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Heroin im Weinglas?

1945 1960 1980 2000 2020

Alle Alkoholika enthalten mehr oder weniger Methylalkohol. Bei dessen Abbau entstehen im Körper Formaldehyd und in weiterer Folge chemische Verwandte des Morphiums.

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Alle Alkoholika enthalten mehr oder weniger Methylalkohol. Bei dessen Abbau entstehen im Körper Formaldehyd und in weiterer Folge chemische Verwandte des Morphiums.

Nicht das Äthanol, sondern das Methanol sei der für die Entstehung der Alkoholsucht hauptverantwortliche Teil alkoholischer Getränke. Alkoholsucht lasse sich durch einen Latiortest feststellen. Echte Sucht Bei seltener, als bisher angenommen. Die meisten Alkoholiker seien sogenannte Problemtrinker mit wesent-

lieh besseren Heilungschancen als erster« Gruppe.

Diese Botschaft macht den harten Kem des Buches aus, das der ehemalige AZ-Chef, ehemalige Gesundheitsminister und nunmehrige Zuständige für die Fernseh-„Seitenblicke“ Franz Kreuzer gemeinsam mit dem Psychiater und Dozenten Otto M. Lesch schrieb. Sie vermitteln jüngste Erkenntnisse der Alkoholismusforschung.

Von den Problemen, die der Alkohol verursacht, sind allein im deutschsprachigen Raum rund zehn Millionen Menschen direkt oder indirekt betroffen. Aber erst die junge Spezialwissenschaft von den Neurotransmittern lieferte die Basis für ein biochemisches Verständnis der Alkoholwirkung.

Die Lücken im Wissen vom Gehirn werden sichtbar, wenn etwa in zwei hervorragenden, aktuellen Fachwerken das eine die Zahl der

Neuronen, der Nervenzellen, mit 2 5, das andere mit 100 Milliarden angibt. Sie sind durch 100 Billionen Synapsen, Schaltstellen, möglicherweise hunderte Billionen, miteinander verbunden. Solche Komplexität macht begreiflich, daß kein denkbarer Computer der Hirolei- stung in die Nähe kommen kann.

Die gesamte Tätigkeit des Nervensystems ist auf dem Zusammenspiel von chemischer Bahnung und Hemmung elektrischer Reize aufgebaut. Es ist erst bruchstückweise bekannt, aber man weiß, daß das dem System Schloß und Schlüssel vergleichbare Zusammenwirken von Transmittern und Transmitter- Rezeptoren das gesamte körpereigene Inforütationssystem steuert. Nervengifte und Psychopharmaka können die Rezeptoren oder den schnellen Abbau der Transmitter nach dem aktuellen „Schaltvorgang“ hemmen.

Versagen die hemmenden Faktoren insgesamt, kommt es zu einem elektrischen Gewitter im Gehirn, das sich als epileptischer Anfall manifestiert. Den Alkohol enttarnte die Transmitterforschung als auf das Neuro-Transmittersystem der Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) wirkendes Dämpfungsgift.

Der erste Schluck bleibt so gut wie wirkungslos. Unser geduldiges Entgiftungsorgan Leber filtert den Giftstoff aus. Nach dem zweiten, dritten Schluck gelangt Akohol ins

Gehirn. Hier bildet die Blut-Him- schranke einen weiteren Filter. Durch die fettlösende Wirkung des Alkohols kann er teilweise „durchrutschen“, langkettige Alkoholmoleküle besser als kurzkettige. Die Alkoholwerte im Gehirn erreichen etwa ein Zehntel des Blutalkoholwertes.

Die Transmitterforschung ermöglichte es, schlüssig zu erklären, warum der Alkohol zunächst stimuliert und die gegenteilige Wirkung sich erst später durchsetzt: „Der Alkohol hemmt nämlich nicht nur die bahnenden Teile des Nervensystems, sondern auch die hemmenden. Das heißt, er hemmt auch die Hemmung. Da aber im Gesamtsystem die Hemmung überwiegt, überwiegt vorerst bei der Erstwirkung des Alkohols die Hemmung der Hemmung: Also ergibt sich primär im Gesamtsystem paradoxerweise eine Förderung der Bahnung.

Als Alkohol-Konsumenten läßt \ins diese Chemie der Transmitter verstehen, warum der Alkohol unsere Versuchsperson beim ersten Schluck und jedenfalls auch beim zweiten und dritten lockert, entspannt, ein wenig enthemmt; ganz einheitlich und gleichzeitig tritt die Gesamtwirkung nicht ein, daher ist auch je nach Temperament und Stimmung ein wenig Beruhigung als allererste Wirkung spürbar, jedenfalls ein Gemisch angenehmer Empfindungen.“

Die Schlaf- und die Transmitterund Hormonforschung, so Kreuzer/Lesch, befruchten einander. Für die Klärung der Alkoholwirkung fiel dabei die Erkenntnis ab, daß der „Alkohol- Schlaf“ (genau: die Alkohol-Ohnmacht) ohne Traumperioden (REM-Phasen, Rapid Eye Movement Periods) abläuft, die durchschnittlich alle 00 Minuten einsetzen und 20 Minuten dauern und für den Erholungseffekt unerläßlich sind. Der Alkohol-Kater dürfte nicht nur auf die Giftwirkung des Azetalde- hyd (das primäre Äthanol-Abbauprodukt), sondern auch auf das Fehlen des REM- Schlaf es zurückzuführen sein.

Da der REM- Schlaf lebenswichtig ist, besteht die Vermutung, „daß die Halluzinationen im Alkohol- Delirium des schwer Alkoholkranken im wesentlichen nachgeholte, in das Wachstadium verschobene“ Traumphasen sind, „deren Drängen sich das Gehirn nicht mehr entziehen kann.“ Ein Fehler der bisherigen Alkoholismusforschung war, daß alle Tier versuche mit reinem Äthanol durchgeführt wurden. Dabei weiß man: Was wir trinken, ist immer ein Gemisch verschiedener Alkohole und Alkohol-Begleitstoffe. Die minderwertigen, schnell zu besonders unangenehmen Beschwerden führenden, Fusel genannten Rückstände des Brennvorganges gehören zu den langkettigenBeimischun- gen, die einzige kurzkettige ist das hochgiftige Methanol (Methylalkohol).

Wichtige Erkenntnisse sind dem Göttinger Gerichtsmediziner Wolfgang Bonte zu verdanken. Viele Autofahrer erklären, vor einem Unfall nichts, sondern erst nachher zur Beruhigung getrunken zu haben. Erforschung der Art und Reihenfolge, in der die Alkoholbegleitstoffe verschiedener Getränke abgebaut werden, ermöglichte es Bonte, solche Aussagen zu bestätigen oder zu widerlegen. Seine Arbeiten wurden an der Wiener Psychiatrischen Klinik und am Wiener Anton-Proksch-Institut besonders beachtet und weiterentwickelt.

Die Fusel gelangen schnell ins Gehirn, werden dort schnell wirksam und entfalten schnell die Giftwirkung ihrer Abbauprodukte: Der Kater ist schon beim Trinken da. Im Gehirn sind sie weniger giftig als die kurzkettigen Alkohole (aber sehr schlecht für die Leber).

Die einzige kürzerkettige Beimischung des Äthanols, also des vorherrschenden Alkohols, ist das Methanol. Es tritt als letzte Komponente in die Wirkungskette ein und wird zuletzt abgebaut, denn die Alkoholdehydrogenase räumt dem Äthanol einen klaren Vorrang ein und nimmt den Methylalkohol erst ab einem Blutalkoholspiegel von0,4 bis 0,2 Promille “in Angriff“. Das primäre Abbauprodukt des Methylalkohols, Formaldehyd, ist hundertmal giftiger als das Abbauprodukt Azetaldehyd des Äthanols und für die unangenehmsten Kater-Wirkungen verantwortlich.

Das berüchtigte Glas Schnaps oder Bier nach dem bösen Erwachen fördert nun neues Äthanol ins Blut und blockiert damit die Fortsetzung des Methanol-Abbaues. Wenn es auch scheußlich schmeckt - es schiebt die Fortsetzung des Katers hinaus. Ärzte retten Leben und Augenlicht vonMethylalkohol- Opfem seit langem durch massive Äthanol-Injektionen, die den Methanol-Abbau verlangsamen und damit das Formaldehyd im Blut verringern.

Katerbekämpfung spielt also eine wichtige Rolle bei der Ausbildung der Alkoholsucht. Trinker entwik- keln aber zwei andere Enzymsysteme, die den gleichzeitigen Abbau von Äthanol undMethanol ermöglichen. Darauf beruht der Labor- Nachweis der Alkoholkrankheit. Der Alkoholiker steht unter permanenter Kater-Wirkung. Es kommt zu einer gegenseitigen Aufschaukelung von überschießenden Notwehr- maßnahmen des Körpers und kompensatorischem Trinkverhalten.

hi einem späten Stadium bricht die Blut-Himschranke zusammen („Toleranzbruch“), an die Stelle der langjährigen Aufschaukelung der Symptome und Trinkmengen tritt nun das Gegenteil Die „Glia-Zel- len“ der Blut-Himschranke lassen schlagartig den gesamten Blutalkohol ins Gehirn und damit ans Nervensystem gelangen. Dies bedeutet eine Verzehnfachung der Alkoholwirkung - ein Achtelliter Wein hat mm dieselbe wie vorher emeinvier- tel Liter.

Die jüngsten, zu einem guten Teil in Wien durchgeführten Forschungen bestätigten auch, daß der Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Morphiumsucht eng ist. Der Verdacht, daß beim Alkoholabbau Heroin entsteht, wurde bekräftigt. Auch dabei spielt das Methanol eine böse Rolle. Beim Äthanol- Abbau entstehen ebenfalls durch Reaktion des Acetaldehyds mit körpereigenen Eiweißen morphinähnliche Stoffe (TIQ, THBC). Dieser Prozeß vollzieht sich beim Methanol-Abbau im Laborversuch aber 25- bis 50mal so schnell, auch wird Formaldehyd vollständig, Acetaldehyd wahrscheinlich nur zum kleineren Teil umgesetzt.

Erwiesen ist bereits: Eine lebensbedrohende Alkoholvergiftung kann durch schnelle Verabreichung von Morphin-Antagonisten gestoppt werden. Alkoholismus schädigt ebenso wie Morphium und Heroin die Produktion der körpereigenen Morphine, der Endorphine, wenn auch nicht so schnell und nicht so dramatisch. Was die Schwere der Entzugserscheinungen (mit) erklärt: Fällt die allgemeine Schmerzdämpfung durch die Endorphine weg, „tut die bloße Existenz dies Organismus weh“.

Eine der vorgeschlagenen Maßnahmen: Die Angabe der Alkoholprozente auf den Flaschen genügt nicht. Es sollte auch der Methanolanteil angegeben werden müssen. Das Buch enthält Analyse-Ergebnisse. Der Methanol-Anteil der Alkoholika schwankt zwischen zwei und 27 Milligramm pro Liter bei den Bieren, erreicht bei guten Rotweinen leicht das Zehn- und bei manchen Obstbränden mehr als das Hundertfache.

Aber obwohl er bei den Bieren am geringsten ist, steht der Bier-Alkoholismus gewiß nicht an letzter Stelle. Die Forschungen sind wohl noch lange nicht an einem wie immer zu definierenden Ziel angelangt.

DIE KRALLEN DES KATERS - Alkoholsucht, neue Erkenntnisse, neue Heilmethoden. Von Franz Kreuzer und Otto Michael Lesch. Verlag Jugend und Volk, Wien 1969. 206 Seiten, 30 Abbildungen, Ln., öS 278/%

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