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Krank durch Medikamente

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Medikamente können ernsten Schaden anrichten, wenn sie nicht richtig eingenommen werden. Vor allem bei älteren Menschen treten gesundheitliche Probleme auf.

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Medikamente können ernsten Schaden anrichten, wenn sie nicht richtig eingenommen werden. Vor allem bei älteren Menschen treten gesundheitliche Probleme auf.

Medikamente sind ein Segen bei der Bekämpfung vieler Krankheiten. Doch oft werden sie, vor allem von älteren Patienten, falsch eingenommen und verursachen dadurch ernsthafte gesundheitliche Probleme. "Fünf bis zehn Prozent aller Rettungszuweisungen im Hanusch-Krankenhaus sind die Folge von nicht korrekt eingenommenen Medikamenten. Bei den älteren Menschen sind diese Zahlen vermutlich noch höher, ich schätze bis zu 20 Prozent", berichtet Inga Findl von der 4. Medizinischen Abteilung und Lungendepartement im Hanusch-Krankenhaus in Wien.

Zahlen, die auch internationale Studien belegen und sicher nicht zu hoch gegriffen sind. Die Ärztin und Soziologin beschäftigt sich seit langem mit der Medikamenten-Compliance - die Bereitschaft eines Patienten zur Mitarbeit bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, etwa die Zuverlässigkeit, mit der Anweisungen des Arztes befolgt werden.

Denn so ist zwar das Complianceverhalten älterer Patienten insgesamt - entgegen landläufiger Meinung - kaum schlechter als bei jüngeren Altersgruppen. Aber die Probleme, die durch eine falsche Einnahme von Medikamenten entstehen, sind für Ältere, die einen größeren Bedarf an regelmäßiger Einnahme von Arzneimitteln haben, wesentlich ernster. Zusätzlich ist im Alter das Risiko von Nebenwirkungen erhöht, da viele Wirkstoffe nicht mehr adäquat verarbeitet werden können. Zunehmende alterspezifische Behinderungen, Sehstörungen, Einschränkung der Motorik sowie die Beeinträchtigung von Konzentration und Gedächtnis vermindern die Fähigkeit, mit Medikamenten korrekt umzugehen.

"Einfach vergessen" Die angegebenen Gründe für falsch eingenommenen Medikamente sind vielfältig, wie eine Studie des Hanusch-Krankenhauses mit 200 geriatrischen Patienten zeigt (Mehrfachnennungen möglich). Schätzungsweise ein Viertel bis die Hälfte aller Patienten nehmen Medikamente nicht so ein, wie sie vom Arzt verschrieben wurden. In den meisten Fällen wird die Einnahme einfach vergessen (18 Prozent). Weitere Gründe sind: Nebenwirkungen (elf Prozent), nachlassende Beschwerden (neun Prozent), Medikamente nicht griffbereit (acht Prozent), keine Wirkung (sieben Prozent) und Skepsis gegen Medikamente (sechs Prozent). Immerhin noch rund fünf Prozent der Befragten gaben an, wegen der Vielzahl der Medikamente diese nicht zu nehmen. Mehr als drei Prozent haben schlichtweg Einnahmeschwierigkeiten. Medikament werden eigenmächtig abgesetzt wird, es wird ohne Anweisung des Arztes einige Tage pausiert oder ein nicht verordnetes Medikament genommen.

Häufig gibt es Probleme mit Digitalis-Präparaten, einem Medikament gegen Herzschwäche. Viele der eingelieferten Patienten vergiften sich regelrecht, erzählt Findl: "Die meisten Einlieferungen in unser Krankenhaus wegen falscher Medikamenteneinnahme sind darauf zurückzuführen, weil die Patienten ihre Arzneimittel nicht oder zu wenig einnehmen. Nur bei Digitalis ist es umgekehrt. Es ist eigentlich das einzige Medikament, das zu viel eingenommen wird." Für die Ärztin liegt der Grund darin, da viele Patienten gar nicht wissen, was sie eigentlich schlucken. Digitalis sei mein Herzpulver ist für Findl eine oft gehörte Aussage der Patienten. Da es aber nur bei Herzschwäche und nicht bei koronaren Herzerkrankungen eingenommen werden soll, kommt es zu Überdosierungen, wenn der Patient Herzbeschwerden auf Grund von Atherosklerose ("Verkalkung") hat. "Viele Patienten nehmen also aus dem Nichtwissen falsche Medikamente ein," schließt Findl. Probleme kann es auch geben, wenn der Patient mehrere Ärzte für ein und dasselbe Problem aufsucht. Verschreiben beispielsweise der praktische Arzt und der Internist ein Digitalis-Präparat, können durch diese Überdosierung gefährliche Situationen entstehen. Bei einem Arztbesuch sollte daher immer angegeben werden, welche Medikamente bereits verschrieben und eingenommen werden.

Bei der Gruppe der Antihypertonika (Mittel zur Blutdrucksenkung) verhält es sich umgekehrt - diese Medikamente werden zu wenig eingenommen oder eigenmächtig völlig abgesetzt, da die Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Schwindel recht unangenehm sein können. Findl: "Die meisten dieser Medikamente sind aber Präparate, die langsam wirken. Der Blutdruck saust nicht sofort nach fünf Minuten hinunter. Es wird ein Spiegel aufgebaut, der Blutdruck pendelt sich langsam ein. Das wissen viele Patienten nicht. Wenn der Blutdruck in Ordnung ist, wird das Medikament eigenmächtig abgesetzt. Am nächsten Tag kann der Blutdruck wieder zu hoch sein."

Um diese Situation zu verbessern, wurden im Hanusch-Krankenhaus Studien über die Medikamentenanwendung bei geriatrischen Patienten durchgeführt. "Wir fragten nach einschlägigen negativen Erfahrungen, ob ältere Patienten unsere Informationen überhaupt verstehen und mit den verordneten Medikamenten zu Hause korrekt umgehen können", so Studienleiterin Findl. Zur Beantwortung dieser Fragen entwickelte sie einen Test. Fähigkeiten, etwa Tabletten teilen, 20 Tropfen auf einen Löffel zählen und eine Dose mit Kindersicherung öffnen, wurden dabei überprüft. Das Ergebnis: Weniger als ein Viertel der Patienten konnte alle Aufgaben richtig lösen. Während 72 Prozent der unter 85-Jährigen zumindest mehr als die Hälfte der Aufgaben bewältigen konnten, war dies nur bei 41 Prozent der über 85-Jährigen der Fall.

Vor der Durchführung des Tests wurde auch der behandelnde Arzt gebeten, die Fähigkeiten ihrer Patienten einzuschätzen: 58 Prozent der Ärzte haben ihre Patienten richtig bewertet, 41 Prozent haben sie jedoch über- und ein Prozent unterschätzt. "Nach dieser Einschätzung wären viele Menschen entlassen worden, die gar nicht mit ihren Medikamenten umgehen können", so Findl.

Ein Gespräch hilft Findl rät daher zu folgenden Strategien, damit gesundheitliche Probleme, verursacht durch Über- oder Unterdosierung von Medikamenten, besser vermieden werden können: * Arztgespräche sollten mit umgangssprachlicher Erklärung der Medikamentenwirkung und zwar nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich erfolgen. Patienten sollten unbedingt fragen, wenn etwas unklar ist.

* Menschen, die nicht mehr entsprechend mit Medikamenten umgehen können, müssen geschult werden.

* Ist die Schulung nicht erfolgreich, müssen Hilfspersonen für zu Hause instruiert werden. Das können Angehörige oder eine Heimhilfe sein.

* Falls möglich, soll die Zahl der verordneten Medikamente reduziert und auf die Therapie von Nebenerkrankungen, soweit medizinisch vertretbar, verzichtet werden.

* Verabreichungsformen müssen individuell angepasst werden, denn nicht jeder ältere Patient besitzt noch ausreichende motorische und visuelle Fähigkeiten. So war jeder vierte Patient bei der Studie nicht in der Lage, 20 Tropfen auf einen Löffel zu zählen, jeder Dritte konnte nicht korrekt 20 Milliliter Saft in einen Messbecher füllen und ebenso jeder Dritte scheiterte an einem Behälter mit Kindersicherung.

* Unerwünschte Nebenwirkungen und Interaktionen müssen regelmäßig vom Arzt kontrolliert werden.

Werden diese Richtlinien beachtet, könnten die derzeit erheblichen Probleme bei geriatrischen Patienten auf ein vertretbares Maß reduziert werden, ist Findl überzeugt. Viel zu wenig Beachtung werde dem Problem geschenkt, ob der Patient überhaupt in der Lage sei, die verschriebenen Medikamente korrekt einzunehmen. "Im Grunde ist das genauso eine Angelegenheit des Arztes, wenn der Patient die Medikamente nicht richtig einnimmt", so Findl.

Die Studie im Hanusch-Krankenhaus konnte zeigen, dass bei denjenigen Patienten, die ein Entlassungsgespräch mit umgangssprachlicher Erklärung der Medikamentennebenwirkungen in mündlicher und schriftlicher Form erhielten, die Compliance signifikant besser war als bei der Kontrollgruppe, die auf dem üblichen Weg entlassen wurde. Bei der Nachkontrolle nach drei Wochen verhielten sich 93 Prozent der Patienten mit Entlassungsgespräch richtig bezüglich ihres Medikamentenkonsums. Hingegen war dies nur bei 67 Prozent der Patienten aus der Kontrollgruppe der Fall.

Schwierigkeiten, berichtet Findl, ergeben sich auch häufig, wenn Medikamente "nach Bedarf" eingenommen werden sollen. Das überfordere die Patienten. Die Probleme nehmen ebenfalls mit der Anzahl einzunehmender Medikamente zu. Da natürlich vor allem ältere, multimorbide Patienten mit chronischen Erkrankungen oft mehr als vier Arzneimittel einnehmen müssen (im Durchschnitt nahm bei der Studie jeder Patient 4,7 verschiedene Medikamente), ergibt sich dadurch ein nicht zu unterschätzendes Problem.

Auch die Gesundheitssprecherin der Grünen und diplomierte Krankenschwester, Alessandra Kunz, kritisiert, dass diesem Problem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn internationale Studien würden darauf hinweisen, dass ein Drittel bis die Hälfte der Spitalsaufenthaltstage, die durch eine falsche Einnahme von Medikamenten und deren Nebenwirkungen verursacht werden, vermeidbar wären, wenn die Patienteninformation adäquat wäre. Da geriatrische Patienten auf Medikamente anders reagieren - etwa wegen einer Einschränkung der Nierenfunktion - müsse hier besonders vorsichtig vorgegangen werden. Kunz: "Aus einem Bluthochdruck kann ein Bluttiefdruck werden. Der alte Mensch hat Schwindelanfälle, es kommt zu Stürzen, zu Oberschenkelhalsbrüchen, Bettlägrigkeit, in weiterer Folge zu einer Lungenentzündung und letztlich zum Tod. Und eigentlich ist am Anfang eine falsche Medikation gestanden. Da kann man sehr viel Schaden anrichten. Abhilfe könnte eine spezielle Ausbildung schaffen, etwa der seit langem geforderte Lehrstuhl für Geriatrie."

Wenig Probleme gibt es hingegen nach Angaben von Christa Winter, Oberschwester bei der Mobilen Gesundheits- und Krankenpflege (MA 47), wenn Patienten zu Hause betreut werden. "Ich war 16 Jahre in der Praxis und habe nie erlebt, dass bei Patienten, die von uns betreut werden, hinsichtlich der Medikamente etwas passiert wäre. Denn wenn der Patient nicht mehr orientiert ist, werden Heimhilfen und Angehörige miteinbezogen. Somit sind Menschen, die von uns betreut werden, besser geschützt."

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