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Der Zentralrechner im Kopf

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Die menschliche "Festplatte" ist ein überaus erstaunliches Organ. Die Bevölkerung soll jetzt, so der Wunsch der Neurologen, mehr darüber erfahren.

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Die menschliche "Festplatte" ist ein überaus erstaunliches Organ. Die Bevölkerung soll jetzt, so der Wunsch der Neurologen, mehr darüber erfahren.

Unser Gehirn mit einem Computer zu vergleichen, ist zeitgemäß. Dabei ist aber zu bedenken, daß das menschliche Gehirn dem Computer weitaus überlegen ist. Mittels 100 Milliarden Nervenzellen unterhält sich unser "Zentralrechner" im Kopf mit dem Körper, sendet Nachrichten und Befehle und ist in der Lage, den Inhalt von 100.000 Büchern zu speichern. Wie hoch die Kapazität der eigenen "Festplatte" ist, dafür fehlt es aber oft in der Bevölkerung am nötigen Wissen und Verständnis.

Dem will das soeben von heimischen Neurologen initiierte "Jahr des Gehirns" entgegenwirken. Die Österreicher sollen ab nun mehr Informationen über das erstaunliche Organ "Gehirn" sowie Essentielles über Vorbeugung und neue Therapien der verschiedenen Hirnerkrankungen erfahren. Dies wurde nun bei einem Festakt im Naturhistorischen Museum angekündigt. Der Initiator und Generalsekretär des Fonds des "Jahres des Gehirns", Universitätsprofessor Eberhard Deisenhammer, will nicht nur auf die ethischen Fragen unserer Zeit - etwa ob es gestattet ist, am Gehirn zu manipulieren - eingehen, sondern auch auf die Notwendigkeit von Früherkennung und Vorbeugung verweisen.

Große Fortschritte Noch vor 200 Jahren wurden Menschen mit einer Gehirnerkrankung geächtet und weggesperrt. Vorurteile gegenüber den Erkrankungen Epilepsie oder Schizophrenie waren groß. Heute weiß man, daß bestimmte Erkrankungen mit Veränderungen der Persönlichkeit einhergehen.

Die Hirnforschung hat derart große Fortschritte gemacht, daß die Bevölkerung wissensmäßig einfach nicht mehr mithalten kann. Deisenhammer: "Die Schere des Wissens bei Fachleuten und die Umsetzung dieses Wissens in der Bevölkerung ist zu groß. Wir Neurologen wollen unter Mitwirkung der österreichischen Psychiater und Neurochirurgen dafür sorgen, daß durch Ausstellungen und Medienarbeit die Prophylaxe, als Teil der Präventivmedizin, ein ernstzunehmendes Thema für jeden Österreicher wird." Denn Vorbeugung, so Deisenhammer, führt letztlich auch zu einer Kosteneinsparung im Gesundheitswesen. "Heute wissen wir, daß etwa ein Drittel der Kosten für den stationären Aufenthalt und die Behandlung jener Patienten ausgegeben wird, die an Erkrankungen des Gehirns, des Nervensystems und der Psyche leiden."

Die Neurologen meinen, daß das Gehirn lange Zeit eine Art Stiefkind der Medizin war. Viel zu wenig war beispielsweise bekannt, daß es das Zentrum für alle Sinnesempfindungen und Willkürhandlungen ist. Das Gehirn ist der Sitz des Bewußtseins, des Gedächtnisses und aller geistigen und seelischen Leistungen.

Professor Bernd Lötsch, Hausherr des Naturhistorischen Museums, brachte diesbezüglich in seiner Eröffnungsrede das "Fernsehgleichnis": "Man kann die Einstellung eines Halbgebildeten gegenüber der Hirnforschung mit der eines naiven Menschen vergleichen, der das erste Mal vor einem Fernsehapparat sitzt und nicht begreifen kann, wie die Verschaltung von Transistoren und Widerständen so wunderbare Bilder hervorbringen kann."

Lötsch verwies auch auf die hohe Aktualität der Hirnforschung im Hinblick auf das Problem, daß dieses hochentwickelte Organ die virtuosen Möglichkeiten der Lebensverlängerung in vielen Fällen nicht mehr mitmacht. Die Lebensuhr des Gehirns läuft oft früher ab als die des Körpers. Auch ist das Gehirn das "Zielorgan" für eine Reihe von Umweltgiften und neurotoxischen Pestiziden. Darauf und auf die Tatsache, daß das Welthungerproblem, mit seinem schädigenden Eiweißmangel im Kindesalter - was zu Gehirnretardationen vieler Generationen in der Dritten Welt führt - ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt, auf das kann nicht oft genug hingewiesen werden, so Lötsch.

Ein Fliegengewicht Der "Motor unseres Lebens" ist unglaublich leicht. Es wiegt bei weiblichen Erwachsenen rund 1.245 Gramm, bei männlichen 1.375 Gramm. Es besteht aus grauer und weißer Hirnsubstanz, die durch die Blut-Hirn-Schranke vom restlichen Blutkreislauf getrennt sind. Unser Gehirn ist ein besonders stoffwechselaktives Organ: etwa 20 Prozent des gesamten Grundumsatzes beansprucht unser Gehirn. Es ist ein Energiefresser, denn es verbrennt etwa die Hälfte des für die Energieversorgung nötigen Zuckers.

Ein optimaler Energiehaushalt ist daher auch die Basis für ein gut funktionierendes Gedächtnis. Wichtig ist auch das Wissen um den hohen Sauerstoffbedarf des Gehirns. Ein Absinken des Umsatzes unter den "Bereitschaftsumsatz", zum Beispiel während einer Narkose oder im Koma, führt zum Erlöschen der Erregbarkeit. Das Absinken unter den "Strukturumsatz" führt zum Zelltod.

Licht und Bewegung Luft, Licht und Bewegung kurbeln den Motor unseres Lebens an. Leider setzen gerade die Wintermonate vielen Menschen durch den vermehrten Aufenthalt in geschlossenen Räumen sehr zu. Der Mangel an Licht und Sauerstoff kann sich nachteilig auf die Hirnfunktionen auswirken, denn das Licht steuert mittels Ankurbelung oder Drosselung über das Hormon Melatonin die Empfindung der tageszeitlichen Rhythmen. Allgemeiner Bewegungsmangel führt in vielen Fällen dazu, daß sich aufgestauter Streß nicht mehr abbauen läßt. Körperliche Betätigung führt hingegen zum notwendigen Streßabbau, sowie zu einer gesteigerten Energiezufuhr.

Persönliche Schilderungen beim Festakt im Naturhistorischen Museum von Ex-Vizekanzler Alois Mock (Parkinson-Krankheit) und Therese von Schwarzenberg (rehabilitierte Querschnittlähmung) waren eindrucksvolle Beispiele für die unglaublichen Möglichkeiten moderner Therapien, gekoppelt an ein hohes persönliches Engagement.

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