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Das Unbehagen in der ARBEITSWELT

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Ängste rund um den Job sind ein zentrales Thema geworden: Einsichten zwischen Gesellschaftskritik und therapeutischer Praxis.

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Ängste rund um den Job sind ein zentrales Thema geworden: Einsichten zwischen Gesellschaftskritik und therapeutischer Praxis.

Die Symptome zeigen sich heute in aller Deutlichkeit: Ermüdung und Erschöpfung, Burn-out und Depression haben sich über die westlichen Gesellschaften ausgebreitet wie ein Ausschlag, der nicht mehr zu verbergen ist. Und der Befund ist rasch bei der Hand: In diesen Beschwerden manifestiert sich eine tiefer liegende Dynamik; ein gesellschaftlicher Umbruch, der das allgemeine Stress-Niveau in die Höhe getrieben hat und nun sein Tribut verlangt. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg sieht darin die Kehrseite der modernen, spätkapitalistischen Welt: eine "Krankheit der Freiheit", bedingt durch den Verlust traditioneller Rollenvorgaben und sozialer Bindungen, der die Menschen zur Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung geradezu zwingt -und damit oft in die narzisstische Überforderung treibt.

Mit Ehrenberg ist in den letzten Jahren eine ganze Schar von Geisteswissenschaftern angetreten, um der aktuellen Transformation unserer Gesellschaft auf den Grund zu gehen. Philosophen und Soziologen versuchen sich hier leidenschaftlich als Diagnostiker - und sezieren je nach Theorie-Besteck unterschiedliche Ausprägungen eines komplexen Syndroms.

Der Mensch als "Arbeitstier"

Der Gesellschaftsforscher Hartmut Rosa etwa betont, dass die befreiende Wirkung der sozialen Beschleunigung und technischen Innovation heute in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Da Menschen eine "Eigenzeit" beanspruchen und nicht beliebig beschleunigt werden könnten, gerieten sie im schneller werdenden Rhythmus des modernen Lebens immer leichter außer Takt. Zudem wirkt die Beschleunigung nicht mehr nur in jenen Arbeitsfeldern, die seit der Industrialisierung von ihr angetrieben werden wie Produktion, Transport oder Kommunikation. Von ihrer Sogwirkung sind nun auch die Kernbereiche des privaten Lebens erfasst, wie sich anhand von Phänomenen wie Online-Partnerbörsen und "Speed-Dating" nachvollziehen lässt.

Da heute selbst die Liebe und die Partnerwahl der Ökonomisierung unterliegen würden, diagnostiziert die israelische Soziologin Eva Ilouz einen "emotionalen Kapitalismus": War das traditionelle Bild der romantischen Liebe von Ideen wie Spontanität und Unvorhersehbarkeit geprägt, habe die Partnersuche über das Internet zu einer rationalisierten, sehr viel kühleren Partnerwahl geführt. Und die äußerliche Attraktivität in Form von "erotischem Kapital", so ein weiterer Befund, sei für den Statuserwerb mitunter genauso entscheidend wie finanzielles, soziales und Bildungskapital. Das permanente Assessment-Center, das Casting, das Auswahlverfahren lauert inzwischen überall. "Das ökonomische Denken", bemerkt der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, habe "bereits jede Pore des sozialen Körpers infiltriert".

Entstanden sei eine Gesellschaft, die an der "Hyperaktivität des Alltags" und einer um sich greifenden "Zeitkrise" leidet, befindet Byung-Chul Han: Der herrschende Imperativ der Arbeit, so der in Berlin lehrende Philosoph, habe den Menschen zu einem "arbeitenden Tier"(animal laborans) degradiert, dem die Kraft zum Verweilen und Innehalten abhanden gekommen ist. Und diese immer schnelllebigere Gesellschaft sei nicht zuletzt durchtränkt mit Gefühlen der Ungewissheit und Angst, wie der deutsche Soziologe Heinz Bude attestiert.

"Umwertung aller Worte"

Angst ist nun auch für Rainer Gross der Schlüsselbegriff, um in einem kürzlich erschienenen Buch das neue Unbehagen in der Arbeitswelt zu beleuchten. Der Wiener Psychiater und Psychoanalytiker verfügt über eine fundierte Kenntnis der gesellschaftskritischen Diagnosen im akademischen Diskurs. Und als Chefarzt einer Sozialpsychiatrischen Abteilung kann er äußerst lebensnah berichten, wie sich psychische Belastungen im Berufsleben niederschlagen können -wie also der soziologische Befund mit der medizinischen Diagnose korrespondiert. Dies verdeutlichen auch rezente Daten aus EU-Staaten, die besonders von der Wirtschaftskrise betroffen waren: In Spanien etwa wurde parallel zur steigenden Arbeitslosigkeit eine markante Zunahme von Angststörungen, Depressionen und Alkoholabhängigkeit verzeichnet.

Erschöpfung, Burn-out oder Depression gehe laut Gross meist eine lange Geschichte der Angst voraus, die als diskrete Vorstufe psychischer Störungen oft zuwenig wahrgenommen wird. Anhand konkreter Beispiele zeigt der Arzt, wie sich ganz unterschiedliche Ängste auf der sozioökonomischen Landkarte verteilen: die Ängste der dynamischen Führungskräfte und Top-Manager (vor Scheitern und Überforderung), die Ängste der Mittelschicht (vor sozialem Abstieg) und die Ängste ganz unten (vor Exklusion); die Angst der "Alten", genau genommen bereits der Über-45-Jährigen (vor dem Überflüssig-Werden) ebenso wie jene der "Jungen"(vor dem dauerhaften Prekariat). Das ernüchternde Fazit: Angst haben eigentlich alle. "Die Umwertung aller Worte, die neuen Inhalte für Begriffe wie Autonomie, Erfolg, Selbstverwirklichung, Optimierung etc. haben niemand unberührt gelassen", konstatiert Gross. "Speziell die Vorsilbe 'Selbst' in diversen Komposita wie Selbstoptimierung, Selbstverantwortung, Self-Branding etc. - auch sie ist mitbeteiligt daran, dass wir uns immer mehr selbst unter Druck setzen. Der Antreiber, oft auch der Ausbeuter, sitzt schon im eigenen Kopf."

Leitbild des "Homo oeconomicus"

Seine Reflexionen sind darauf angelegt, bei den Betroffenen die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu stärken und bewährte Hilfestellungen, etwa zur Stressreduktion durch Achtsamkeit, zu erläutern. Wichtig sei zunächst die Unterscheidung zwischen äußeren Belastungsfaktoren und individuellen Befindlichkeiten - auch um auseinanderzuhalten, was man selbst tun kann; was man sich von professionellen Angeboten wie Beratung und Psychotherapie erwarten kann; und was man vom Arbeitgeber wünschen beziehungsweise einfordern sollte. So scharf die gesellschaftlichen Diagnosen aber auch sind, bei der Therapie - im Spannungsfeld zwischen Verhaltensänderung und Änderung der sozialen Verhältnisse - wird es, nun ja, kompliziert. Das muss selbst ein therapeutisch tätiger Autor wie Gross eingestehen: Denn solange Arbeit in unserer Gesellschaft so überragend wichtig für den Selbstwert und die Identität bleibt, werde dies auch im Negativen durchschlagen. Ängste rund um den Arbeitsplatz könnten dann schlimmstenfalls sogar lebenszerstörend wirken. Insofern drängt sich die Frage auf: Wenn wir "unsere gesamte Lebenserzählung so umschreiben müssten, dass die Arbeit nicht mehr im Zentrum stünde - was dann?" Eine mehrheitsfähige Antwort darauf wurde bislang noch nicht gefunden.

Voraussetzung für die Verbesserung einer angstbesetzten Situation ist die Anerkennung dieser menschlichen Uremotion. Bereits der Austausch über konkrete Sorgen im Job wirkt oft schon erleichternd, betont Gross. Weniger zugänglich seien die oft dahinter liegenden Ängste vor Ohnmacht und Kontrollverlust. Die Auseinandersetzung damit fällt heute besonders schwer, so der Autor: Denn das Leitbild des allseits starken und unabhängigen "Homo oeconomicus" kennt ja bekanntlich keine Angst.

Angst bei der Arbeit - Angst um die Arbeit

Von Rainer Gross. Bern, Verlag Hans Huber 2015.

259 Seiten, kart., € 25,70

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