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Wer braucht Psychotherapie?

1945 1960 1980 2000 2020
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Vor 20 Jahren wurde mit dem Psychotherapiegesetz ein Berufsbild festgeschrieben – heute ist es etabliert, so Experten. Doch längt nicht alle Menschen, die eine Therapie brauchen, können und wollen eine in Anspruch nehmen, und viele verlieren sich im Dickicht von Angeboten.

Es war ein langer, harter Kampf. Im Juni 1990 war es dann so weit: Österreich bekam ein Psychotherapiegesetz – ein neuer Beruf war geboren mit allem, was dazu gehört: Zugangsanforderungen, Ausbildungscurricula und Qualitätsstandards.

Für einen der Kämpfer für das Gesetz war die damalige Einigung eine Überraschung: „Ich habe mir nicht gedacht, dass wir so weit kommen“, sagt Alfred Pritz rückblickend gegenüber der FURCHE. Der Rektor der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien verweist auf die harten Auseinandersetzungen im Vorfeld, etwa mit der Ärzteschaft, die ihre Monopolstellung in der Heilung psychisch Kranker nicht aufgeben wollte. Das österreichische Gesetz sei noch heute international gesehen ein Vorbild, sagt der Psychoanalytiker Pritz.

20 Jahre später ist der Beruf etabliert, per Gesetz klar abgegrenzt von anderen Berufen – doch in den Köpfen der Normalbürgerinnen und Bürger werden Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten immer noch oftmals vermischt. Dazu kommen noch andere vage Berufsfelder wie Coaches, Lebensberater und weitere, die dazu führen, dass Hilfesuchende sich im Dickicht verschiedenster Angebote nicht mehr zurechtfinden. Die Abgrenzung des Psychotherapeuten ist für unerfahrene Laien nicht immer gegeben, obwohl der Beruf klar gesetzlich geregelt ist, eine sechs- bis siebenjährige Ausbildung und Qualitätsstandards vorsieht.

Dickicht für Hilfesuchende

Die Psychoanalytikerin und Mitgestalterin des Gesetzes vor 20 Jahren, Rotraud Perner, nennt ein anschauliches Bild, um den Beruf zu schärfen: „Der Psychotherapeut ist der Maler, er hat auch Farbchemie gelernt und Kunstgeschichte, aber hauptsächlich malt er. Seine Bilder berühren und lösen etwas aus. Der Psychologe ist der Kunstgeschichtler, der vielleicht auch malen kann, aber seine primäre Aufgabe ist die Analyse der Bilder. Der Psychiater wiederum ist der Farbchemiker, der kann zwar auch malen, hat eine Ahnung von Kunstgeschichte, aber sein primäres Wissen hat er im Mischen von Farben.“

Und genau jene „Maler“, also die Gestalter einer Therapie, werden immer mehr gebraucht: Erst jüngst legte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger alarmierende Zahlen vor: Bei den Krankenständen sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch. 65.525 Arbeitnehmer ließen sich im Vorjahr wegen psychischer Erkrankungen wie Burn-out, Depressionen oder Alkoholismus krankschreiben, davon waren 40.856 Frauen. Psychische Erkrankungen sind zudem die zweithäufigste Ursache für eine Invaliditätspension bei den Männern und die häufigste Ursache bei Frauen. Die WHO geht zudem davon aus, dass in zehn Jahren Depressionen die meist gestellte Diagnose weltweit sein wird, fügt Jutta Fiegl, Präsidentin der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und Vizerektorin der Sigmund Freud PrivatUniversität, hinzu. Fiegl meint ganz klar, dass nicht nur immer mehr Menschen breit sind, eine Psychotherapie zu machen, dass also der Besuch eines Therapeuten entstigmatisiert wurde, dass aber auch immer mehr Menschen tatsächlich eine Psychotherapie bräuchten. Berufskolleginnen sehen das ähnlich, wie Rotraud Perner: „Wir haben eine Arbeitswelt, die krank macht. Wir haben durch Einwirkung der Medien auf die Beziehungsgestaltung, vor allem auf das Sexualleben, eine Verdummung der Bevölkerung, die krankmachend ist.“ Doch längst erhalten nicht all jene eine Therapie, die eine bräuchten und wollten. Denn es scheitert zu oft an den Kosten. Die Krankenkassen finanzieren nur ein gewisses Kontingent an Plätzen. Kassenfinanzierte Plätze seien aber schon oft Mitte des Jahres nicht mehr zur Verfügung, beklagt Eva Mückstein, Präsidentin des Berufsverbandes für Psychotherapie. Ihre langverfolgte Forderung: Kassenfinanzierte Psychotherapie für jeden, der es braucht. Mückstein verweist auf eine Studie des Bundesinstituts für Gesundheitswesen. Demnach wären hierzulande 170.000 Menschen bereit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, aber nur etwa 46.000 Menschen sind in Therapie. Die Hälfte davon muss sich laut Mückstein mit dem Krankenkassenzuschuss begnügen, dieser beträgt 21,80 Euro und wurde seit 1991 nicht erhöht.

Besonders eklatant sei der Mangel in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowie Alten, betont auch Alfred Pritz. Auch er sieht in der Finanzierung der Psychotherapie durch die Krankenkassen das größte Problem, das derzeit die psychotherapeutische Praxis belastet. „Es gibt zwar eine Steigerung seit 1992, aber der Bedarf ist größer als das, was die Krankenkassen zahlen. Das Diktat der leeren Kassen ermöglicht derzeit keine Verhandlungen.“

Dabei gibt es Hinweise, dass Menschen, die eine Psychotherapie machen, Großteils zufrieden mit dem Ergebnis sind. Dies stellte etwa die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse in einer Patientenbefragung 2008 fest. Es wurden 1836 Menschen angeschrieben, 939 retournierten den Fragebogen. Das Ergebnis: 81,1 Prozent der Befragten beurteilten die Qualität der Psychotherapie als sehr gut bis gut; 9,6 Prozent als befriedigend, 2,1 Prozent als genügend und 1,8 Prozent als nicht genügend.

Hohe Zufriedenheit

24,4 Prozent gaben an, dass der Fortschritt in der Behandlung sehr gut ist, 40,2 Prozent gut, 24,5 Prozent befriedigend, 4,8 Prozent genügend und 2,3 Prozent sagten, der Fortschritt sei nicht genügend, es trete also keine Besserung ein. Allerdings merkten die Autoren der Gebietskrankenkasse an, dass sich die Psychotherapie nur auf die Anzahl der Krankenstandtage positiv auswirke (diese wurden weniger), Arztbesuche und Heilmittelkosten, etwa die Verschreibung von Psychopharmaka, stiegen während der Behandlung stärker an und waren auch nach der Behandlung stärker als zuvor. Eva Mückstein merkt dazu an, dass man psychotherapeutische Behandlung nicht vordergründig unter dem Einsparungsgedanken betrachten dürfe: „Wenn jemand eine Bypass-Operation bekommt, fragt man ja auch nicht, welche Einsparungen es gegeben hat.“

Sehr hoch ist auch die Qualität der Therapien, wie Anton Leitner von der Donau-Universität Krems in einer aktuellen Studie zu Nebenwirkungen in der Psychotherapie festgestellt hat (siehe Interview). Unerwünschte Nebenwirkungen einer Psychotherapie wurden laut Leitner bisher noch nicht systematisch erforscht.

Warum? Der junge Beruf habe sich erst festigen müssen.

Zum Begriff

Psychotherapie ist ein eigenständiges Heilverfahren für die Behandlung von psychischen Störungen und Leidenszuständen.

Vor 20 Jahren wurde mit dem Psychotherapiegesetz ein Berufsbild festgeschrieben – heute ist es etabliert, so Experten. Doch längt nicht alle Menschen, die eine Therapie brauchen, können und wollen eine in Anspruch nehmen, und viele verlieren sich im Dickicht von Angeboten.

Es war ein langer, harter Kampf. Im Juni 1990 war es dann so weit: Österreich bekam ein Psychotherapiegesetz – ein neuer Beruf war geboren mit allem, was dazu gehört: Zugangsanforderungen, Ausbildungscurricula und Qualitätsstandards.

Für einen der Kämpfer für das Gesetz war die damalige Einigung eine Überraschung: „Ich habe mir nicht gedacht, dass wir so weit kommen“, sagt Alfred Pritz rückblickend gegenüber der FURCHE. Der Rektor der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien verweist auf die harten Auseinandersetzungen im Vorfeld, etwa mit der Ärzteschaft, die ihre Monopolstellung in der Heilung psychisch Kranker nicht aufgeben wollte. Das österreichische Gesetz sei noch heute international gesehen ein Vorbild, sagt der Psychoanalytiker Pritz.

20 Jahre später ist der Beruf etabliert, per Gesetz klar abgegrenzt von anderen Berufen – doch in den Köpfen der Normalbürgerinnen und Bürger werden Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten immer noch oftmals vermischt. Dazu kommen noch andere vage Berufsfelder wie Coaches, Lebensberater und weitere, die dazu führen, dass Hilfesuchende sich im Dickicht verschiedenster Angebote nicht mehr zurechtfinden. Die Abgrenzung des Psychotherapeuten ist für unerfahrene Laien nicht immer gegeben, obwohl der Beruf klar gesetzlich geregelt ist, eine sechs- bis siebenjährige Ausbildung und Qualitätsstandards vorsieht.

Dickicht für Hilfesuchende

Die Psychoanalytikerin und Mitgestalterin des Gesetzes vor 20 Jahren, Rotraud Perner, nennt ein anschauliches Bild, um den Beruf zu schärfen: „Der Psychotherapeut ist der Maler, er hat auch Farbchemie gelernt und Kunstgeschichte, aber hauptsächlich malt er. Seine Bilder berühren und lösen etwas aus. Der Psychologe ist der Kunstgeschichtler, der vielleicht auch malen kann, aber seine primäre Aufgabe ist die Analyse der Bilder. Der Psychiater wiederum ist der Farbchemiker, der kann zwar auch malen, hat eine Ahnung von Kunstgeschichte, aber sein primäres Wissen hat er im Mischen von Farben.“

Und genau jene „Maler“, also die Gestalter einer Therapie, werden immer mehr gebraucht: Erst jüngst legte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger alarmierende Zahlen vor: Bei den Krankenständen sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch. 65.525 Arbeitnehmer ließen sich im Vorjahr wegen psychischer Erkrankungen wie Burn-out, Depressionen oder Alkoholismus krankschreiben, davon waren 40.856 Frauen. Psychische Erkrankungen sind zudem die zweithäufigste Ursache für eine Invaliditätspension bei den Männern und die häufigste Ursache bei Frauen. Die WHO geht zudem davon aus, dass in zehn Jahren Depressionen die meist gestellte Diagnose weltweit sein wird, fügt Jutta Fiegl, Präsidentin der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und Vizerektorin der Sigmund Freud PrivatUniversität, hinzu. Fiegl meint ganz klar, dass nicht nur immer mehr Menschen breit sind, eine Psychotherapie zu machen, dass also der Besuch eines Therapeuten entstigmatisiert wurde, dass aber auch immer mehr Menschen tatsächlich eine Psychotherapie bräuchten. Berufskolleginnen sehen das ähnlich, wie Rotraud Perner: „Wir haben eine Arbeitswelt, die krank macht. Wir haben durch Einwirkung der Medien auf die Beziehungsgestaltung, vor allem auf das Sexualleben, eine Verdummung der Bevölkerung, die krankmachend ist.“ Doch längst erhalten nicht all jene eine Therapie, die eine bräuchten und wollten. Denn es scheitert zu oft an den Kosten. Die Krankenkassen finanzieren nur ein gewisses Kontingent an Plätzen. Kassenfinanzierte Plätze seien aber schon oft Mitte des Jahres nicht mehr zur Verfügung, beklagt Eva Mückstein, Präsidentin des Berufsverbandes für Psychotherapie. Ihre langverfolgte Forderung: Kassenfinanzierte Psychotherapie für jeden, der es braucht. Mückstein verweist auf eine Studie des Bundesinstituts für Gesundheitswesen. Demnach wären hierzulande 170.000 Menschen bereit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, aber nur etwa 46.000 Menschen sind in Therapie. Die Hälfte davon muss sich laut Mückstein mit dem Krankenkassenzuschuss begnügen, dieser beträgt 21,80 Euro und wurde seit 1991 nicht erhöht.

Besonders eklatant sei der Mangel in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowie Alten, betont auch Alfred Pritz. Auch er sieht in der Finanzierung der Psychotherapie durch die Krankenkassen das größte Problem, das derzeit die psychotherapeutische Praxis belastet. „Es gibt zwar eine Steigerung seit 1992, aber der Bedarf ist größer als das, was die Krankenkassen zahlen. Das Diktat der leeren Kassen ermöglicht derzeit keine Verhandlungen.“

Dabei gibt es Hinweise, dass Menschen, die eine Psychotherapie machen, Großteils zufrieden mit dem Ergebnis sind. Dies stellte etwa die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse in einer Patientenbefragung 2008 fest. Es wurden 1836 Menschen angeschrieben, 939 retournierten den Fragebogen. Das Ergebnis: 81,1 Prozent der Befragten beurteilten die Qualität der Psychotherapie als sehr gut bis gut; 9,6 Prozent als befriedigend, 2,1 Prozent als genügend und 1,8 Prozent als nicht genügend.

Hohe Zufriedenheit

24,4 Prozent gaben an, dass der Fortschritt in der Behandlung sehr gut ist, 40,2 Prozent gut, 24,5 Prozent befriedigend, 4,8 Prozent genügend und 2,3 Prozent sagten, der Fortschritt sei nicht genügend, es trete also keine Besserung ein. Allerdings merkten die Autoren der Gebietskrankenkasse an, dass sich die Psychotherapie nur auf die Anzahl der Krankenstandtage positiv auswirke (diese wurden weniger), Arztbesuche und Heilmittelkosten, etwa die Verschreibung von Psychopharmaka, stiegen während der Behandlung stärker an und waren auch nach der Behandlung stärker als zuvor. Eva Mückstein merkt dazu an, dass man psychotherapeutische Behandlung nicht vordergründig unter dem Einsparungsgedanken betrachten dürfe: „Wenn jemand eine Bypass-Operation bekommt, fragt man ja auch nicht, welche Einsparungen es gegeben hat.“

Sehr hoch ist auch die Qualität der Therapien, wie Anton Leitner von der Donau-Universität Krems in einer aktuellen Studie zu Nebenwirkungen in der Psychotherapie festgestellt hat (siehe Interview). Unerwünschte Nebenwirkungen einer Psychotherapie wurden laut Leitner bisher noch nicht systematisch erforscht.

Warum? Der junge Beruf habe sich erst festigen müssen.

Zum Begriff

Psychotherapie ist ein eigenständiges Heilverfahren für die Behandlung von psychischen Störungen und Leidenszuständen.