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"Endlich jemand da, der mir zuhört!"

Eine Schwangerschaft kann ein Geschenk des Himmels sein -oder eine existenzielle Katastrophe. Jene Frauen und Paare, die Christine Loidl berät, haben meist die zweite Empfindung. Sie kommen zu ihr, weil sie verzweifelt sind, weil sie für sich und dieses Kind, das Tag für Tag größer wird, keine gute Zukunft sehen. Bereits seit 16 Jahren ist die ausgebildete Psychotherapeutin, Psychologin und Sozialarbeiterin als Schwangerenberaterin für Aktion Leben Österreich sowie in freier Praxis tätig. Die Frauen, denen sie seither gegenübergesessen ist, lassen sich nur schwer in eine Kategorie einordnen, erklärt sie im FURCHE-Gespräch. "Meine jüngste Klientin war 14, meine älteste 49. Manchmal löst das erste Kind eine Konfliktsituation aus, es kann aber auch das fünfte oder sechste sein."

So divers die Eckdaten der betroffenen Frauen sind, so komplex ist die Frage, was zu ihrer ungeplanten Schwangerschaft geführt hat. Die Annahme, dass meist eine Verhütungspanne ursächlich sei, greife nämlich zu kurz. "Oft stellen wir in der Beratung einen ambivalenten Zugang zum Thema Kinderwunsch fest -und ein dementsprechend ambivalentes Verhalten", weiß Loidl.

Kommunikation als Problem

Als Beispiel beschreibt sie ein Paar, das erst vor wenigen Tagen zu ihr in die Beratung gekommen sei. Die Frau habe dem Mann klar gesagt, dass sie nicht die Pille nehme, über andere Formen der Verhütung wurde aber nicht gesprochen. "Hier gab es ein großes Kommunikationsproblem -und einen verdeckten Kinderwunsch der Frau", erklärt Loidl. Der Eintritt der Schwangerschaft habe schließlich beide überfordert. Verhütungsmittel auf Krankenkassenkosten bereitzustellen -wie es etwa im Frauenvolksbegehren gefordert wird -, helfe zwar sozial schwachen Frauen, sei aber nicht der Schlüssel gegen ungewollte Schwangerschaften. Es brauche auch mehr Wissen über den eigenen Körper, etwa durch eine bessere Sexualpädagogik in Schulen -auch wenn man Vieles über Sexualität und Beziehung erst lebensgeschichtlich lerne.

Komplex sind aus Loidls Sicht auch die Gründe, warum sich ihre Klientinnen außerstande sehen, ihr Kind auszutragen bzw. großzuziehen. "Oft wird die Beratung damit eröffnet, dass man sich das Kind finanziell nicht leisten kann -aber in einem zweiten Schritt geht es meist auch um die psychische und Beziehungs-Perspektive: Kann ich überhaupt gut für mein Kind sorgen? Wie sieht die Partnerschaft aus? Können wir uns auch vorstellen, als Paar getrennt und trotzdem für das Kind da zu sein?", erklärt Loidl. Dass immer mehr Frauen über keine familiären Netzwerke verfügen und alles allein schaffen müssen, sei ein riesiges Problem. "Es gibt Einrichtungen wie das Netzwerk Frühe Hilfen oder den Verein Growtogether, der belasteten Familien hilft, aber das sind nur Tropfen auf den heißen Stein", so Loidl.

Auch Aktion Leben kann fehlende familiäre Ressourcen nicht ersetzen -aber psychologische Begleitung, Information über sozialrechtliche Ansprüche und finanzielle Patenschaften können den Druck reduzieren und stimmige Entscheidungen erleichtern. "Oft hilft es diesen Frauen schon, wenn da endlich jemand ist, der ihnen zuhört und sie ganz ernst nimmt", erzählt Loidl. Umso wichtiger sei, dass Frauen in Konfliktsituationen rasch Zugang zu qualifizierter Beratung erhalten und die Ärzte mehr als bisher auf entsprechende Angebote verweisen. Auch für die Beratungsstelle selbst brauche es mehr Unterstützung, betont die Expertin: Aktion Leben erhalte zwar eine Förderung des Familienministeriums, doch diese decke nicht ansatzweise die Kosten ab.

Nicht realisierter Kinderwunsch

Mit knappen Ressourcen hat auch der Verein Wendepunkt in Wiener Neustadt zu kämpfen. Die überparteiliche Frauen-und Familienberatungsstelle wird von der Stadt, vom Land Niederösterreich und vom Bund finanziert, doch durch die Kürzungen des Familienministeriums fällt man allein heuer um 60 Beratungsstunden um. Wie bei Aktion Leben berichtet man auch hier von vielen Klientinnen mit ambivalentem Kinderwunsch. "Der eigene Perfektionsanspruch oder schwierige sozioökonomische Verhältnisse führen dazu, dass Frauen diesen Kinderwunsch oft nicht realisieren können", weiß Claudia Prudic.

Umso mehr plädiert die klinische und Gesundheitspsychologin dafür, betroffenen Frauen möglichst viele Optionen zu eröffnen -bis hin zur Vision einer "Elternpartnerschaft", bei der sich vorerst Pflegeeltern um das Kind kümmern, bis die leibliche Mutter dazu in der Lage ist. "Das ist natürlich nicht einfach, aber wenn es psychologisch gut begleitet ist, könnte es für alle eine unglaubliche Ressource sein", so Prudic. Auch besseren Aufklärungsunterricht in den Schulen fordert sie ein. Bei vielen Mädchen und Frauen sei das Wissen sehr dünn gesät, und je nach Herkunftskultur könne dieses Nichtwissen noch dramatischere Ausmaße annehmen. Dazu komme die Verfügbarkeit von Pornographie. "Viele ungewollte Schwangerschaften sind auch darauf zurückzuführen, dass es einen extrem lieblosen Umgang mit dem eigenen Körper gibt," erzählt Prudic. Viel zu tun also für die Beraterinnen. Man sollte sie unterstützen.

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