Gynäkologen in Österreich - Einfühlend? Nehmen sich Österreichs Gynäkologen genügend Zeit, um Schwangere über pränatale Diagnostik aufzuklären? Nicht immer, kritisiert Husslein. Schuld seien mangelnde Ausbildung – und die Krankenkasse. - © istockphoto

Peter Husslein: "Hier gibt es keine Eugenik, wir drängen niemanden“

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Husslein, Leiter der Wiener Universitätsfrauenklinik und des Instituts "Fetomed“, über Druck und Aufklärungspraxis bei pränataler Diagnostik.

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Peter Husslein, Leiter der Wiener Universitätsfrauenklinik und des Instituts "Fetomed“, über Druck und Aufklärungspraxis bei pränataler Diagnostik.

Werden Eltern durch die immer umfassenderen Pränataldiagnostikmethoden unter Druck gesetzt? Gynäkologe Peter Husslein nimmt dazu im FURCHE-Interview Stellung.

DIE FURCHE: Herr Professor Husslein, wie viele Kinder mit Trisomie 21 wurden im Vorjahr im AKH diagnostiziert - und wie viele geboren?
Peter Husslein:
24 wurden bei uns diagnostiziert und zwei geboren. Die Pränataldiagnostik ist heute eben in der Lage, das Down-Syndrom früh zu entdecken und im Rahmen der Autonomie der Schwangeren die Möglichkeit zu bieten, die Schwangerschaft zu beenden. Übrig bleiben jene Fälle, in denen sich die Frau bewusst gegen eine Pränataldiagnostik entschieden hat - und damit meine ich das erweiterte First Trimester Screening - oder jene wenigen Frauen, die sich nach einer Diagnose Trisomie 21 entschieden haben, das Kind trotzdem zu bekommen.

Werden Eltern durch die immer umfassenderen Pränataldiagnostikmethoden unter Druck gesetzt? Gynäkologe Peter Husslein nimmt dazu im FURCHE-Interview Stellung.

DIE FURCHE: Herr Professor Husslein, wie viele Kinder mit Trisomie 21 wurden im Vorjahr im AKH diagnostiziert - und wie viele geboren?
Peter Husslein:
24 wurden bei uns diagnostiziert und zwei geboren. Die Pränataldiagnostik ist heute eben in der Lage, das Down-Syndrom früh zu entdecken und im Rahmen der Autonomie der Schwangeren die Möglichkeit zu bieten, die Schwangerschaft zu beenden. Übrig bleiben jene Fälle, in denen sich die Frau bewusst gegen eine Pränataldiagnostik entschieden hat - und damit meine ich das erweiterte First Trimester Screening - oder jene wenigen Frauen, die sich nach einer Diagnose Trisomie 21 entschieden haben, das Kind trotzdem zu bekommen.

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DIE FURCHE: 90 Prozent aller Eltern sollen sich nach Schätzungen für einen Abbruch entscheiden. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Husslein:
Ja, wobei wir zunehmend das Problem haben, dass Patientinnen die Pränataldiagnostik zum optimalen Zeitpunkt zwischen der 11. und 14. Woche ablehnen - womöglich, weil sie nicht richtig aufgeklärt worden sind -, dann in der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche beim Organscreening mit einer Auffälligkeit konfrontiert sind, Angst bekommen und dann in der 24. Woche, nach Beginn der Lebensfähigkeit des Fötus, einen Abbruch wollen. Gerade unlängst haben wir am AKH so einen Fall gehabt. Glücklicherweise hat sich die Frau dazu entschlossen, das Kind doch zu behalten.

DIE FURCHE: Was, wenn sie sich anders entschieden hätte?
Husslein: Wahrscheinlich hätten wir in diesem Fall eine Ausnahme gemacht und die Schwangerschaft beendet, weil die soziale Situation der Patientin sehr problematisch war. Ansonsten gibt es bei uns die Selbstbeschränkung, eine Schwangerschaft mit Trisomie 21 nur vor der Lebensfähigkeit des Kindes zu beenden. Rechtlich wäre ein Abbruch auch jenseits dieser Frist legitim.

Peter Husslein - Streitbar: Peter Husslein ist seit 1996 Vorstand der Universitätsfrauenklinik am Wiener AKH. Gemeinsam mit Elisabeth Krampl leitet er in der Privatklinik Döbling das Institut „FetoMed“. - © Privat

Peter Husslein

ist seit 1996 Vorstand der Universitätsfrauenklinik am Wiener AKH. Gemeinsam mit Elisabeth Krampl leitet er in der Privatklinik Döbling das Institut „FetoMed“.

ist seit 1996 Vorstand der Universitätsfrauenklinik am Wiener AKH. Gemeinsam mit Elisabeth Krampl leitet er in der Privatklinik Döbling das Institut „FetoMed“.

DIE FURCHE: Apropos Aufklärung: Sind Gynäkologen derzeit ausreichend dafür geschult?
Husslein: Patientinnen darüber aufzuklären, was bei einem normalen Ultraschall oder einem First-Trimester-Screening untersucht wird, das muss jemand, der Schwangerenbetreuung macht, können. Es scheitert aber gerade im niedergelassenen Bereich an der Unwilligkeit der Sozialversicherung, für dieses zeitaufwändige Gespräch die nötige Finanzierung bereitzustellen.

Jeder niedergelassene Gynäkologe hat aber die Verpflichtung hinzuweisen, dass einfache Ultraschalluntersuchungen keine klassische Pränataldiagnostik sind. Wenn er das nicht richtig macht, dann haftet er. Diverse Urteile des OGH - Stichwort "Kind als Schaden“ - haben aber dazu geführt, dass sich die Aufklärungspraxis der Ärzte wesentlich verbessert hat.

DIE FURCHE: Die Beratung und Begleitung nach Diagnose Trisomie 21 erleben viele Paare dennoch als mangelhaft, auch an Ihrem AKH …
Husslein:
Das wundert und trifft mich, weil wir mit drei Psychologinnen besser ausgestattet sind als jedes andere Spital im deutschsprachigen Raum. Wir bemühen uns, zu nahezu jedem Gespräch eine Psychologin hinzuzuziehen, und wir gewährleisten, dass die Menschen ausreichend Bedenkzeit haben zwischen der Diagnose und einem möglichen Abbruch. Wir drängen überhaupt niemanden.

Jede Frau, die ein Down-Syndrom-Kind behalten will, ist mir überaus willkommen. Das Problem ist aber auch, dass wir unter enormem, juristischem Druck stehen.

Peter Husslein, Gynäkologe

Es geht immer nur um den Wunsch der Frau. Hier gibt es keine Eugenik nach dem Motto: Wir wollen nicht, dass diese Kinder auf die Welt kommen! Es ist umgekehrt: Jede Frau, die ein Down-Syndrom-Kind behalten will, ist mir überaus willkommen. Das Problem ist aber auch, dass wir unter enormem, juristischem Druck stehen. Wir sind schon geklagt worden, weil wir einen Abbruch eines Fötus mit Neuralrohrdefekt nicht gemacht haben. Es hat geheißen, wir hätten durch zu optimistische Beratung verhindert, dass die Mutter die Schwangerschaft beenden konnte. Die Frau hat die Klage dann aber zurückgezogen.

DIE FURCHE: Der Druck wird noch steigen: Irgendwann wird es möglich sein, durch einen mütterlichen Bluttest das gesamte Genom des Kindes durchzusequenzieren …
Husslein:
Das birgt Sprengstoff in sich! Vor allem die Beratungsnotwendigkeit wird exorbitant zunehmen, und wenn ich mich geoutet habe, dass ich schon bei der relativ simplen Beratung über das Down-Syndrom Schwierigkeiten im niedergelassenen Bereich sehe, dann könnte die genetische Beratung künftig der Knackpunkt werden. Derzeit wird dieser Beratung in der Facharztausbildung sicher zu wenig Augenmerk geschenkt. Aber wie sagte einst Bertrand Russell: "Fortschritt bedeutet, gelöste Probleme durch neue zu ersetzen.“

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