Vom Unbehagen in der Kultur
In sozialen Medien sowie in öffentlichen und politischen Diskursen zeigt sich ungehemmte Aggression. Warum finden deeskalierende Stimmen so wenig Gehör? Ein Gastkommentar.
In sozialen Medien sowie in öffentlichen und politischen Diskursen zeigt sich ungehemmte Aggression. Warum finden deeskalierende Stimmen so wenig Gehör? Ein Gastkommentar.
Der soziale Zusammenhalt erfordere von Menschen Triebverzicht: Sie müssen ihre sexuellen und aggressiven Triebe einschränken. Diese Triebunterdrückung führe zur Ausbildung eines Über-Ichs, von Gewissen und Normen, könne aber auch pathologische Schuldgefühle zur Folge haben. So beschrieb Sigmund Freud 1930 die Ursachen für das „Unbehagen in der Kultur“.
Fast ein Jahrhundert später scheinen sich die Verhältnisse umgekehrt zu haben. Unbehagen in der Kultur kann einen angesichts der enthemmten Aggression erfassen, die sich in den sozialen Medien, bei Corona-Demonstrationen und in öffentlichen und politischen Diskursen zeigen.
Schuld- und Schamgefühle oder der Rekurs auf das Gewissen scheinen einer vergangenen Zeit anzugehören. Die verhetzende Sprache eines Herbert Kickl, die aufgeheizten Debatten rund um den Ibiza-Untersuchungsausschuss, der verächtliche Ton in Chatnachrichten der türkisen „Familie“, rechtsextremistische und islamistische Drohungen sowie antisemitische und islamfeindliche Hassreden in den sozialen Medien sind die Spitze des Eisbergs einer insgesamt aggressiver gewordenen Gesellschaft. Um diese beängstigende Dynamik zu stoppen, bedarf es dringend einer öffentlich diskutierten Ursachenanalyse. Appelle an Anstand, Respekt oder gar Gewissen verhallen derzeit folgenlos. Der soziale Zusammenhalt ist fragil. Drei solcher Ursachen stelle ich zur Diskussion.
Eine gärende Angst
Unter der gesellschaftlichen Oberfläche gärt eine tiefgründige Angst. Diese hat berechtigte Gründe. Migration und die durch diese beschleunigte Pluralisierung erfordern Veränderungen der mentalen, gesellschaftlichen und politischen Ordnungen, die viele Menschen psychisch überfordern oder die sie aus Sorge um Verlust von Macht und Privilegien ablehnen. Die negativen Folgen der Pandemie verstärken die Ängste vor Wohlstandsverlust und sozialem Abstieg. Nicht zuletzt erzwingen die digitale Transformation wie auch die Klimakatastrophe den Wandel unserer Lebens- und Arbeitswelten. Eine ungewisse Zukunft ohne positive Perspektiven lässt die daraus erfolgende Angst zur Quelle von Aggression werden.
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