Schattenriss
Gesellschaft

Online-Beratung für Frauen: Die anonyme Nähe

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Die Krise verstärkt (Paar)-Konflikte. Die Nachfrage nach Online-Beratungen steigt. Ein Interview über Entlastung, Paradoxien und „Mutter-Sohn-Schrumpfbeziehungen“.

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Die Krise verstärkt (Paar)-Konflikte. Die Nachfrage nach Online-Beratungen steigt. Ein Interview über Entlastung, Paradoxien und „Mutter-Sohn-Schrumpfbeziehungen“.

Bettina Zehetner vom Wiener Verein „Frauen* beraten Frauen*" kennt die Probleme vieler Frauen, die dieser Tage Oberhand gewinnen. Der FURCHE erklärte die langjährige Vorständin die Vorteile von Online-Beratung und warum sie in ihrem Buch den Mann als „Reparaturprojekt“ betitelt hat.


DIE FURCHE: Sie arbeiten seit 20 Jahren im Verein Frauen* beraten Frauen*, wo Sie Menschen in schwierigen Lebenssituationen wie Scheidung oder häuslicher Gewalt beistehen. Frauenministerin Susanne Raab und Innenminister Karl Nehammer sprachen unlängst von keinem nennenswerten Zuwachs an häuslicher Gewalt während des Lockdowns. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Bettina Zehetner: Dass es während des Lockdowns einen deutlichen Anstieg an Gewalt von Männern an Frauen im privaten Bereich gegeben hat. Wir haben in der Onlineberatung 30 Prozent mehr Anfragen erhalten. Corona hat verstärkt, was vorher schon da war. Eine Ausgangssperre erzeugt Druck und lässt vor allem in beengten Wohnverhältnissen Aggression eskalieren. Diejenigen Männer, die ihre Frauen schon vor der Krise als Besitz betrachteten, intensivierten ihr Kontrollverhalten ins Unerträgliche. Eine Rat- suchende schrieb uns: „Er lässt mich keine Minute aus den Augen, kontrolliert mein Handy, lässt mich nicht telefonieren, droht, mir die Kinder wegzunehmen.“


DIE FURCHE: Was war Ihr Rat an Frauen, die während des Lockdowns Gewalt ausgesetzt waren?
Zehetner: Wir entwickeln mit den Frauen Strategien, wie sie wirkungsvoll Grenzen setzen können, einschränkendes und demütigendes Verhalten direkt ansprechen und unterbrechen können und ermutigen sie, sich bei Bedrohung Unterstützung zu holen. Etwa durch Personen im sozialen Nahraum wie Nachbarn oder die Polizei.


DIE FURCHE: Gab es neben dem Anstieg von häuslicher Gewalt noch andere markante Veränderungen für Frauen? Zehetner: Die vorher schon bestehende Ungleichverteilung von Haus- und Kinderbetreuungsarbeit wurde in den meisten
Familien noch verschärft. Die Frauen wurden oft als hauptzuständig für Homeschooling erklärt. Katharina Maders Zeitverwendungsstudie an der WU zeigt sogar, dass Frauen mit im Familienverbund lebenden Partnern noch mehr Sorgearbeit geleistet haben als Alleinerzieherinnen. Sie haben ihre Männer mitbetreut.


DIE FURCHE: Tut der Staat genug, um gegen Gewalt an Frauen vorzugehen? Wie sieht die aktuelle Situation, was die Förderung von Vereinen oder Helplines betrifft, aus?
Zehetner: Bei „Frauen* beraten Frauen*“ werden die Fördermittel heuer leicht erhöht. Dennoch können wir nicht den Bedarf an Beratung decken, mit dem die Frauen an uns herantreten. Wir könnten jeden Beratungsplatz mehrfach besetzen. Es wäre eine politische Notwendigkeit, Frauen- und Mädchenberatungsstellen langfristig zu finanzieren. Es ist eine Verschwendung von Ressourcen, jedes Jahr wieder neu um Förderung ansuchen zu müssen, wenn die Notwendigkeit von psychosozialer und rechtlicher Beratung so offensichtlich ist.