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Überfluss und ärgster Mangel

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Schäumende Bäche, die über Steine und Felsen rauschen, sowie große Wassermassen transportierende Ströme sind für die Bewohner großer Gebiete der Erde Bilder aus einer fremden Welt.

Und dabei sind die Wasservorräte auf der Erde enorm. Sie belaufen sich auf die unfassbar riesige Menge von insgesamt 1,1 Milliarden Kubikkilometer. Allerdings füllt der Großteil davon, nämlich 97,5 Prozent, die Meere und Ozeane des blauen Planeten. Nur der Rest, das Süßwasser, ist für menschlichen Genuss und unmittelbare wirtschaftliche Verwertung geeignet.

Davon wiederum sind jedoch 70 Prozent in Form von Eis - vor allem in den Polargebieten - gebunden. Was dann noch überbleibt - es sind immerhin 8,25 Millionen Kubikkilometer -, ist auf Flüsse und Seen sowie auf Grundwasserbestände verteilt. Bei letzteren handelt es sich um Wasser, das dicht unter der Erdoberfläche, aber auch bis in größere Tiefen, die Hohlräume der Erdkruste ausfüllt. Aus ihm wird weltweit und seit jeher das Brunnenwasser geschöpft.

Eines muss man allerdings feststellen: Dieses nutzbare Wasser ist auf der Erde geografisch äußerst ungleich verteilt: Sechs Länder, nämlich Brasilien, Russland, Kanada, China, Indien und die USA verfügen über 40 Prozent des Wassers aus Flüssen, Seen und unterirdischen Reservoirs. Menschen hingegen, die in den am wenigsten mit Wasser versorgten 40 Prozent der Erdoberfläche leben, müssen sich mit insgesamt nur zwei Prozent der Gesamtmenge begnügen. Was für ein Ungleichgewicht!

Bedingt durch klimatische Veränderungen, vor allem aber auch durch geänderte Produktionsmethoden und ein aufwändigeres Konsumsverhalten gehört Wassermangel für eine wachsende Zahl von Erdenbewohnern heute zum Alltag.

Litten in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nur etwa zwölf Länder der Erde mit rund 20 Millionen Einwohnern unter Wassermangel, so hat sich deren Zahl mittlerweile dramatisch auf 500 Millionen und 26 Länder erhöht (siehe auch Seite 14). Und die Tendenz ist weiterhin steigend.

Schätzungen der uno zufolge könnte 2025 schon jeder dritte Einwohner der Erde von Dürre und Wassermangel betroffen sein. Besonders alarmierend ist die Situation in Ostafrika, der Sahelzone und in weiten Gebieten Zentralasiens. Das riesige Algerien, Mauretanien, Tunesien, die Mongolei, Jemen, Saudi-Arabien verfügen nur über Bruchteile der Wassermenge, die Österreich zu Verfügung steht (Seite 17).

Begünstigtes Europa

Europa ist, was die Wasserversorgung anbelangt, sehr begünstigt. Die Niederschläge sind im Allgemeinen relativ gleichmäßig über das Jahr verteilt. Außerdem fällt ein Teil davon in Form von Schnee. Das bringt den Vorteil, dass das Wasser nicht sofort abrinnt, sondern langsam versickert und zeitverzögert zur Verfügung steht, was eine intensivere Form der Nutzung des Wassers durch den Boden begünstigt.

Anders jedoch in vielen anderen Regionen der Erde: Dort sind die Regenfälle oft auf relativ kurze Perioden des Jahres konzentriert. Diese Tatsache macht den Umgang mit dem Wasser schwierig. Einerseits kommt es - etwa in der Periode der Monsunregen - zu schweren Regenfällen, die gefährliche Hochwasser auslösen können. In diesen Zeiten muss aber schon Vorsorge für anschließende, oft lange Dürreperioden getroffen werden.

Die Verdrängung traditioneller landwirtschaftlicher Anbaumethoden - sie tragen im Allgemeinen den jeweiligen klimatischen Gegebenheiten Rechnung - durch die moderne Landwirtschaft macht eine solche Vorsorge schwieriger, weil moderne Anbaumethoden wesentlich mehr Wasser verbrauchen. Daher fließen laut Welternährungsorganisation fao derzeit 70 Prozent des von Menschen genutzten Wassers - weltweit derzeit viermal so viel wie vor 50 Jahren - in die Landwirtschaft.

Dieser steigende Verbrauch hat auch dazu beigetragen, dass Fragen der Wassernutzung zunehmend internationale Spannungen hervorrufen. Besonders konfliktträchtig ist die Situation am Jordan, am Ganges, am Nil, sowie an Euphrat und Tigris.

Konflikt ums Wasser

Diese beiden Flüsse entspringen in der Türkei und sind von entscheidender Bedeutung für die Wasserversorgung sowohl der Türkei wie der stromabwärts gelegenen Länder Syrien und Irak. Nun hat die Türkei eine Reihe von Staudämmen am Euphrat gebaut. Auf diese Weise hat sie Einfluss auf die Wasserversorgung der übrigen Anrainer-Staaten gewonnen und kann so politischen Druck ausüben.

Das türkische Projekt, nun bei Ilisu auch am Tigris ein Kraftwerk zu bauen, wird daher von den beiden anderen Anrainerstaaten als eminente Bedrohung empfunden, umso mehr als nun auch dieser Fluss im großen Stil für landwirtschaftliche Bewässerung in der Türkei herangezogen werden wird. Spannungen bestehen ja schon jetzt auch zwischen dem Irak und Syrien, das ihm große Wassermengen für Baumwollplantagen entnimmt, was wiederum zur Verringerung des Wasserangebots im Irak geführt hat.

Und Flusswasser ist für viele Länder der Dritten Welt von entscheidender Bedeutung als wichtigste Wasserquelle. Es wird nämlich auch - im Gegensatz zur Situation in den meisten europäischen Staaten - zur Versorgung mit Trinkwasser herangezogen, was übrigens äußerst problematisch ist, weil mit ärgsten gesundheitlichen Risken verbunden.

Erst kürzlich hat ein who-Bericht beklagt, dass jährlich 1,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren vor allem durch verseuchtes Trinkwasser und unzureichende sanitären Anlagen an Durchfall-Erkrankungen sterben.

Eine Sanierung der Wasserversorgung kommt nicht nur daher in der Dritten Welt höchste Priorität zu. Auch wäre da einiges zu holen - das ergab jedenfalls eine Untersuchung des "World Resources Institute" in den usa: Ansatzpunkte sollten primär die mangelhaften Leitungssysteme der großen Agglomerationen sein, in denen Unmengen wertvollen Wassers verloren gehen. Denn zusammen mit dem, was auf den bewässerten Feldern ungenutzt verdampft, ergeben sich da Verluste von rund 50 Prozent des Trinkwassers. Neue Technologien könnten hier signifikante Verbesserungen bringen. So lassen sich durch gezielte Maßnahmen bis zu 60 Prozent des Wasserverbrauchs der Landwirtschaft einsparen.

Trotz aller Bemühungen wird eines allerdings sicher nicht möglich sein: Den Wasserverbrauch weltweit auf das europäische Niveau (150 bis 250 Liter pro Kopf und Tag) oder gar auf das us-amerikanische (425 Liter) anzuheben.