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Stationen der Trunkenheit

Wissen • Maßvoll genossen schenkt der Wein Inspiration und wirkt als sozialer Katalysator. Bei steigendem Alkoholspiegel taumelt die Weinseligkeit in Richtung Abgrund.

"Bring ihn, den Wein, er könnte sein: Rubin, geschmolzner Edelstein; ein Schwert gezückt der Sonne zu: darin gespiegelt Funkelschein (…).“ So besang der persische Dichter Rudaki um das Jahr 900 n. Chr. den Rebensaft. Bereits die Dichter der Antike rühmten - oder verfluchten - die Wirkung des Weins. Was aber bringt nicht nur die Dichter zum Singen? Und warum verliert die funkelnde Weinseligkeit bei fortschreitendem Trinken ihren Glanz und verstummt?

Sobald der Wein genossen ist, verteilt sich der Alkohol im Blut. Eine halbe bis eine Stunde nach der Einnahme ist die höchste Konzentration erreicht, wobei der Alkohol rasch die Blut-Hirn-Schranke passiert und seine Wirkung an den Nervenzellen entfaltet. Wie stark und wie anhaltend der Effekt ist, hängt vom Alkoholspiegel im Körper ab, der als Promillegehalt gemessen wird.

Für den Philosophen Kostis Papajorgis, der mit seinem luziden Essay "Der Rausch“ eine kleine Kulturgeschichte des Deliriums veröffentlicht hat, gleichen die Phasen des Trinkens einer Schiff-fahrt in Richtung Abgrund.

1 Die Nüchternheit schwindet dahin

Alkohol wirkt sedierend, aber auch stimulierend und enthemmend. In niedrigen Konzentrationen stellen sich typischerweise Entspannung bis hin zur Müdigkeit, sowie Anregung bis hin zur Euphorie ein. Das leichte Prickeln, der "Schwips“ erklären sich aus der dämpfenden Wirkung des Alkohols in jenen Nervenzentren, die normalerweise hemmende Kontrolle über andere Hirnregionen ausüben: Der erste Wegfall von Hemmungen führt dann zu gesteigerter Kontaktfreudigkeit und Gesprächsbereitschaft ("in vino veritas“). Traditionellerweise spielt der Alkohol daher als sozialer Katalysator, beim Knüpfen von Seil- und Bekanntschaften sowie bei Festen und Feiern oft eine wichtige Rolle.

2 Der Wein wirkt weiter - ein "Schwips“ wird zum Rausch

Mit steigendem Alkoholgehalt im Blut wird die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Präzisionsarbeit ist nicht mehr möglich. Die Reaktionszeit verlangsamt sich, Konzentrationsfähigkeit und Sprechgeschwindigkeit nehmen merklich ab.

"Am Steuer machen sich die ersten Schwankungen bemerkbar“, schreibt Papajorgis über den vorangeschrittenen Trinker. "Zunge, Hände, Augen scheinen sich selbständig zu machen. Die Gesten gleichen denen eines mittelmäßigen Schauspielers, der anfängt - was, weiß er selbst nicht - zu improvisieren.“ Gefährlich dabei ist, dass die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden, da auch die Selbstkritik abnimmt. Bedingt durch die Dämpfung regulierender Mechanismen im Gehirn können sich auch emotionale Schwankungen zeigen.

3 Der Alkoholpegel steigt - der Rausch wird voll

Nun tritt das Versagen der motorischen Kontrolle in den Vordergrund. Auch die gröbere Muskelarbeit wird beeinträchtigt. Es kommt zu Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen, zu undeutlicher Sprache bis hin zum Lallen. Das Nachlassen der Augenmuskeln kann bis zum Doppelt-Sehen führen. Der Betrunkene taumelt durch die Gegend, Aufmerksamkeit und Orientierung sind drastisch eingeschränkt. Die Wirkungen des Alkohols auf Kurz- und Langzeitgedächtnis können zum Erleben des Filmrisses führen, wobei es für Phasen des Rausches keine Erinnerung mehr gibt.

Für Papajorgis liegt das Geheimnis des Rausches im temporären "Verzicht auf die Herrschaft über sich selbst“: Die Gefahr eines "Schiffbruchs“ ist nun gegeben, die Heimkehr wird zum Abenteuer.

4 Schmerzhaftes Erwachen - der "Kater“ ist da

Der Organismus verbrennt jede Stunde einen Bruchteil des aufgenommen Alkohols - circa 0,1 Promille pro Stunde. Die Folgen eines exzessiven Alkohol-Konsums sind allerdings noch wesentlich länger zu spüren. Der körperliche Preis einer durchzechten Nacht wird als "Kater“ bezeichnet: Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Erschöpfung, Müdigkeit, Nervosität, Schwitzen, Entwässerung sowie Überempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen. Das üble Erwachen des Trinkers wird dann mit einem Zitat aus Platons "Symposion“ auf den Punkt gebracht: "Ich meinesteils erkläre Euch, dass ich mich in Wahrheit ziemlich unwohl befinde vom gestrigen Trinken und einiger Erholung bedarf (…).“

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