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Schule in Zeiten von Corona

Schulklasse - © Foto: APA / Hans Klaus Techt
Bildung

Schüler, Lehrer, Corona - die zweite Woche

1945 1960 1980 2000 2020

Dietmar Müller, Lehrer an einer höheren Schule in Wien, über seine ersten Erfahrungen im Distance-Teaching, die Flut app-basierter Kommunikation und wie schwer es sein kann, sich digitales Gehör zu verschaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Dietmar Müller, Lehrer an einer höheren Schule in Wien, über seine ersten Erfahrungen im Distance-Teaching, die Flut app-basierter Kommunikation und wie schwer es sein kann, sich digitales Gehör zu verschaffen.

Es ist der 27. März 2020 – der zehnte Schultag seit der Schulschließung. Heute vor einer Woche habe ich geflucht, gelästert und geschworen, dass ich jetzt ganz sicher keine technischen Spompanadln aufführen und auf mir bislang wenig bekannten digitalen Wegen wandeln werde. E-Mail plus Attachment muss genügen, wenn der Inhalt gut ist. Und damit basta, wie der Meister Eder in solchen Fällen zu seinem Pumuckl sagt.

Vorgestern habe ich meinen ersten Kanal bei Microsoft Teams gegraben; dazu einen Text über die gesundheitlichen Risiken der industriellen Nutztierhaltung, antibiotikaresistente Keime und dergleichen auf 1346 Zeichen (Zeichen!) gekürzt, ein Kreuzworträtsel aus fünf Fragen dazu gebastelt (im analogen Unterricht finde ich mit zwölf selten das Auslangen), ein paar erklärende, mahnende, vor allem aber aufmunternde Zeilen dazu, in die Betreffzeile ein digital gebrülltes „KEINE ANGST, DAS SIND NICHT NOCH MEHR ARBEITSAUFTRÄGE, SONDERN ...“ und einen originellen Preis für die oder den Ersten mit der richtigen Lösung. Hochladen und warten … Erreichbar sind die Schülerinnen und Schüler schon. Aber offenbar eher schwieriger für einen Lehrer, der nicht mit schlechten Noten winken kann. Arbeiten tun sie auch, die Fleißigen wahrscheinlich sogar mehr als sonst. Aber nicht an meinen Texten und Rätseln.

Unterscheiden können sie ganz offensichtlich nicht, vor allem nicht zwischen wichtig und viel. Ist das jetzt nicht die Situation, in der ein Religionslehrer etwas zu sagen hat, etwas dringend notwendig Richtungsweisendes? Ich frage mich, was Kinder und Jugendliche brauchen, um solche Krisen vor allem psychisch halbwegs gesund zu überstehen. Mehr digitale Abgabenordner? Mehr Daumen hoch und Kommentare von allen auf jedes? Mir fällt auch die Frustrationstoleranz wieder ein.

Als Vorbereitung für meine genau genommen eh gar nicht so ersten Schritte auf digitalen Lernplattformen habe ich mir ein Video eines Kollegen angesehen. Der erklärt, dass Schülerinnen und Schüler heutzutage mit E-Mails „nichts mehr anfangen“ könnten und seine Schule deshalb auf app-basierte Kommunikation umgestellt habe. In meiner Naivität bin ich die letzten 24 Jahre davon ausgegangen, dass eine der Kernaufgaben von Schule darin besteht, Kinder und Jugendliche mit Dingen und Techniken vertraut zu machen, mit denen zumindest einige zuerst einmal „nichts anfangen“ können, Lesen, Schreiben, Rechnen etwa. Vielleicht aber auch E-Mails?

Man kann auch in der Kommunikation rücksichtlos sein, vielleicht sogar vor allem in der digitalen. Die Schnellen, Lauten und Maßlosen scheinen jetzt vorrangig digitales Gehör zu finden. Aber gerade dieses Immerschneller, Immerlauter und Immermehr, gekoppelt an Selbstherrlichkeit und Machbarkeitsphantasien scheinen die Ausbreitung solcher Krisen zu begünstigen. Ob die maßlose wie billige Herumfliegerei, die Fast Fashion der chinesischen Arbeitssklaven in der norditalienischen Textilindustrie, die jährlichen Umsatzrekorde in einer völlig überzüchteten Wintersportbranche, ...

Ich bin dem Understatement verpflichtet. Das bedeutet nicht, dass ich meinen Unterricht nicht für wichtig halte, im Gegenteil. Darum werde ich jetzt deutlicher werden müssen. Und vielleicht ist es auch Zeit, wieder ein bissl zorniger zu werden. Zeit auf alle Fälle für eine Grundsatzdiskussion mit Kolleginnen und Kollegen über das, was sich danach ändern muss. Dafür ist in Konferenzen keine Zeit. Dort dominieren meistens Verlautbarungen von immer neuen behördlichen Vorgaben und pädagogischen Modewellen.

Aber wie in dieser Flut an app-basierter Kommunikation, wo jeder alles erfährt und vorzugsweise mit Emoticons kommentiert, mit einem Anstoß zu so einer Grundsatzdiskussion bemerkt werden? Vielleicht in den Osterferien.

Der Autor unterrichtet an einer höheren Schule in Wien.

Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Stefan Hopmann zur Bildungspolitik in Zeiten der Corona-Krise. Und das Interview mit E-Learning-Expertin Gerlinde Schwabl von der PH Tirol.

Es ist der 27. März 2020 – der zehnte Schultag seit der Schulschließung. Heute vor einer Woche habe ich geflucht, gelästert und geschworen, dass ich jetzt ganz sicher keine technischen Spompanadln aufführen und auf mir bislang wenig bekannten digitalen Wegen wandeln werde. E-Mail plus Attachment muss genügen, wenn der Inhalt gut ist. Und damit basta, wie der Meister Eder in solchen Fällen zu seinem Pumuckl sagt.

Vorgestern habe ich meinen ersten Kanal bei Microsoft Teams gegraben; dazu einen Text über die gesundheitlichen Risiken der industriellen Nutztierhaltung, antibiotikaresistente Keime und dergleichen auf 1346 Zeichen (Zeichen!) gekürzt, ein Kreuzworträtsel aus fünf Fragen dazu gebastelt (im analogen Unterricht finde ich mit zwölf selten das Auslangen), ein paar erklärende, mahnende, vor allem aber aufmunternde Zeilen dazu, in die Betreffzeile ein digital gebrülltes „KEINE ANGST, DAS SIND NICHT NOCH MEHR ARBEITSAUFTRÄGE, SONDERN ...“ und einen originellen Preis für die oder den Ersten mit der richtigen Lösung. Hochladen und warten … Erreichbar sind die Schülerinnen und Schüler schon. Aber offenbar eher schwieriger für einen Lehrer, der nicht mit schlechten Noten winken kann. Arbeiten tun sie auch, die Fleißigen wahrscheinlich sogar mehr als sonst. Aber nicht an meinen Texten und Rätseln.

Unterscheiden können sie ganz offensichtlich nicht, vor allem nicht zwischen wichtig und viel. Ist das jetzt nicht die Situation, in der ein Religionslehrer etwas zu sagen hat, etwas dringend notwendig Richtungsweisendes? Ich frage mich, was Kinder und Jugendliche brauchen, um solche Krisen vor allem psychisch halbwegs gesund zu überstehen. Mehr digitale Abgabenordner? Mehr Daumen hoch und Kommentare von allen auf jedes? Mir fällt auch die Frustrationstoleranz wieder ein.

Als Vorbereitung für meine genau genommen eh gar nicht so ersten Schritte auf digitalen Lernplattformen habe ich mir ein Video eines Kollegen angesehen. Der erklärt, dass Schülerinnen und Schüler heutzutage mit E-Mails „nichts mehr anfangen“ könnten und seine Schule deshalb auf app-basierte Kommunikation umgestellt habe. In meiner Naivität bin ich die letzten 24 Jahre davon ausgegangen, dass eine der Kernaufgaben von Schule darin besteht, Kinder und Jugendliche mit Dingen und Techniken vertraut zu machen, mit denen zumindest einige zuerst einmal „nichts anfangen“ können, Lesen, Schreiben, Rechnen etwa. Vielleicht aber auch E-Mails?

Man kann auch in der Kommunikation rücksichtlos sein, vielleicht sogar vor allem in der digitalen. Die Schnellen, Lauten und Maßlosen scheinen jetzt vorrangig digitales Gehör zu finden. Aber gerade dieses Immerschneller, Immerlauter und Immermehr, gekoppelt an Selbstherrlichkeit und Machbarkeitsphantasien scheinen die Ausbreitung solcher Krisen zu begünstigen. Ob die maßlose wie billige Herumfliegerei, die Fast Fashion der chinesischen Arbeitssklaven in der norditalienischen Textilindustrie, die jährlichen Umsatzrekorde in einer völlig überzüchteten Wintersportbranche, ...

Ich bin dem Understatement verpflichtet. Das bedeutet nicht, dass ich meinen Unterricht nicht für wichtig halte, im Gegenteil. Darum werde ich jetzt deutlicher werden müssen. Und vielleicht ist es auch Zeit, wieder ein bissl zorniger zu werden. Zeit auf alle Fälle für eine Grundsatzdiskussion mit Kolleginnen und Kollegen über das, was sich danach ändern muss. Dafür ist in Konferenzen keine Zeit. Dort dominieren meistens Verlautbarungen von immer neuen behördlichen Vorgaben und pädagogischen Modewellen.

Aber wie in dieser Flut an app-basierter Kommunikation, wo jeder alles erfährt und vorzugsweise mit Emoticons kommentiert, mit einem Anstoß zu so einer Grundsatzdiskussion bemerkt werden? Vielleicht in den Osterferien.

Der Autor unterrichtet an einer höheren Schule in Wien.

Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Stefan Hopmann zur Bildungspolitik in Zeiten der Corona-Krise. Und das Interview mit E-Learning-Expertin Gerlinde Schwabl von der PH Tirol.