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Fürsorgliche Belagerung

Die Therapeutisierung des Alltags schreitet voran: kaum eine seelische Befindlichkeitsstörung, für die kein Psychotherapeut oder Lebensberater Heilung wüsste. Kommt es dadurch zur Pathologisierung "normaler" Alltagsphänomene? Oder erhält die Behandlung psychischen Leids endlich den Stellenwert, den sie verdient? Wer braucht überhaupt Psychotherapie? Und was kann sie - in Abgrenzung zur kirchlichen Seelsorge - leisten? Fragen, denen das vorliegende Furche-Dossier nachspüren will. Redaktionelle Gestaltung: Doris Helmberger

Psychotherapie und Lebensberatung spielen in heutigen westlichen Gesellschaften eine überaus wichtige Rolle. Dieser Triumph des Therapeutischen ist jedoch ambivalent.

In seiner "Gebrauchsanweisung für Amerika" beschreibt Paul Watzlawick die bunte Vielfalt an psychotherapeutischen Behandlungsformen, die den US-Bürgern zur Verfügung stehen: "Neben den Schulen Freuds, des halbvergessenen Adler (...) und anderen Klassikern schießt es da gar mächtig ins Kraut: Da gibt's die Selbsterfahrungsgruppen, die Urschreier, die Rolfer, die Meditierer, die selbsternannten Gurus und solche, die sich eigens von einem waschechten indischen Guru ernennen ließen, die Bioenergetiker, Psychokybernetiker, die rationalen, integrativen, humanistischen, sensitiven, kreativen, implosiven, katathymen, autogenen, krisenintervenierenden, themenzentrierten, psychodramatischen Therapien und vieles mehr." Watzlawick weist darauf hin, dass diese schillernde Palette therapeutischer Behandlungsformen und Lebenshilfeangebote zeitverzögert auch nach Europa gekommen ist.

In der Tat: Auch Österreich ist zu einer Therapiegesellschaft geworden. Psychologie, Psychotherapie und Lebensberatung spielen heute in Österreich eine im historischen und interkulturellen Vergleich überaus wichtige Rolle. Die mit Psychotherapie verbundenen Einsichten über den Menschen sind zu wichtigen Bestandteilen der menschlichen Selbstthematisierung geworden. Psychotherapeutische Konzepte, die von der intimen Therapeut-Klient-Beziehung ausgehen, wurden spätestens in den auslaufenden sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entgrenzt und zunehmend auch für andere Bereiche relevant: Erziehung und Bildung, Medien und Sozialarbeit, Partnerschaft und Management, Politik und Religion. Kaum eine Buchhandlung ohne Tonnen von Lebenshilferatgebern, kaum eine Talkshow ohne Psycho-Experten, kaum ein kirchliches Bildungshaus ohne therapeutisches Partnerschaftstraining und religiös verbrämte Selbsterfahrung.

Hilfe für Bastelexistenzen

Im Kontext der Therapiegesellschaft hat sich das ursprüngliche Verständnis von Psychotherapie merklich gewandelt: Sie wird nicht primär als Methode zur Heilung mehr oder weniger eindeutig diagnostizierbarer psychischer Störungen und zur Beseitigung des damit verbundenen neurotischen Leidensdrucks betrachtet. Vielmehr wird sie von vielen als verheißungsbesetztes Verfahren begriffen, das die private Orientierungslosigkeit spätmoderner Bastelexistenzen reduzieren und partnerschaftliche Beziehungsprobleme lösen soll. (Das altmodische Wort "Liebe" wurde im Psycho-Jargon durch den, wie Botho Strauss es nennt, "handschweißhemmenden" Begriff "Beziehung" ersetzt.)

Man erwartet von Psychotherapie, dass sie zur individuellen seelischen Bereicherung und zur Bewusstseinserweiterung beiträgt oder, sofern die passenden esoterischen Ingredienzien beigemischt sind, zur Erleuchtung durch kosmische Bewusstseinserweiterung führt. Es sind vorrangig gefühlsintensive Erlebnisse gefragt, nicht das ausdauernde und oft mühsame Bohren in den harten Brettern der eigenen neurotischen Charakterstruktur. Während Sigmund Freud es als Heilungserfolg wertete, wenn die krankhaften Symptome einer Patientin verschwanden und sie sich dadurch gegen die normalen Leiden des Alltags besser zur Wehr setzen konnte, verheißen manche spektakuläre Heilsangebote des Psychobooms eine ganzheitliche Persönlichkeitstransformation und rasche Hilfe bei fast allen Problemen. Die psychokulturelle Variante der Durchbrechung bisheriger Gefühlshorizonte oder des besseren Selbstmanagements besteht zudem in der Regel nicht in mehrjährigen Analysen, sondern in der Teilnahme an mehrtägigen Selbsterfahrungsseminaren oder der Lektüre mehrseitiger Psycho-Ratgeber.

Akademische Klientel

Psychotherapeuten und Lebensberater werden nicht von allen Menschen gleichermaßen konsultiert. Ihr Klientel stammt vielmehr vorrangig aus dem mittelständisch-akademischen Publikum. Um es an einem lokalen Beispiel zu demonstrieren: Wer in den Straßen und Gassen um die Karl-Franzens-Universität Graz aufmerksam die Türschilder liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Anzahl der Psychotherapeuten und der Lebensberater die Zahl der Allgemeinmediziner und der Geistlichen zusammengenommen um ein Mehrfaches übersteigt. In bildungsärmeren Milieus dagegen gibt es nach wie vor Vorurteile und Ängste gegenüber Psychotherapie, aber auch durchaus begründete Vorbehalte. Gar nicht so selten nämlich ist Psychotherapie bloß ein "Stümpern an der Seele" (Rolf Degen). Der emeritierte Hamburger Psychologieprofessor Reinhard Tausch, der bedeutendste deutschsprachige Vertreter der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, hat in einem Interview erklärt: "Psychotherapie kann helfen, aber sie kann nutzlos sein, ja bei wenig qualifizierten Psychotherapeuten kann sie schaden."

Psychotherapie, die in Kontakt zur Psychiatrie ist, ressourcenorientiert arbeitet und sich neueren Erkenntnissen der Therapieforschung öffnet, kann nützlich sein: "Neurotisches Elend" wird gelindert, Selbsterkenntnis vertieft und Selbstannahme ermöglicht. Psychotherapie habe Entscheidendes bei ihm verändert, bekennt der niederländische Psychotherapeut und ehemalige Trappistenmönch Bruno-Paul de Roeck: "Ich bin nicht länger mein Feind. Es wachsen mir freundliche Blümchen hinter den Ohren." Psychotherapie kann aber auch schädlich sein: Es kommt zu Machtmissbrauch, auch sexuellem Missbrauch, zur Pathologisierung normaler psychischer Alltagsphänomene und zu Abhängigkeiten. "Es gibt Therapeuten, die dich vom Bettnässen erlösen, indem sie dir Asthma beibringen. Die dich von deinen Verwandten etwas unabhängiger machen, dafür aber abhängig von sich", schreibt de Roeck.

Hilfreiche Psychotherapie unterstützt Menschen dabei, besser für sich selbst und andere zu sorgen. Es ist zu wünschen, dass der Bedarf an seriösen psychotherapeutischen Angeboten in unserer Gesellschaft gedeckt werden kann, und zwar in Zukunft kompetenter als jetzt (durch strengere Ausbildungsrichtlinien) und finanziell erschwinglicher als jetzt (durch entsprechende, den Patienten zugute kommende Krankenkassenleistungen).

Geschicktes Marketing

Die Kehrseite des Psychobooms ist freilich, dass profitorientierte Anbieter den Bedarf an Dienstleistungen auf dem enger werdenden Therapiemarkt durch geschicktes Marketing erst herstellen. Die Therapiegesellschaft wird dadurch zunehmend zu einer Veranstaltung, in der uns die Psy-Professionen fürsorglich belagern: Wer es wagt, ohne therapeutische Dauerfortbildung einfach so drauflos zu leben und zu lieben, soll zumindest ein schlechtes Gewissen bekommen. Und weil das doch recht unangenehm ist, wird er oder sie lieber doch einen Psychotherapeuten oder eine Lebensberaterin aufsuchen.

Der Autor ist ao. Universitätsprofessor für Ethik und Christl. Gesellschaftslehre in Graz. Für sein Buch "Tanz um das goldene Selbst? Therapiegesellschaft, Selbstverwirklichung und Gemeinwohl" (Styria, Graz 2001) wird ihm am 14. Dezember der Kardinal-Innitzer-Förderungspreis verliehen.

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