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Die große Angst vor INKLUSION

1945 1960 1980 2000 2020

Der Plan, bis 2020 fast alle Sonderschulen zu schließen, stößt bei vielen Eltern und Lehrern auf Widerstand. Warum? Ein Lokalaugenschein.

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Der Plan, bis 2020 fast alle Sonderschulen zu schließen, stößt bei vielen Eltern und Lehrern auf Widerstand. Warum? Ein Lokalaugenschein.

Stefan mag es gern präzise. Auf die Frage nach seinem Alter könnte der Neunjährige einfach nur "neun Jahre" sagen. Doch der Bub mit der Brille und dem dunklen Sweater, der wie alle anderen Kinder in dieser Geschichte eigentlich anders heißt, hat seine ganz spezielle Sicht auf die Welt: "In ein paar Tagen und sechs Monaten werde ich zehn", sagt er bestimmt. "Und wenn ich zehn bin, ist Herr Berg zehn Jahre verheiratet."

"Herr Berg", das ist der Lehrer der sechs Kinder, die an diesem Morgen in der dritten Klasse der Karl-Schubert-Schule in Wien-Mauer im Sesselkreis sitzen. "Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt 'ne kleine Wanze" hat der aus Deutschland stammende Heilpädagoge gerade intoniert -und jeder im Rund macht so gut mit, wie er eben kann: der kleine Ferdinand in der Latzhose, indem er jauchzt und stampft; die kleine Aida im Rollstuhl, indem sie kaum merklich wippt; und Stefan, indem er nach jeder Strophe an die Tafel läuft, um vom Wort "Wanze" einen Magnetbuchstaben zu entfernen.

Flucht in die Privatschule nach Mobbing

Von seinen intellektuellen Fähigkeiten her könnte der Bub ohne Probleme eine Regelschule besuchen, wie Horst Berg später erklären wird. Doch um dort auch bestehen zu können, braucht es auch noch andere Fähigkeiten: zum Beispiel jene, sich konzentrieren zu können und sich in einer größeren Gruppe nicht völlig zu verlieren. Auf Grund einer massiven Wahrnehmungsstörung und Konzentrationsschwäche fällt das dem Neunjährigen aber schwer - so schwer, dass ihn selbst die ohnehin kleinere Klasse einer sonderpädagogischen Einrichtung der Stadt Wien überfordert hat. "Die Begleitlehrerin, die es dort in der Klasse gab, hätte er den ganzen Tag für sich allein gebraucht", erzählt seine Mutter im FURCHE-Gespräch. Als es schließlich auch zu Mobbing kam, wandte sie sich vor zwei Jahren an die Karl-Schubert-Schule, eine private Waldorfschule mit Öffentlichkeitsrecht.

Es war nicht die (bis heute umstrittene) Pädagogik Rudolf Steiners, die sie diese Wahl treffen ließ -und auch nicht das Lernen in "Epochen", wie man es hier stolz praktiziert: Es war vor allem das Gefühl, dass die maximal acht Kinder pro Klasse, die besonders intensive Betreuung und die familiäre Atmosphäre den Bedürfnissen ihres Sohnes noch am ehesten entsprechen würden. Wie alle 75 Schülerinnen und Schüler der "Karl-Schubert-Schule für seelenpflegebedürftige Kinder", wie es etwas altertümlich heißt, verbringt Stefan den ganzen Tag bis 16 Uhr - inklusive Essen - mit seinen Betreuungspersonen: seinem Klassenlehrer Horst Berg, dessen Assistentin und einem Zivildiener. Drei Betreuer für sechs Kinder in einem fast neuen Gebäude mit großem Garten, dazu individuelle Förderungen mittels Musiktherapie, Physiotherapie, Logopädie und Massagen: Nicht viele öffentliche Sonderschulen können das bieten - von Regelschulen ganz zu schweigen.

Entsprechend groß ist das Interesse an der privaten Schule, auch wenn dafür monatlich ein - sozial gestaffelter - Elternbeitrag zu entrichten ist: Für die sieben Plätze der nächsten ersten Klasse habe man bereits 20 Interessenten, erklärt Markus Hildenbrand vom dreiköpfigen Leitungsteam der Schule. Zugleich würden aber die öffentlichen Förderungen gekürzt: Das Land Niederösterreich, das derzeit elf Schüler fördere, werde keine neuen mehr übernehmen, und auch der "Fonds Soziales Wien", der bei 64 Schülern einen Großteil der Kosten trage, hätte immer knappere Ressourcen. "Die Zeichen stehen eben auf Inklusion", sagt Hildenbrand, der selbst eine Klasse mit sieben Jugendlichen - davon fünf aus dem Autismus-Spektrum -leitet (siehe rechts)."Diese Entwicklung ist grundsätzlich schon gut. Nur muss man auch akzeptieren, dass Inklusion bei einem gewissen Prozentsatz der Schüler einfach nicht funktioniert."

Eine Sorge, die viele Eltern sowie Lehrer von Kindern mit Beeinträchtigungen teilen: Dass laut Nationalem Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bis zum Jahr 2020 Sonderschulen in Österreich die absolute Ausnahme werden sollen, stößt bei vielen auf heftige Kritik. Sie fürchten nicht nur um die Freiheit der Eltern, eine den Bedürfnissen ihrer Kinder entsprechende Schule auszuwählen, sondern vor allem, dass es unter dem Deckmantel der "Inklusion" bevorzugt um Einsparungen gehe. Ein deutliches Indiz dafür ist etwa, dass es für die neuen inklusiven Modellregionen Steiermark, Tirol und Kärnten keine zusätzliche Mittel gibt. Unter anderem deswegen haben sich im Vorjahr 24.000 Eltern in einer Bürgerinitiative gegen die Abschaffung von Sonderschulen gewehrt. Inklusion ohne adäquate Ressourcen würde alle überfordern, warnte auch Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger Ende Jänner gegenüber dem Standard. Selbst Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) forderte zuletzt - im Widerspruch zu Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) - "im Interesse der betroffenen Kinder alle Möglichkeiten zu belassen: von Sonderschulbetreuung bis hin zu inklusiven Schulformen".

Ganz anders die Position der "Lebenshilfe Österreich": Weil es nicht klug sei, "parallel in zwei Schulsysteme zu investieren", sollten die Sonderschulen lieber früher als später geschlossen werden. "Wenn es in dieser Phase der Übergangszeit nicht mehr Ressourcen gibt, haben die Angehörigen natürlich Recht, warnend ihre Stimme zu erheben", sagt Generalsekretär Albert Brandstätter gegenüber der FURCHE. "Aber das Ziel muss trotzdem ein inklusives Schulsystem sein - weil die Kinder ein Recht darauf haben, weil sie hier mehr lernen und weil wir sie auch nicht für Werkstätten, sondern für normale Lebenssituationen vorbereiten sollten."

Wahlfreiheit für Eltern

An der Karl-Schubert-Schule hat man indes eigene Erfahrungen gemacht: Manche Eltern kämen verzweifelt mit Kindern, die in anderen Schulen ständig suspendiert worden seien, erklärt Markus Hildenbrand. "Ich fürchte, dass die Entwicklungen darauf hinauslaufen, dass diese Kinder ohne spezielle Schulen zu Hause bleiben müssten." Umso mehr plädieren er und seine Kollegin Tereza Szabo dafür, sich beim Thema Inklusion Zeit zu lassen, Ängste ernst zu nehmen - und den Eltern Wahlfreiheit zuzugestehen.

Stefans Mutter jedenfalls hat das Gefühl, vorerst richtig gewählt zu haben. An die Zukunft denken kann und will sie aber noch nicht: "Stefan kann keine Gefahren ein- und abschätzen, deshalb weiß ich noch nicht einmal, ob er je alleine wohnen kann", erzählt sie. Wenn es für ihn passt, kann er sich nach der Schulpflicht in der Weberei, Holzwerkstatt oder Küche der Karl-Schubert-Schule versuchen - oder schon lange zuvor in eine Regelschule wechseln. Um bestmöglich dafür gerüstet zu sein, bekommt er derzeit neben individuellem Schreibschrift-Training auch zusätzliche Mathematik-Förderung. Am wichtigsten sei aber, dass er endlich einen Platz gefunden habe, an dem er sich wohlfühle, betont seine Mutter.

Die kleine Aida hilft ihm dabei - auch an diesem Morgen, als es nach dem Singen ans Rechnen geht. Anhand des Abschreitens einer Holzlatte am Boden sollen die Kinder ein Gefühl für Abstände und Zahlen bekommen. Stefan geht und zählt seine Schritte auf Vorschlag von Horst Berg gleich einmal rückwärts; die kleine Aida hingegen wird von Berg an die Brust genommen, während die Assistentin ihre Füße einen nach dem anderen auf die Latte setzt. "Sie braucht eben Zeit", sagt Stefan ernst - und in diesem Moment ist er die Ruhe selbst.

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