Collage - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung von Bildern von iStock/Rocky89 , iStock/vosmanius , iStock/Tocarciuc Dumitru, iStock/Mark_Kuiken, iStock/Abrill_, iStock/Orbon Alija, iStock/piranka und iStock/Vesnaandjic)
Philosophie

Ulrike Guérot: „Uns wird das Denken abgenommen“

1945 1960 1980 2000 2020

Fragwürdiger Freiheitsbegriff, Unmündigkeit durch Digitalisierung und Versuche, gegen die neue Rolle der Frau vorzugehen: Wie anti-aufklärerisch ist unsere Gegenwart? Ein Gespräch mit der Politikwissenschafterin Ulrike Guérot.

1945 1960 1980 2000 2020

Fragwürdiger Freiheitsbegriff, Unmündigkeit durch Digitalisierung und Versuche, gegen die neue Rolle der Frau vorzugehen: Wie anti-aufklärerisch ist unsere Gegenwart? Ein Gespräch mit der Politikwissenschafterin Ulrike Guérot.

Ulrike Guérot, Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donauuniversität Krems, knüpft mit ihrem jüngsten Buch „Begräbnis der Aufklärung?“ an Marina Garcésʼ „Neue radikale Aufklärung“ an – und sie stellt der Gegenwart kein gutes Zeugnis aus.

DIE FURCHE: Sie behaupten, dass die Gegenwart ziemlich anti-aufklärerisch ist. Woran zeigt sich das?
Ulrike Guérot:
Seit über 250 Jahren beschäftigen wir uns mit dem Begriff Aufklärung, er hat die gesamte Moderne und Postmoderne begleitet. Wir haben uns daran festgehalten, nachdem die Aufklärung jede metaphysische Dimension von Erklärung genommen hat. Gegenwärtig aber wird die metaphysische Ebene wiedereingeführt, und zwar missbräuchlich, in Amerika etwa durch die Evangelikalen. Man könnte das als eine Re-Religösisierung bezeichnen. Margaret Atwood hat das in ihrem Roman „Der Report der Magd“ großartig gezeigt. Interessant ist bei ihr auch die Zucht der Frau. Denn es geht darum, Frauen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie haben zu gebären. Als wäre das eine Reaktion darauf, dass die Welt immer dann aus den Fugen gerät, wenn die Frauen das Gebären verweigern, Wissen haben und Widerspruch geben. Es gibt ja für Männer nichts Schlimmeres als eine Frau, die Widerspruch gibt.

Oder anders formuliert: eine Frau, die denkt. Die wenigsten Männer können mit denkenden Frauen umgehen. Und das spannt den Bogen zu etwas anderem: Man könnte sagen, dass die gesamte Digitalisierung eine männliche Tech-Solution ist, um Frauen, die nicht mehr willfährig sind, zu umgehen. Alexa, füll mir den Kühlschrank, Alexa, kauf mir die Milch: Die Befehls- und Gehorsamsstruktur hat sich verlagert auf einen Androiden, auf eine Alexa, die nicht zufällig einen weiblichen Namen hat. Insofern könnte man die These aufstellen, dass ein Teil der Digitalisierung der Versuch ist, unter modernen Bedingungen das Patriarchat zu reetablieren. Der männliche Zugriff auf die Frauen ist verloren gegangen und es gibt zwei Auswege: Tech, also Alexa, oder eben der religiöse Missbrauch von Frauen, wie Atwood ihn erzählt.

DIE FURCHE: Verlust der Freiheit unter digitalen Bedingungen?
Guérot:
Ja, genau. Man müsste da genauer hinsehen, denn da gibt es einen Zusammenhang. Aufklärung, vernünftiger Mensch: Wann waren wir je vernünftige Bürger? Die Frage ist ja immer, ob Prävention funktioniert oder je gesellschaftlich funktioniert hat, also etwas bewusst nicht zu tun, ohne Verbote. Ganz egal, ob es dabei um das Rauchen oder Kernkraft geht. Die Unvernunft scheint ein neuronaler menschlicher Verhaltenszug zu sein und die Frage ist, ob der Algorithmus jetzt menschliche Unvernunft gleichsam institutionalisiert, weil er an neuronale Reize appelliert. Das ist das eine Argument.

Ulrike Guérot, Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donauuniversität Krems, knüpft mit ihrem jüngsten Buch „Begräbnis der Aufklärung?“ an Marina Garcésʼ „Neue radikale Aufklärung“ an – und sie stellt der Gegenwart kein gutes Zeugnis aus.

DIE FURCHE: Sie behaupten, dass die Gegenwart ziemlich anti-aufklärerisch ist. Woran zeigt sich das?
Ulrike Guérot:
Seit über 250 Jahren beschäftigen wir uns mit dem Begriff Aufklärung, er hat die gesamte Moderne und Postmoderne begleitet. Wir haben uns daran festgehalten, nachdem die Aufklärung jede metaphysische Dimension von Erklärung genommen hat. Gegenwärtig aber wird die metaphysische Ebene wiedereingeführt, und zwar missbräuchlich, in Amerika etwa durch die Evangelikalen. Man könnte das als eine Re-Religösisierung bezeichnen. Margaret Atwood hat das in ihrem Roman „Der Report der Magd“ großartig gezeigt. Interessant ist bei ihr auch die Zucht der Frau. Denn es geht darum, Frauen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie haben zu gebären. Als wäre das eine Reaktion darauf, dass die Welt immer dann aus den Fugen gerät, wenn die Frauen das Gebären verweigern, Wissen haben und Widerspruch geben. Es gibt ja für Männer nichts Schlimmeres als eine Frau, die Widerspruch gibt.

Oder anders formuliert: eine Frau, die denkt. Die wenigsten Männer können mit denkenden Frauen umgehen. Und das spannt den Bogen zu etwas anderem: Man könnte sagen, dass die gesamte Digitalisierung eine männliche Tech-Solution ist, um Frauen, die nicht mehr willfährig sind, zu umgehen. Alexa, füll mir den Kühlschrank, Alexa, kauf mir die Milch: Die Befehls- und Gehorsamsstruktur hat sich verlagert auf einen Androiden, auf eine Alexa, die nicht zufällig einen weiblichen Namen hat. Insofern könnte man die These aufstellen, dass ein Teil der Digitalisierung der Versuch ist, unter modernen Bedingungen das Patriarchat zu reetablieren. Der männliche Zugriff auf die Frauen ist verloren gegangen und es gibt zwei Auswege: Tech, also Alexa, oder eben der religiöse Missbrauch von Frauen, wie Atwood ihn erzählt.

DIE FURCHE: Verlust der Freiheit unter digitalen Bedingungen?
Guérot:
Ja, genau. Man müsste da genauer hinsehen, denn da gibt es einen Zusammenhang. Aufklärung, vernünftiger Mensch: Wann waren wir je vernünftige Bürger? Die Frage ist ja immer, ob Prävention funktioniert oder je gesellschaftlich funktioniert hat, also etwas bewusst nicht zu tun, ohne Verbote. Ganz egal, ob es dabei um das Rauchen oder Kernkraft geht. Die Unvernunft scheint ein neuronaler menschlicher Verhaltenszug zu sein und die Frage ist, ob der Algorithmus jetzt menschliche Unvernunft gleichsam institutionalisiert, weil er an neuronale Reize appelliert. Das ist das eine Argument.

Die Frage ist, ob wir diesen Automatismus noch umsteuern können, weil wir längst von den Algorithmen beherrscht werden.

Das andere ist, dass man die Digitalisierung durchaus als eine Gegenreaktion auf die Aufklärung interpretieren kann, und dass dies tatsächlich etwas mit der zunehmend emanzipierten Rolle der Frau in der Gesellschaft zu tun hat. Darauf gibt es jetzt die zwei Gegenbewegungen und eine davon ist die Technologisierung des gesamten Lebens. Ich war gerade in Davos. Da sitzen diese Leute von Facebook, alle so thirty something, und kriegen strahlende Augen, wenn sie von ihrem Digitalisierungswahnsinn erzählen. Für die ist Tech „the solution for everything“. Da habe ich an einer Stelle gesagt: Ja, aber was ist denn Tech? Das ist eine Anbetungsnummer! Abgesehen davon, dass die Digitalisierung wegen des erhöhten Stromverbrauchs die Klimakatastrophe befördert. Ich sagte, wenn ich zufällig mit dem Auto in einen Fluss fahre, dann konnte ich früher wenigstens noch das Fenster herunterkurbeln und vielleicht rausschwimmen und mich retten, aber in einem automatisierten Auto kriege ich nicht einmal das Fenster runter. Können wir uns vielleicht mit dem Gedanken „tech is a prison“ anfreunden? Gerade in dieser Tech-Geschichte sehe ich einen ganz großen Gender Divide. Die meisten Algorithmen werden von Männern entwickelt.

DIE FURCHE: Marina Garcés spricht in ihrem Buch über die gefährliche Auslagerung unseres Wissens an die Künstliche Intelligenz. Das bringt im besten Fall ein perfektes Funktionieren, aber etwas ganz Wesentliches nicht: nämlich kritische Selbstbefragung. Ich bekomme keinen Widerspruch und damit habe ich auch die Kritik eliminiert.
Guérot:
Ja, die KI ist entmündigend! Und das ist der Kernpunkt des Arguments von Garcés, deren Buch für eine „radikale Aufklärung“ ich nur empfehlen kann: die Tatsache, dass Technologie im weitesten Sinne entmündigend ist bzw. mir soviel Bequemlichkeit vermittelt, dass ich nicht mehr nachdenken muss. Ich muss nicht mehr auf eine Karte schauen und noch eine Transferleistung machen, ob ich nun rechts oder links abbiege. Ich schalte die Siri- Sprachfunktion ein und bekomme gesagt: In 300 m links abbiegen. Ich muss mich nicht mehr selber orientieren, und ich verliere jede Urteilsfähigkeit: Die „intelligente Verpackung“, nicht mehr mein Geschmack sagen mir, ob der Joghurt verschimmelt ist. In meinem Buch nenne ich das Beispiel des Data Crunching.

Wenn ich Daten sammle, dann aus Messungen aus der Vergangenheit. Ich bekomme empirische Befunde, wie es in der Vergangenheit war, daraus leitet man dann ab, wie es in der Zukunft sein soll. Und damit mache ich das Politische schlechthin, nämlich die Vorstellung, ich könnte die Welt anders gestalten, zunichte. Hannah Arendts Theorie der Gebürtigkeit, dass mit jedem Menschen ein neuer Gedanke in die Welt kommt, der darauf zielen könnte, dass wir zwar kein neues Rom bauen, aber immer wieder versuchen, Rom neu zu bauen, es anders bauen, versuchen, das menschliche Zusammenleben zu verbessern, genau dieser Ursinn des Politischen entgeht uns ja, wenn wir uns auf Technologie und Data Crunching verlassen, wenn wir sagen, so warʼs in der Vergangenheit, so soll es immer sein – und das heißt dann „Evidenz- basiert“. Kurz: Uns wird das Denken abgenommen und damit die Gestaltungsmöglichkeit der Welt. Die Frage ist, ob wir diesen Automatismus noch einmal umsteuern können, weil wir längst von den Algorithmen beherrscht werden. Da kann man sich schon einige Gedanken machen, was eigentlich Freiheit noch heißt.

DIE FURCHE: Die Frage stellt sich auch angesichts des Konsums. Wir wollen möglichst viel haben zu möglichst guten Preisen. Dabei merken doch viele, dass da etwas nicht stimmt, dass wir eigentlich anders leben müssten.
Guérot:
Interessanterweise hat Jean Baudrillard die „Konsumgesellschaft“ bereits 1970 publiziert. Es ist seitdem immer schlimmer geworden, jetzt auch noch durch die Influencer: „Schau, dieses T-Shirt hat nur 3,90 gekostet.“ Es gibt Statistiken, laut denen in der Altersgruppe der zwischen 18- und 25-Jährigen jedes neue Kleidungsstück nur vier Mal getragen wird. Vier Mal! Da fragt man sich schon, ob jede Vernunft aussetzt. Wie kann das passieren, obwohl wir soviel Bildung haben? Jeder weiß, dass es um Ressourcen geht, jeder weiß, dass es Kinderarbeit in Bangladesch gibt usw. Offensichtlich kriegen wir neuronal den Konnex nicht hin zwischen Kinderarbeit und diesem Textil. Jede Baumwolle, die zu einem T-Shirt wird, überquert 27 Mal Landesgrenzen.

Wir denken, Demokratie und Freiheit seien eine Grundausstattung, einfach da, und verstehen nicht mehr, dass man für Freiheit und Demokratie einen Preis bezahlen muss.

Da ist es am billigsten, gepflückt zu werden, da wird sie gewaschen, da gekämmt, da wird sie zu Stoff gemacht, da zugeschnitten, da genäht. Jedes T-Shirt, das wir um sieben Euro kaufen, hat 27 Mal die Grenzen mit dem Flugzeug überquert und dann ist immer noch Gewinn damit zu machen und wird – unvernünftigerweise – trotzdem gekauft. Kurz: Wir tun ständig als Konsumenten, was wir als Bürger nicht wollen können.

DIE FURCHE: Sie sprechen in Ihrem Buch daher von einer „individuellen Schizophrenie“.
Guérot:
Ja, da ist eine Spaltung, die jeder in sich trägt.

DIE FURCHE: Dabei ist vermutlich kein Gesellschaftsvertrag denkbar, in dem nicht irgendwer auf irgendetwas verzichten müsste. Wenn alle alles wollen, kann es ja bei begrenzten Ressourcen nicht gut ausgehen. Irgendwer bleibt auf der Strecke, dafür kriegen andere mehr. Das traut sich aber wohl kein Politiker sagen: Wählt mich, ich trete dann für den und den Verzicht ein.
Guérot:
Solange Leute wiedergewählt werden müssen, müssen sie mit Wahlversprechen antreten. Mit der Aussage, es wird alles weniger, kann man keine Wahl gewinnen. In theoretischer Hinsicht ist damit die Frage gestellt, ob die Demokratie und die Annahme eines „anything goes“ ein geeigneter Mechanismus sind, das Gemeinwohl zu organisieren. Wir denken, Demokratie und Freiheit seien eine Grundausstattung, einfach da, und verstehen nicht mehr, dass man für Freiheit und Demokratie einen Preis bezahlen muss. Für den Schutz des Gemeinwohls müssten eigentlich alle zu einem Verzicht bereit sein.

Jedenfalls kann eine demokratische Gesellschaft nicht funktionieren, wenn sie von einem Freiheitsbegriff lebt, der sagt, du kannst tun und lassen, was du willst, übermäßig Ressourcen nutzen, alles für dich akkumulieren, du kannst nur mehr Konsument sein und nicht mehr Bürger, du kannst deine Kinder auf eine Privatschule schicken, einen Sicherheitsdienst beanspruchen, kaufen, was du willst. Schon bei Rousseau steht, dass der Gesellschaftsvertrag, der die Grundlage der modernen Demokratie ist, sagt, dass die Gesellschaft immer durch die Sicherung des Gemeinwohls zusammengehalten werden muss. Das Gemeinwohl ist die eigentliche Brechung des individuellen Freiheitsbegriffes. Jeder kann nur so frei sein, wie er der Gemeinschaft nicht schadet.

DIE FURCHE: Braucht es politische Verbote?
Guérot:
Das Verbot ist demokratisch! Wir haben früher die Kinderarbeit verboten. Wir haben verboten, dass Frauen verprügelt werden und dass Männer über Frauen bestimmen dürfen. Jetzt verbieten wir Atomkraftwerke oder Plastiktüten. Das Verbot ist ein zutiefst demokratisches Mittel! Aber eben nur dann, wenn es für alle gilt. Die Alternative, nämlich die Regelung über den Preis, also z. B. Schilaufen, Fliegen oder Fleisch in Zukunft so zu verteuern, dass es sich nur noch Reiche leisten können, das wäre undemokratisch und der Weg in einen neue Form von Feudalismus. Eine Gesellschaft, in der die wenigen alles dürfen, aber die vielen nichts mehr, ist keine Demokratie mehr.

DIE FURCHE: Man hat den Eindruck, Verbote werden dann gerne angenommen, wenn sie nicht „uns“ treffen, sondern die „anderen“?
Guérot:
Ja, aber wer ist das „Wir“? In der repräsentativen Demokratie haben wir die Gruppenorganisation verloren. Wer ist noch in einer Sprecherfunktion, dass er für das „Wir“ sprechen kann. Kann Macron für die Franzosen sprechen? Formal ja. Aber informell gibt es die Streikenden, die Gelbwesten, Marine Le Pen ... Wer sind die Franzosen? Virginie Despentes hat vor einiger Zeit ein Interview gegeben mit dem Titel „Die Reichen lassen sich nichts mehr verbieten“ und das stimmt natürlich. Geld kommt inzwischen vor Recht. Das halte ich für ein großes Problem, dass die Superreichen die Gesellschaft von oben erodieren. Aber auch die anderen 99 Prozent lassen sich auf nichts mehr einigen. Wir haben die unteren Teile der Bevölkerung längst verloren in Armutsfallen usw. Die Frage, wer wem was verbieten und wer es durchsetzen kann, ist in Frankreich jetzt ganz präsent. Kann die reiche Elite in Paris dem Rest Frankreichs verbieten, Diesel zu fahren? Wer ist das „Wir“ in unseren zunehmend zerklüfteten Gesellschaften? Ich habe keine Antworten, um es ganz offen zu sagen.

Ich glaube, wir sind mitten in einem Denkprozess, in dem wir eigentlich alle nur fassungslos auf diese Frage sehen und hilflos das legitime Gewaltmonopol suchen, wie Max Weber sagen würde, nämlich die politische Instanz, die das Gemeinwohl organisieren kann, die Verbote – also normative Ordnung - formulieren, vor allem aber durchsetzen kann. Und auf welcher Ebene soll das sein? Auf der Ebene der heutigen Nationalstaaten? Das hilft uns europäisch und global wenig weiter. Auf der Ebene von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen? Wo ist die Ebene, wo was kontrolliert und sanktioniert wird? Das Problem ist, dass wir in einer Zeit leben, in der die normative Ordnung sehenden Auges zerbricht, weil sich im globalen Kontext immer mehr Gruppen auf ihre eigenen, identitätsgeprägten Ordnungsvorstellungen berufen. Die Frage ist, ob wir uns überhaupt noch darauf einigen können, dass es so etwas gibt wie einen öffentlichen – gar globalen – Raum, der allen gehört und in dem eine normative Ordnung gelten muss, die für alle gilt? Wir leisten der Erosion des öffentlichen Raums Vorschuss, indem wir immer mehr Partikularinteressen bedenken. Jeder lebt im Grunde gerne in selbstgewählten Gemeinschaften. 150 Jahre nach Ferdinand Tönniesʼ Gemeinschaft versus Gesellschaft sind wir beim gleichen Problem: Liberale Toleranz gegen Partikularinteressen.

DIE FURCHE: Der Befund sieht irgendwie schlecht aus. Wir sind erwiesenermaßen nicht vernünftig, wir haben uns selbst unmündig gemacht. Welche Chance haben wir, da rauszukommen? Mit welcher Kraft?
Guérot:
Einstein, der Physiker und damit Naturwissenschaftler ist, hat in seinem Brief an seine Tochter geschrieben: „Es gibt eine extrem starke Kraft, für die die Wissenschaft bisher noch keine Formel gefunden hat. Es ist eine Kraft, die alle anderen beinhaltet, sie regelt und die sogar hinter jedem Phänomen steckt, das im Universum tätig ist und noch nicht von uns identifiziert wurde. Diese universelle Kraft ist Liebe.“ Selbst der Physiker Einstein war überzeugt davon, dass es eine Energie, eine Kraft, einen Gestaltungsmodus der Welt gibt, der sich der physikalischen Betrachtung entzieht. Das Gespür, das Einstein da hat – der ganz sicher kein religiöser Fanatiker war –, das haben viele Menschen. Es gibt etwas anderes als Wissen! Auch Marina Garcés sagt am Ende ihres Buches: Das ganze Wissen hilft uns nichts. Was sie möchte, ist eine revolutionäre Bewegung des „Wir glauben euch nicht“ gegen angehäuftes, aber oft beliebiges oder sinnentleertes Wissen. Wir glauben euch nicht, dass dieses Data Crunching, diese Datensammlung, die Technologie die Lösung für die Welt sind. Wir glauben euch nicht, dass diese Türme von Wissen helfen, das Leben zu verstehen.

DIE FURCHE: Was wäre die Alternative?
Guérot:
Wenn ich das sehr unterkomplex in einem Satz formulieren sollte: Es geht darum, dass wir die Weisheit wiederentdecken. Weisheit hat mit Wissen, mit Verstand nichts zu tun. Man braucht für die Weisheit auch keine Religion, jedenfalls nicht im monotheistischen Sinn. Man muss nicht den einen Gott haben. Jede, jeder hat menschliche Situationen erlebt, in denen es wichtig war, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Oder wo man drei gerade sein lässt im persönlichen Umfeld, weil man z. B. jemandem verzeiht, obgleich ihm Unrecht geschehen ist und der reine Verstand etwas anders sagt. Das sind zutiefst menschliche Geschichten des Herzens. Und da sind wir dann wieder bei Kant, der einmal gesagt hat: Vernunft ist durch das Herz gebrochener Verstand. Wenn wir mit der Digitalisierung nur den Verstand imitieren wollen und darum von Künstlicher Intelligenz sprechen, dann wird damit negiert, dass Verstand sehr grausam sein kann.

Es kann sehr verständig sein, wenn es wenig zu essen gibt und zehn Leute wollen sich einen Krümel Brot teilen, die Hälfte zu erschießen. Nach Verstandeskriterien kann man sagen, so wird wenigstens die andere Hälfte satt. Aber wenn man diese Entscheidung durchs Herz bricht, ist sie horrend unvernünftig. Der Algorithmus kann die wundersame Brotvermehrung nicht mit seinem Datenbestand berechnen, sprich: Er kann das menschliche Wunder nicht erfassen. Es geht um das Verhältnis von Verstand und Vernunft. Die Frage ist also: Wie können wir in der Digitalisierung die Weisheit wiederentdecken?

Guerot: Begräbnis der Aufklärung? - © Foto: Picus 2020
© Foto: Picus 2020
Buch

Begräbnis der Aufklärung?

Zur Umcodierung von Demokratie und Freiheit im
Zeitalter der digitalen Nicht-Nachhaltigkeit
Von Ulrike Guérot
Picus 2020
76 S., geb., € 10,–

Guerot - © Foto: www.donau-uni.ac.at

Ulrike Guérot

Ulrike Guérot ist Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donauuniversität Krems.

Ulrike Guérot ist Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donauuniversität Krems.