Amazonien-Synode - Neben ökologischen Fragen geht es dabei auch um die Eucharistiefähigkeit der Gemeinden am Amazonas – aber auch anderswo (Bild: Xingu-Indianer aus der Diözese von<br />
Bischof Kräutler). - © picturedesk.com / DPA / Joedson Alves (Xingu-Indianer aus der Diözese von Bischof Kräutler)
Religion

Sehnsucht nach Wandlung

1945 1960 1980 2000 2020

Am Sonntag beginnt in Rom die Bischofssynode zu Amazonien. Neben den bedrängenden Fragen um die Erhaltung des Lebensraums geht es auch um die Eucharistiefähigkeit von Gemeinden.

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Am Sonntag beginnt in Rom die Bischofssynode zu Amazonien. Neben den bedrängenden Fragen um die Erhaltung des Lebensraums geht es auch um die Eucharistiefähigkeit von Gemeinden.

Was verbindet Lothar Zenetti und Erwin Kräutler? Die Sorge um die Eucharistie – und die Sehnsucht nach Wandlung. Der am 24. Februar im Alter von 93 Jahren verstorbene Frankfurter Dichterpfarrer hatte für sich Lyrik als verknappte Form entdeckt, um kirchliche Themen auf den Punkt zu bringen oder aufs Korn zu nehmen.

Vielleicht, weil der Medienprofi Lothar Zenetti jahrzehntelang in der Gemeindeseelsorge tätig war, hat er zeitlebens auch darauf hingewiesen, dass Katholiken zwar über die Wandlung Bescheid wissen, aber oft ohne konkrete Folgen für die eigene Verwandlung. Oft zitiert wird sein Gedicht Inkonsequent! aus 1972: Frag hundert Katholiken / was das Wichtigste ist / in der Kirche. / Sie werden antworten: / Die Messe. // Frag hundert Katholiken / was das Wichtigste ist / in der Messe. / Sie werden antworten: / Die Wandlung. // Sag hundert Katholiken / dass das Wichtigste in / der Kirche die Wandlung ist. / Sie werden empört sein: / Nein, alles soll bleiben / wie es ist!

Dass wir hierzulande – und auf anderen Kontinenten wie etwa Lateinamerika noch viel dramatischer – auf einen Eucharistie-Notstand zugehen, hat Zenetti noch selbst erlebt. Nicht bloß, weil es an Priestern fehlt, sondern auch, weil vor allem das Hochgebet oft nur ein Ritual darstellt, das eben irgendwie zur Messe dazugehört. Ob es uns nochmals gelingen wird, der feiernden Gemeinde zu vermitteln, dass die Texte nach der Wandlung etwa im Zweiten Kanon den Weg zeigen, wie diese Verwandlung geschehen kann?

„Entwöhnung“ von der Eucharistie

Was hat das mit dem austrobrasilianischen Missionar und Ordensmann Erwin Kräutler zu tun? Auch nach 2015, seiner Emeritierung als Bischof der Prälatur Xingu, ist er weiterhin am Amazonas tätig. Seit vielen Jahren macht er darauf aufmerksam, dass es eine schleichende „Entwöhnung“ von der Eucharistie gibt. 90 Prozent seiner Gemeinden, so Kräutler, können am Sonntag nicht regelmäßig Eucharistie feiern. 70 Prozent sogar nur drei Mal pro Jahr – weil es so wenige Priester gibt.

Ein Aha-Erlebnis öffnete dem volksnahen Bischof („Dom Erwin“) die Augen: Als er einmal zur Einweihung einer kleinen Kirche in einer abgelegenen Pfarrei eigens anreiste, um damit seine Wertschätzung auszudrücken, fehlte der Altar. Kräutler stutzte. Die Feier der Eucharistie sei doch das Zentrum des Lebens einer Gemeinde. Eine Gemeindeleiterin meinte darauf: Wir haben nur zwei bis drei Mal pro Jahr eine Eucharistiefeier, dafür können wir auch einen Tisch hereintragen. Wohin entwickelt sich Kirche, so fragt Kräutler, wenn eine Eucharistiefeier die absolute Ausnahme wird? Wenn Kinder und Jugendliche Eucharistie nur mehr als Ausnahmefall wahrnehmen? Wandlung – und Verwandlung: Was heißt das unter solchen Umständen? Wo sie nicht mehr erlebt wer­den, schläft auch die Sehnsucht danach ein.

Kräutler hat diese immer dramatischer werdende Situation in Rom wiederholt vorgebracht. Der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger antwortete ihm auf die Frage, ob man nicht die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt ändern könne, um die Feier der Eucharistie zu gewährleis­ten, der Zölibat habe eine jahrhundertelange Tradition. Die könne man nicht von heute auf morgen ändern. Zum Papst gewählt, erwiderte Benedikt XVI., als Kräutler auf denselben Umstand hinwies: Beten Sie für mehr Priesterberufungen! Als Kräutler im April 2014 erstmals mit Papst Franziskus zusammentraf, forderte ihn dieser hingegen auf: „Machen Sie mutige Vorschläge!“

Das tat und das tut Dom Erwin, der an der am 6. Oktober beginnenden Amazonas-Synode teilnimmt und zum Vorbereitungskomitee gehörte. Seit Jahren plädiert er für geänderte Zulassungsbedingungen zum Weiheamt und spricht sich für „personae probatae“ aus: in Leben, Familie und Beruf bewährte Personen, die für eine einzelne Gemeinde beauftragt und zu Priestern geweiht werden können. Andernfalls, so Kräutler, werden Gemeinden auf Jahre hin­aus von der Eucharistie entwöhnt. Seine Minimalforderung für die Synode: Diakoninnen.

Dieses Plädoyer bedeutet nicht eine Geringschätzung des Zölibats als einer bewährten priesterlichen Lebensform. Und sie läuft auch nicht auf eine Abschaffung des Zölibats hinaus, wie bischöfliche und andere Bedenkenträger meinen. Ein solches Plädoyer hofft, dass der Pflichtzölibat, der ja ein Kirchengesetz und nicht göttliches Recht ist, freigestellt wird – damit es in Zukunft genügend Männer gibt (wenn man schon „bewährte Personen“, also bewährte Männer und Frauen, umgehen und die Frauenordination weiterhin abblocken will), die einer Eucharistie vorstehen können. „Im Bedarfsfall“, meinte der melkitische Patriarch Maximos IV. Saigh von der griechisch-katholischen Kirche, der am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahm, „muss nicht das Priestertum dem Zölibat, sondern der Zölibat dem Priestertum geopfert werden.“

„Mutige Vorschläge“ weiter gefragt

Das Wichtigste in jeder Eucharistiefeier ist die Wandlung: von Brot und Wein, aber auch unsere eigene Verwandlung. Wo die Gelegenheit dazu zur Ausnahme wird, fehlt eine der wichtigsten Erfahrungen der Kirche. Sie verschwindet. Die Sorge um die Eucharistie – jenseits aller Fragen um die Eucharistiefähigkeit des einzelnen Feiernden und einer Gemeinde – und die Sehnsucht, ja der Hunger nach (Ver-)Wandlung provozieren geradezu „mutige Vorschläge“ – auf der Amazonas-Synode, aber nicht nur dort. Karl Rahner sprach vor Jahrzehnten vom „Tutiorismus des Wagnisses“. Papst Franziskus kennt das von dem südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger (* 1929) und dem Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner seit Jahren propagierte Modell. Bringt er den Mut auf, für diese Richtung zu werben?

Was verbindet Lothar Zenetti und Erwin Kräutler? Die Sorge um die Eucharistie – und die Sehnsucht nach Wandlung. Der am 24. Februar im Alter von 93 Jahren verstorbene Frankfurter Dichterpfarrer hatte für sich Lyrik als verknappte Form entdeckt, um kirchliche Themen auf den Punkt zu bringen oder aufs Korn zu nehmen.

Vielleicht, weil der Medienprofi Lothar Zenetti jahrzehntelang in der Gemeindeseelsorge tätig war, hat er zeitlebens auch darauf hingewiesen, dass Katholiken zwar über die Wandlung Bescheid wissen, aber oft ohne konkrete Folgen für die eigene Verwandlung. Oft zitiert wird sein Gedicht Inkonsequent! aus 1972: Frag hundert Katholiken / was das Wichtigste ist / in der Kirche. / Sie werden antworten: / Die Messe. // Frag hundert Katholiken / was das Wichtigste ist / in der Messe. / Sie werden antworten: / Die Wandlung. // Sag hundert Katholiken / dass das Wichtigste in / der Kirche die Wandlung ist. / Sie werden empört sein: / Nein, alles soll bleiben / wie es ist!

Dass wir hierzulande – und auf anderen Kontinenten wie etwa Lateinamerika noch viel dramatischer – auf einen Eucharistie-Notstand zugehen, hat Zenetti noch selbst erlebt. Nicht bloß, weil es an Priestern fehlt, sondern auch, weil vor allem das Hochgebet oft nur ein Ritual darstellt, das eben irgendwie zur Messe dazugehört. Ob es uns nochmals gelingen wird, der feiernden Gemeinde zu vermitteln, dass die Texte nach der Wandlung etwa im Zweiten Kanon den Weg zeigen, wie diese Verwandlung geschehen kann?

„Entwöhnung“ von der Eucharistie

Was hat das mit dem austrobrasilianischen Missionar und Ordensmann Erwin Kräutler zu tun? Auch nach 2015, seiner Emeritierung als Bischof der Prälatur Xingu, ist er weiterhin am Amazonas tätig. Seit vielen Jahren macht er darauf aufmerksam, dass es eine schleichende „Entwöhnung“ von der Eucharistie gibt. 90 Prozent seiner Gemeinden, so Kräutler, können am Sonntag nicht regelmäßig Eucharistie feiern. 70 Prozent sogar nur drei Mal pro Jahr – weil es so wenige Priester gibt.

Ein Aha-Erlebnis öffnete dem volksnahen Bischof („Dom Erwin“) die Augen: Als er einmal zur Einweihung einer kleinen Kirche in einer abgelegenen Pfarrei eigens anreiste, um damit seine Wertschätzung auszudrücken, fehlte der Altar. Kräutler stutzte. Die Feier der Eucharistie sei doch das Zentrum des Lebens einer Gemeinde. Eine Gemeindeleiterin meinte darauf: Wir haben nur zwei bis drei Mal pro Jahr eine Eucharistiefeier, dafür können wir auch einen Tisch hereintragen. Wohin entwickelt sich Kirche, so fragt Kräutler, wenn eine Eucharistiefeier die absolute Ausnahme wird? Wenn Kinder und Jugendliche Eucharistie nur mehr als Ausnahmefall wahrnehmen? Wandlung – und Verwandlung: Was heißt das unter solchen Umständen? Wo sie nicht mehr erlebt wer­den, schläft auch die Sehnsucht danach ein.

Kräutler hat diese immer dramatischer werdende Situation in Rom wiederholt vorgebracht. Der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger antwortete ihm auf die Frage, ob man nicht die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt ändern könne, um die Feier der Eucharistie zu gewährleis­ten, der Zölibat habe eine jahrhundertelange Tradition. Die könne man nicht von heute auf morgen ändern. Zum Papst gewählt, erwiderte Benedikt XVI., als Kräutler auf denselben Umstand hinwies: Beten Sie für mehr Priesterberufungen! Als Kräutler im April 2014 erstmals mit Papst Franziskus zusammentraf, forderte ihn dieser hingegen auf: „Machen Sie mutige Vorschläge!“

Das tat und das tut Dom Erwin, der an der am 6. Oktober beginnenden Amazonas-Synode teilnimmt und zum Vorbereitungskomitee gehörte. Seit Jahren plädiert er für geänderte Zulassungsbedingungen zum Weiheamt und spricht sich für „personae probatae“ aus: in Leben, Familie und Beruf bewährte Personen, die für eine einzelne Gemeinde beauftragt und zu Priestern geweiht werden können. Andernfalls, so Kräutler, werden Gemeinden auf Jahre hin­aus von der Eucharistie entwöhnt. Seine Minimalforderung für die Synode: Diakoninnen.

Dieses Plädoyer bedeutet nicht eine Geringschätzung des Zölibats als einer bewährten priesterlichen Lebensform. Und sie läuft auch nicht auf eine Abschaffung des Zölibats hinaus, wie bischöfliche und andere Bedenkenträger meinen. Ein solches Plädoyer hofft, dass der Pflichtzölibat, der ja ein Kirchengesetz und nicht göttliches Recht ist, freigestellt wird – damit es in Zukunft genügend Männer gibt (wenn man schon „bewährte Personen“, also bewährte Männer und Frauen, umgehen und die Frauenordination weiterhin abblocken will), die einer Eucharistie vorstehen können. „Im Bedarfsfall“, meinte der melkitische Patriarch Maximos IV. Saigh von der griechisch-katholischen Kirche, der am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahm, „muss nicht das Priestertum dem Zölibat, sondern der Zölibat dem Priestertum geopfert werden.“

„Mutige Vorschläge“ weiter gefragt

Das Wichtigste in jeder Eucharistiefeier ist die Wandlung: von Brot und Wein, aber auch unsere eigene Verwandlung. Wo die Gelegenheit dazu zur Ausnahme wird, fehlt eine der wichtigsten Erfahrungen der Kirche. Sie verschwindet. Die Sorge um die Eucharistie – jenseits aller Fragen um die Eucharistiefähigkeit des einzelnen Feiernden und einer Gemeinde – und die Sehnsucht, ja der Hunger nach (Ver-)Wandlung provozieren geradezu „mutige Vorschläge“ – auf der Amazonas-Synode, aber nicht nur dort. Karl Rahner sprach vor Jahrzehnten vom „Tutiorismus des Wagnisses“. Papst Franziskus kennt das von dem südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger (* 1929) und dem Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner seit Jahren propagierte Modell. Bringt er den Mut auf, für diese Richtung zu werben?

Wir kommen um neue Wege der Gemeinde­leitung auch nicht herum, wenn 100 Katholiken, 20 Kardinäle oder 50 Bischöfe empört sind und wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.

Es ist fünf vor Zwölf. Um innovative Wege der Gemeindeleitung kommen wir nicht länger herum, auch um à la longue die Eucharistiefeier (als Normal-, nicht als Ausnahmefall) zu gewährleisten. Wir kommen auch dahin nicht darum herum, wenn 100 Katholiken, 20 Kardinäle oder 50 Bischöfe empört sind und wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, und sich absolut keine Änderung vorstellen können. Die Amazonas-Synode beschäftigt sich zuerst mit Themen, die dort relevant sind. Aber es könnten von ihr auch Impulse für die Weltkirche ausgehen.

Der Autor ist Jesuit und Publizist. Er lebt in München