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Kopf und Kragen riskieren

Er kann sich in Brasilien nicht frei bewegen - sein Leben ist seit Jahrzehnten bedroht. Das hält Dom Erwin Kräutler nicht davon ab, gegen das Unrecht in Amazonien anzukämpfen.

Es sei bewundernswert, "mit welchem Engagement er sich trotz aller Gefahren für Indianer, für Landlose und Kleinbauern einsetzt": Bei bei ihrer Herbstkonferenz gratulierten auch Österreichs Bischöfe Erwin Kräutler zum alternativen Nobelpreis. Für den Austrobrasilianer bedeutet der Preis die fällige internationale Anerkennung.

Die Furche: Am 6. Dezember wird Ihnen der Right Livelihood Award verliehen. Was machen Sie mit den 50.000 Euro?

Dom Erwin Kräutler: In der Begründung heißt es, ich habe den Preis für meinen Einsatz für die indigenen Völker, die Mitwelt, also das Amazonasgebiet, und die Menschenrechte bekommen. Diese Arbeit werden wir weiterführen. Wir haben ein Haus für Mütter und Kinder, Rechtsbeistand für Leute, die vertrieben werden sollen. Vor allem diese Ausgaben sind sehr hoch. Xingú ist ja die größte Diözese von Brasilien. Für Projekte und Gehälter brauchen wir monatliche 80.000 Euro. Nicht alles Geld kommt aus Europa. In Brasilien gibt es zwar keinen Kirchenbeitrag, aber Selbstbesteuerung. Der größte Teil wird von Menschen aufgebracht, die mich kennen und meinen Einsatz unterstützen.

Die Furche: Worum konkret geht es bei der Rechtshilfe?

Kräutler: Erstens Siedler gegen Großgrundbesitzer. Viele von denen haben einfach Gebiet in Anspruch genommen und lassen die Siedler vertreiben. Zweitens: die Verteidigung der Indianergebiete. Das Dritte ist die Verletzung von Menschenrechten und Menschenwürde. Da kann ich nicht einfach ins Fernsehen gehen, da muss ich gerichtlich Anklage erheben. Die Anwälte, die wir bezahlen, riskieren oft Kopf und Kragen.

Die Furche: Wie viele Prozesse gehen in Ihrem Sinne aus?

Kräutler: Wenige. Leider Gottes stimmt es, dass die Justiz zu den Großgrundbesitzern tendiert. Aber die Leute, die an der Transamazonica leben, wurden vom Staat angesiedelt. Die Großgrundbesitzer sind dann eingedrungen.

Die Furche: Sie stehen seit vier Jahren ja selbst unter Polizeischutz. Warum?

Kräutler: Da ging es um Misshandlung und sexuellen Missbrauch. Mädchen im Alter von etwa zwölf Jahren wurden von der Schule abgefangen und zu einem Landgut gebracht. Dort hat man ihnen Drogen und Alkohol eingeflößt und sie missbraucht. Grausam. Die Opfer sind zur Polizei gegangen und es ist nichts passiert. Dann kamen sie zu mir. Ich habe die Behörden informiert, bin bis zum Justizminister und Sekretariat für Menschenrechte, das direkt dem Präsidenten unterstellt ist. Ich habe vier Stunden ausgesagt. Einer wurde sofort verhaftet. Es ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt: Der Bischof hat angeklagt. Die Schuldigen wurden festgenommen und zum Teil verurteilt, sind aber heute wieder frei. Seit 2006 stehe ich unter Polizeischutz, rund um die Uhr. Die wohnen in meinem Haus, ich mache keinen Schritt ohne sie. Ich fahre nicht mehr selber, einer sitzt hinter mir und ein Polizeiauto fährt hinten nach. Schon eigenartig: Die Verbrecher sind frei und ich bin gefangen im eigenen Haus.

Die Furche: Auch mit Ihrem Kampf gegen das Kraftwerk Belo Monte am Rio Xingú haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Kräutler: Es gibt Zeitungen, die schreiben: Solange dieser Bischof da ist, wird Belo Monte nicht zustande kommen. Ich habe diesen Einfluss nicht. Aber Unternehmer oder Investoren meinen, dass der Bischof der Hemmschuh ist, weil er sich für die Indios, gegen die Brandrodung und Zerstörung Amazoniens einsetzt. Also kamen die Drohungen: "Der Bischof muss eliminiert werden."

Die Furche: Belo Monte ist vorläufig gestoppt.

Kräutler: Das kann man so nicht sagen. Zurzeit laufen 15 Prozesse wegen Verfassungsbruchs; ich weiß nicht, wie die ausgehen werden. Noch-Präsident Lula hat grünes Licht gegeben. Aber es ist fraglich, ob er dazu das Recht hat. Die erforderlichen Anhörungen waren nicht ordnungsgemäß. Wir haben 27 Anhörungen von betroffenen Familien verlangt, etwa 30.000 Menschen. Nur vier sind davon durchgeführt worden, dass dem Ritual des Gesetzes Genüge getan wird. Die indigenen Völker, die laut Verfassung angehört werden müssen, wurden nicht beachtet. Wenn es um die Ressourcennutzung in indigenen Gebieten geht, dann muss eine Sondergesetzgebung verabschiedet werden. Das ist auch nicht passiert. Die Politik will das auf Biegen und Brechen durchziehen, obwohl mir Lula das Gegenteil versprochen hat. Bischof Erwin, hat er gesagt, du kannst damit rechnen, dass dieses Projekt den Leuten nicht in den Schlund gestopft wird. Ich werde es nur genehmigen, wenn es erwiesenermaßen allen Menschen in Amazonien Vorteile bringt.

Die Furche: Sie leiten auch den Indianermissionsrat CIMI. Was muss man sich heute unter Indianermission vorstellen?

Kräutler: Es geht nicht darum, dass die indigenen Völker Objekt unserer karitativen Tätigkeit sind. Wir wollen ihre Rechte verteidigen, ihre Anliegen vertreten. Wir möchten die umliegende Bevölkerung überzeugen, dass die Indianer Verfassungsrechte haben. Das haben wir 1987 in der Verfassunggebenden Versammlung erreicht. Die waren ja vorher Kleinkindern gleichgesetzt und hatten keinen Reisepass.

Die Furche: Sind die alle katholisch?

Kräutler: Die meisten nicht, die haben ihre Naturreligion.

Die Furche: Das ist also kein Kriterium für die Pastoralarbeit?

Kräutler: Es geht um ihr Recht auf Leben, auf ihr angestammtes Gebiet. Ich frage nicht zuerst, ob jemand katholisch ist. Ich verweigere niemandem, katholisch zu werden, aber ich verlange nicht, dass sie Christen sind.

Die Furche: Der Vatikan sieht da such so?

Kräutler: Da bin ich jetzt überfragt. Ich kann einem Toten kein Evangelium verkünden. Das weiß ich. Im II. Vatikanum gibt es eine wunderbare Stelle im Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche: Die Kirche hat den Auftrag, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen. Mit der Verkündigung sind wir heute nicht mehr so eingestellt, dass die Indios keine Religion haben. Sie haben eine Religion und Gottesvorstellung. Die Mission geht von ihrer jeweiligen Kultur aus. Es geht nicht darum, ihnen das Christentum im abendländischen Gewand überzustülpen, sondern von dort auszugehen, was sie selber glauben.

Die Furche: Sie sind seit 45 Jahren in der Xingú-Prälatur. Die haben sie gewissermaßen von Ihrem Onkel Erich Kräutler geerbt.

Kräutler: Na ja. Er hat mich nicht vorgeschlagen. Er hat unter den Priestern und Laien am Xingú eine Umfrage gemacht. Jeder konnte in einem geschlossenen Kuvert einen Namen nennen, den er sich als Nachfolger für ihn wünscht. Ob das mit dem Kirchenrecht vereinbar war, weiß ich nicht. Jedenfalls wurde ich gewählt. Ich war schon 15 Jahre als Priester dort. .

Die Furche: Kürzlich hat Ihnen Ihre Heimatgemeinde Koblach in Vorarlberg die Ehrenbürgerschaft verliehen. Ist das noch schöner als der alternative Nobelpreis?

Kräutler: Man kann das schwer vergleichen. Koblach geht zu Herzen. Meine Vorfahren sind alle von dort. Der alternative Nobelpreis ist die internationale Anerkennung von einer Organisation, die weltweit einen guten Namen hat. Das ist sehr wichtig und das habe ich auch in Brasilien gespürt. In den Medien wurde es so vermittelt: "Der entschiedene Gegner von Belo Monte, Bischof Erwin Kräutler, wurde ausgezeichnet wegen seines Einsatzes für Indigene, Mitwelt, Amazonien, Menschenrechte."

Die Furche: Das hilft?

Kräutler: Für mich war es eine Rückendeckung. Meine Anliegen sind zwar in Brasilien bekannt, aber jetzt auch international honoriert. Lula hat das sicher gleich erfahren.

* Das Gespräch führte Ralf Leonhard

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