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Nichtraucher-Schutz im BLAUEN DUNST

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In keinem anderen Mitgliedsland der EU gibt es so wenige Anti-Raucher-Maßnahmen wie in Österreich. Das könnte sich mit einem Verbot für Unter-18-Jährige bald ändern.

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In keinem anderen Mitgliedsland der EU gibt es so wenige Anti-Raucher-Maßnahmen wie in Österreich. Das könnte sich mit einem Verbot für Unter-18-Jährige bald ändern.

Touristen in Wien fühlen sich manchmal, als wären sie in einer anderen Zeit gelandet. Nicht wegen der imposanten Ringstraßenbauten und der klassischen Kaffeehäuser, auch nicht wegen der Fiaker vorm Stephansdom. Sie wundern sich, wieviele Österreicher rauchen, und flüchten aus Lokalen, in denen es noch erlaubt ist. Während es anderswo verpönt ist, greifen selbst Jugendliche hierzulange gerne zur Zigarette. Zumindest das wollen die Jugendlandesräte jetzt verhindern. Am 30. und 31 März treffen sie sich zu einer Tagung in Krems.

Ein Rauchverbot für Jugendliche wollte der zuständige Wiener Stadtrat Jürgen Czernohorszky vorab zwar nicht bestätigen. Doch er sagt: "Tatsache ist, in Österreich beginnen viel zu viele junge Menschen sehr früh zu rauchen. Deshalb ist es für Wien zentral, hier ganz gezielt Maßnahmen zu setzen: In Form von Bewusstseinsbildung und Präventionsarbeit, aber auch mit einem österreichweit einheitlichen Jugendschutz." Die steirische Jugendlandesrätin Ursula Lackner (SPÖ) hingegen ist vom Verbot überzeugt, sei es doch bewiesen, dass es umso schwerer wird aufzuhören, je früher man angefangen hat.

Ziel: Weniger junge Raucher

Derzeit dürften 16-Jährige Jugendliche in Österreich legal Zigaretten kaufen. Umfragen zeigen, dass bereits zehn bis sechszehn Prozent der 15-Jährigen sogar täglich rauchen. Für Irene Schmutterer von der Gesundheit Österreich GmbH, dem nationalen Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen, ist das aber ein positives Ergebnis. Denn der Wert habe sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre halbiert, sagt sie. Bei den Über-15-Jährigen raucht hingegen jeder Vierte beziehungsweise jede Vierte - denn Mädchen sind anfälliger als Buben. Österreich führt damit eine europaweite Negativliste an.

Experten sind sich darüber einig, dass das nun geplante Verbot für Jugendliche absolut sinnvoll wäre. Denn das Rauchen schädige nicht nur die Lunge, Nikotin sei auch "gefährliches Gift für die Augen" und führe früher zum grauen Star, warnt etwa Andreas Wedrich, Präsident der Gesellschaft der Österreichischen Augenärzte. Ein Verbot für Jugendliche wäre aber auch durchaus wirksam. "Es hat sich gezeigt, dass die Anhebung des Mindestalters den Raucheranteil unter den 16-und 17-Jährigen um rund 30 Prozent verringert", sagt Florian Stigler vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Medizinischen Universität Graz. Das hätte auch Auswirkungen auf später, würde doch ein Großteil der Raucher bereits in jugendlichem Alter beginnen. Gemeinsam mit seinen zwei Koautoren untersuchte Stigler die wissenschaftliche Literatur nach Beweisen für den Effekt der Anhebung des Alterslimits für den Kauf von Tabakprodukten. "Alle Zeichen sprechen dafür, dass es eine sinnvolle und zielführende Maßnahme ist", sagt der Wissenschaftler im Gespräch mit der FURCHE.

So wurde 2005 in der US-amerikanischen Stadt Needham in Massachusetts ein Rauchverbot bis 21 Jahren beschlossen, während es in umliegenden Städten keine gesetzlichen Veränderungen gab. Forscher stellten fest, dass sich der Raucheranteil bei 14-18-Jähriger zwar überall sank, in Needham jedoch deutlich am stärksten. In Großbritannien, das vor zehn Jahren Zigaretten für Jugendliche verbot, sank der Anteil der Raucher unter ihnen von 23,7 auf 16,6 Prozent. Das hatte auch positive Effekte auf 11-bis 15-jährige Kinder. "Ganz sicher kann man nicht sein, dass man in Österreich einen ähnlichen Effekt erzielt", so Stigler. Doch die internationalen Erfahrungen zeigen einen positiven Trend.

Ein anderes Beispiel, das Stigler anführt, ist Schweden. Dort wurde bereits vor zwanzig Jahren ein Rauchverbot für Jugendliche eingeführt. Es dauerte einige Jahre, bis sich ein Effekt einstellte, und dann vor allem in ländlichen Regionen. In der Stadt Malmö änderte sich nichts. Das hätte auch mit lückenhaften Kontrollen zu tun gehabt, schrieben Wissenschaftler. Fast die Hälfte der Jugendlichen konnte noch mühelos an Zigaretten kommen.

Daher ist es umso wichtiger, wie das geplante Verbot tatsächlich umgesetzt wird. Schon derzeit hat Österreich eines der laxesten Nichtraucherschutzgesetze der Europäischen Union. Das zeigt der Tobacco Control Scale 2013, ein Indikator für die gesetzliche Tabakkontrolle, herausgegeben von der "Association of European Cancer Leagues", der Europäischen Krebsliga. Forscher analysierten Faktoren wie Preise und die Höhe der Steuern auf Tabakwaren, Werbe-und Rauchverbote und Entwöhnangebote für Raucher in 34 europäischen Ländern. So gilt ein generelles Rauchverbot in Gaststätten, wie es anderswo bereits seit längerer Zeit durchgesetzt wurde, hierzulande erst ab Mai 2018. In der sogenannten "Tobacco Control Scale" lag Österreich in den vergangenen Jahren sogar an letzter Stelle.

Österreich "Aschenbecher der EU"

"Es sieht ganz so aus, als ob das auch heuer wieder der Fall sein wird", sagt Manfred Neuberger, Präventivmediziner an der Medizinischen Universität Wien, der sich in der Initiative "Ärzte gegen Raucherschäden" engagiert. "Wir sind schändlicherweise der Aschenbecher der EU." Wolle man Anschluss ans restliche Europa finden, ist er überzeugt, müsse mit dem überfälligen Rauchverbot für Jugendliche auch ein Zigarettenautomatenverbot einhergehen. Denn an den Automaten könne jeder Jugendliche mit fremden Bankomatkarten zu Tabakprodukten kommen -und das müsse verhindert werden.

Derzeit stehen 6500 Automaten im Land. Diese könnten bereits jetzt gegen Anti-Raucherbestimmungen der EU verstoßen: Auf den Automaten fehlen Hinweise und Schockfotos, wie sie auf Zigarettenpackungen zu finden sind. Konsumten werden somit erst nach dem Kauf vor den gesundheitlichen Schäden gewarnt. In Deutschland stellte der Justizsenat deshalb eine Verletzung der EU-Richtlinien fest. "Wir nehmen das zum Anlass auch in Österreich auf Basis der österreichischen Rechtssituation zu prüfen", sagte Franz Pietsch, Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium, im Ö1-Morgenjournal.

Der Mediziner Neuberger fordert, dass öfter überprüft werden sollte, ob Trafikanten nach Ausweisen fragen, um das Alter ihrer Kunden festzustellen. Das "Mystery Shopping", also die Methode, Trafikanten zu kontrollieren, indem Kinder Testkäufe machen, sei bisher allerdings noch nicht in allen Bundesländern rechtlich möglich. In Trafiken wäre es zudem noch immer erlaubt, bei neuen Sorten Gratiszigaretten zu verteilen. Kinder und Jugendliche wären der Werbung der Tabakindustrie ausgeliefert.

Nur Südosteuropäer rauchen mehr

Bereits für das heurige Jahr ist die Plakatwerbung für Tabakprodukte verboten. Frankreich geht sogar noch einen Schritt weiter. Das französische Gesundheitsministerium verkündete, dass "attraktiv" klingende Markennamen von Zigaretten dort innerhalb eines Jahres unbenannt werden müssen -"Vogue" oder "Fine" sind dann nicht mehr erlaubt.

Es ist ein weiterer Schritt, das Rauchen unattraktiver zu machen. "Die Kinder von heute sind die potenziellen Kunden von morgen", schrieb der US-Zigarettenhersteller Philip Morris bereits in den 1980er-Jahren in einer internen Notiz. Damit Kinder gar nicht erst zu Kunden werden, müsse noch mehr Aufklärung an den Schule geschehen, fordert Neuberger.

Selbst elektrische Zigaretten, die derzeit in Mode sind, sind nicht harmlos. Sie seien die Einstiegsdroge zum Tabakrauchen. Neuberger warnt aber auch: Jede große Anti-Raucher-Kampagne dürfe sich nicht nur an Jugendliche, sondern müsse sich immer an die Gesamtbevölkerung richten. Denn rechnet man zu den Jugendlichen Erwachsene hinzu, liegt Österreich mit einem Raucheranteil von 30 Prozent weit über dem EU-Durchschnitt; nur Bulgarien und Griechenland schneiden noch schlechter ab. Die paffenden Einheimischen am Wirtshaustisch -für Touristen werden sie weiterhin ein antiquiert wirkendes Bild abgeben.

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