appelt (Fotos) und Wolfgang Huber-Lang (Text), Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, 216 Seiten mit 158 Abbildungen, e 28,80.

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