Papst - Kirche und Indigene: Papst Franziskus spricht zu Vertretern von Indigenen Amazoniens ,Puerto Maldonado, Peru, am 19. Jänner 2018. - © Foto: AFP / Vincenzo Pinto
Religion

Für die ganze Welt

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Ein Ereignis von historischer Bedeutung für Weltklima und Weltkirche: Nur vordergründig geht es bei der Amazonien-Bischofssynode im Oktober bloß um die Region rund ums größte Flusssystem Amerikas.

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Ein Ereignis von historischer Bedeutung für Weltklima und Weltkirche: Nur vordergründig geht es bei der Amazonien-Bischofssynode im Oktober bloß um die Region rund ums größte Flusssystem Amerikas.

Schon haben die brasilianische Regierung, aber auch um die Traditionen der Kirche Besorgte, heftigen Widerstand gegen die Amazonassynode angekündigt. Diese wird vom 6. bis 27. Oktober 2019 im Vatikan stattfinden. Das Arbeitsdokument, das in der Rohfassung schon länger im Internet abrufbar war, wurde inzwischen verabschiedet. Der brasilianische Kardinal Claudio Hummes ist General relator dieser „Synode für Amazonien“ und Präsident des kirchlichen Pan-Amazonas Netzwerkes. „Synode“ beginnt mit dem Hören auf die Bevölkerung und führt dazu, auf der Grundlage des Wahrgenommenen, inspiriert durch das Evangelium, gemeinsam zu beraten. Dem dreiteiligen Arbeitsdokument liegen viele Gespräche mit der (indigenen) Bevölkerung und Mitgliedern christlicher Gemeinden zugrunde.

Damit zeigt sich die verantwortliche Kirchenleitung bereit, nicht nur auf die Menschen zu hören, sondern durch sie hindurch auch auf Gottes Geist. Das soeben veröffentliche Arbeitsdokument lässt erahnen, warum laut Kardinal Hummes die Synode „ein historisches Ereignis“ werde. Ihr Fokus liegt nicht auf innerkirchlichen Fragen. Es folgt der Zumutung des Papstes, an die Ränder der Gesellschaft und des Lebens zu gehen. Die Kirche muss dorthin, wo die Menschen leben, leiden und hoffen. Zu jenen also, die bedroht sind in ihrer Würde und in ihrem Traum von einem „guten Leben“. Dabei geht es nicht nur um „verwundete Menschen“, sondern zugleich immer auch um die „Wunden der Natur“ und um jene Politik, die beiden Wunden schlägt. „Laudato siʼ“ praktisch Eine Kirchenregion mischt sich mystisch-politisch ein – zunächst in die Zukunft Amazoniens.

Doch geht diese regionale Synode die ganze Welt an. Denn das Gebiet ist wie eine Lunge, mit der die Welt klimatisch atmet. Die derzeitige Regierung Brasiliens plant aus wirtschaftlichen Gründen, große Flächen zur Rodung freizugeben. Das bedroht nicht nur die indigene Bevölkerung und deren Lebensraum. Auch das Weltklima ist davon stark betroffen. Ökologie und Ökonomie, Schutz der Natur und Gerechtigkeit für die bedrohten Völker erweisen sich als eng verwoben. Und das nicht nur lokal, sondern global. Die grandiose Ökologie-Enzyklika des Papstes (Laudato siʼ) wird praktisch. Das gibt der Synode weltpolitische Bedeutung und irritiert verständlicherweise die lokalen Politiker, die nationale Interessen verfolgen (wobei viele Gewinner dieser „nationalen“ Politik internationale Konzerne sind). Für diese gewaltige Herausforderung, so die Verantwortlichen der Synode, gelte es, „neue Wege zu schaffen, damit in jener Region – und nicht nur dort – die Mission der Kirche erfüllt werden kann“, so Kardinal Hummes im Gespräch mit Vatican News. Unser Papst kennt die schwierige Lage des weiten Amazonasgebiets aus seiner argentinischen Zeit. Der emeritierte Bischof Dom Erwin Kräutler von Xingu berichtet, dass der Papst den Bischöfen Amazoniens den Auftrag gegeben hat: „Macht mir mutige Vorschläge!“

Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Die Gemeinden sind lebendig. In den meisten tragen gut ausgebildete Gemeindeleiterinnen und -leiter die Verantwortung. Es gibt nur wenige, meist überalterte Priester. Die Eucharistie wird nur ganz selten gefeiert. In vielen Kirchen gibt es keinen Altar. Wenn der Bischof kommt, so Bischof Kräutler, holen die Gemeinden einen Tisch aus der Schule. In einem ARD-Interview bezeichnete Kräutler diesen Zustand als eine „Herausforderung“. So wie nun im ökologischen Bereich „his torische Beschlüsse“ erwartet werden, wird es solche auch hinsichtlich des Lebens der Gemeinden geben. Dabei ist seit „Evangelii nuntiandi“ (Paul VI., 1975) die pastorale Grundannahme in Lateinamerika davon geprägt, dass die „Freude des Evangeliums“ (Franziskus, 2013) in die Herzen der Menschen und in die indigenen Kulturen einsickern soll, um miteinander gelebt, einander erzählt und miteinander gefeiert zu werden. Von diesen Gemeinschaften des Evangeliums können sich dann die Menschen in ihren Orten, in der Region und darüber hinaus einsetzen für die Heilung der Natur und der sozialen Wunden der bedrohten Menschen, zumal der indigenen Bevölkerung.

Den „eucharistischen Hunger“ stillen

Anders als im Denken europäischer Kirchenstruktur-Strategen nimmt die Feier der Eucharistie im christlichen Leben dieser Gemeinden eine zentrale Rolle ein. Sie leiden, worauf Papst Franziskus bei aller Wertschätzung des Zölibats auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama (27. Jänner 2019) verwies, unter einem „eucharistischen Hunger“. Es sei Verantwortung der Hirten vor Ort, diesen zu stillen. Das Arbeitsdokument (Instrumentum laboris) geht auf diese Frage sehr konkret und reformfreudig ein: c) Die Gemeinschaften haben Schwierigkeiten, die Eucharistie häufig zu feiern, weil es an Priestern mangelt.

„Die Kirche lebt durch die Eucharistie“ und die Eucharistie baut die Kirche auf. Anstatt also die Gemeinschaften ohne die Eucharistie zu verlassen, sollten die Kriterien für die Auswahl und Vorbereitung der Amtsträger, die zur Feier dieser Eucharistie berechtigt sind, geändert werden. (Instrumentum laboris 126) 2. In der Bekräftigung, dass der Zölibat ein Geschenk an die Kirche ist, wird darum gebeten, für die entlegensten Gebiete der Region die Möglichkeit der Priesterweihe älterer Menschen, vorzugsweise indigener, respektierter und von ihrer Gemeinschaft akzeptierter Menschen zu untersuchen, auch wenn sie bereits eine konstituierte und stabile Familie haben, um die Sakramente zu gewährleisten, die das christliche Leben begleiten und unterstützen.“ (Instrumentum laboris 129) Bei der Frage nach kirchlichen Ämtern und Diensten werden die Frauen ausgiebig bedacht. Das geschieht allein deshalb, weil der Großteil der lebendigen priesterlosen Gemeinden von Frauen geleitet wird.

Das Ende des Priestermangels naht. Kirchenreform erfolgt von unten. Die Zeit des stagnierenden Panikzentralismusʼ geht zu Ende.

Daher schlägt das Arbeitsdokument vor: 3. Identifizieren der Art des offiziellen Dienstes, der den Frauen übertragen werden kann, unter Berücksichtigung der zentralen Rolle, die sie heute in der Amazonaskirche spielen. (Instrumentum laboris 129) c) Rolle der Frauen: 1. Im kirchlichen Bereich wird die Präsenz von Frauen in den Gemeinschaften nicht immer geschätzt. Die Anerkennung von Frauen wird auf der Grundlage ihrer Charismen und Talente gefordert. Sie bitten darum, den Raum wiederzuerlangen, den Jesus den Frauen gegeben hat, ‚wo wir alle uns finden können‘. 2. Es wird auch vorgeschlagen, dass Frauen Führungspositionen übernehmen, sowie immer breitere und relevantere Räume im Bereich der Ausbildung: Theologie, Katechese, Liturgie und Glaubens­ und Politikschulen einnehmen. 3. Es wird auch darum gebeten, dass die Stimme der Frauen gehört wird, dass sie konsultiert werden und an Entscheidungsprozessen teilnehmen, und dass sie auf diese Weise ihre Sensibilität für die kirchliche Synodalität einbringen können. 4. Dass die Kirche zunehmend den weiblichen Stil des Handelns und Verstehens von Er ­ eignissen akzeptiert.“ (Instrumentum 129) Dominosystem programmiert? Man kann also erwarten, dass die Bischöfe auf der Synode dem Papst die Ordination von bewährten Personen (personae probatae) vorschlagen werden. Der Papst wird ihnen das zugestehen.

Das Ende des Priestermangels naht – zunächst im Regenwald. Im Dominosystem kann sich die Entwicklung in die weite Weltkirche fortsetzen. Kirchenreform erfolgt von unten. Die Zeit des stagnierenden Panikzentralismusʼ geht zu Ende. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Franz Josef Bode sagte in einem ARD-Interview vom 23. April 2019: „Wenn irgendwo in der Welt diese Möglichkeit gegeben ist, dann darf man sich nichts vormachen. Man wird sagen: Wenn es grundsätzlich geht, dann muss es auch in Situationen gehen, wo die Not zwar anders ist, dann wird man das nicht genau so begründen, aber dann werden wir uns danach fragen müssen. Das ist ja ganz klar. Es wird nicht ruhig bleiben.“

Der Autor ist Pastoraltheologe und lebt in Wien

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