Hanna Caspaar - © Melbinger/Paulitsch

Schreien, bis es leichter wird

1945 1960 1980 2000 2020

Zuerst hat Hanna Caspaar ihr ungeborenes Kind verloren. Jahre später ihren 28-jährigen Sohn. Heute leitet die Psychotherapeutin ehrenamtlich den Verein "Verwaiste Eltern“ - und hat im Durchleben der Trauer zu einem vertieften Leben gefunden.

1945 1960 1980 2000 2020

Zuerst hat Hanna Caspaar ihr ungeborenes Kind verloren. Jahre später ihren 28-jährigen Sohn. Heute leitet die Psychotherapeutin ehrenamtlich den Verein "Verwaiste Eltern“ - und hat im Durchleben der Trauer zu einem vertieften Leben gefunden.

"Lasst die Verzweiflung heraus! Schreit sie hinaus in den Garten, in den Wald, in die Berge! Oder setzt euch ins Auto und kurbelt die Fenster hoch! Zertrümmert zur Not eure Küchensessel, wenn euch danach ist, aber geht nicht auf euch selber los! Drückt sie aus, diese explosive Ladung an Gefühlen; drückt sie aus, eure Wut auf diesen so sinnlosen, zerstörerischen Tod.“

Was Hanna Caspaar jenen Menschen rät, denen ein Kind gestorben ist, hat sie selber einst am Leben gehalten. Meist ist sie in die Berge gefahren, um ihre Sehnsucht nach ihrem Sohn gegen die Felswände zu schreien. Oder sie hat mit ihrem Mann in der Wüste biwakiert, um dem weiten Himmel ihre Gefühle anzuvertrauen. "Diese Schmerzwelle fühlt sich im ersten Moment furchtbar an“, sagt sie vor den Fotos ihres Sohnes in ihrer Grazer Wohnung, "aber wenn sie draußen ist, dann ist alles etwas leichter.“

Dieses Leben nicht für beendet erklären

Man schreibt das Jahr 2001, als das Leben der damals 48-Jährigen plötzlich aus den Fugen gerät. Ihr 28-jähriger Sohn Oliver, erst vor kurzem selbst Vater einer kleinen Tochter geworden, wird tot in seiner Wohnung gefunden. Da die Staatsanwaltschaft ermittelt, erhält sie keine Auskunft über die Todesumstände. Ohne Krisenintervention wird Hanna Caspaar mit nie erlebter Wucht getroffen.

Eigentlich hat sie sich als Psychotherapeutin mit dem Thema Tod befasst. Eigentlich glaubt sie, den Tod zu kennen. Doch der Trauerabgrund, in den sie fällt, ist unvorstellbar tief. In einem ersten Impuls will sie den Tod geheim und ungeschehen halten, will dieses blühende junge Leben nicht für beendet erklären - diesen leidenschaftlichen Snowboarder, diesen mutigen Mountainbiker, der mit seinen dreckverschmierten Kumpels gern zur Mama auf eine Jause kam.

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