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Mit 10 Prozent auskommen

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Politisch wird für die Umwelt zwar einiges getan, es fehlt aber der Mut zu Weichenstellungen, die ein nachhaltiges Wirtschaften bewirken.

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Politisch wird für die Umwelt zwar einiges getan, es fehlt aber der Mut zu Weichenstellungen, die ein nachhaltiges Wirtschaften bewirken.

Ein guter Tip zum Weihnachtsfest von der Altpapier-Recycling-Organisation flatterte kürzlich auf meinen Schreibtisch: Sperrige Kartons und Verpackungen seien vor dem Entsorgen zu falten oder mit Zeitungen zu füllen, damit die Papier-Sammelcontainer nach der Bescherung nicht übergehen. Ein Appell an die sammelfreudigen Österreicher. Jahr für Jahr bestätigen uns Jubelmeldungen, daß wir als Papiesammler international Spitze sind. An sich erfreulich. Aber vor lauter Recycling-Glück übersieht man gefließentlich, daß Müllvermeidung das zentrale Anliegen sein müßte.

Eigentlich geht es darum, materialsparende Produktions- und Konsumverfahren durchzusetzen, damit die Stoffströme durch unsere Wirtschaft nicht weiter wachsen - und mit ihnen die Abgaswolken und Abfallberge. Erst kürzlich vermerkte das Statistische Zentralamt in einer Aussendung: "Die Abfälle der Haushalte nehmen mit all ihren Teilmengen ... zu und betragen 1997 durchschnittlich 477 Kilo pro Einwohner." Und an der Tatsache, daß immer mehr Treibhausgase in die Luft geblasen werden, hat sich trotz Kyoto und Buenos Aires nichts geändert.

Zwar haben wir Jahrzehnte enormer technischer Entwicklungen hinter uns. Diese fanden ihren Niederschlag aber vor allem in einer stark gestiegenen Arbeitsproduktivität. Mit der Arbeitskraft wird in unserer Wirtschaft sparsam umgegangen, immer sparsamer. Relativ locker aber ist man beim Einsatz der Ressourcen. Manche von ihnen - Luft und Wasser etwa - stehen fast oder ganz umsonst zur Verfügung. Und die meisten Rohstoffe - typische Beispiele sind Erdöl und Erdgas - sind zum großen Leidwesen der Rohstoffproduzenten (meist Länder der Dritten Welt) viel zu billig, um aufwendige, technische Neuerungen zu deren Einsparung zu rechtfertigen.

Natürlich gab es auch auf dem Materialsektor Verbesserung. Das zu leugnen, wäre unsinnig. Aber mangels entsprechender Anreize sind wir weit davon entfernt, auch nur annähernd die Möglichkeiten auf diesem Gebiet auszuschöpfen. Und so werden nach wie vor enorme Mengen an Material durch die Wirtschaft geschleust: In Österreich beachtliche 221 Millionen Tonnen pro Jahr (80 Kilo pro Person und Tag). Und in diesen Zahlen sind weder die Unmengen an Wasser und Luft, die genutzt werden, berücksichtigt (sie machen 95 Prozent der gesamten Stoffnutzung aus).

Nicht nur die Menge der Stoffe bereitet aber Probleme, sondern auch ihre Vielzahl. Eine äußerst potente Forschung vermehrt nämlich laufend die Zahl der Verfahren und Produkte, die sehr spezialisierte Aufgaben zu lösen gestatten. So wächst die Zahl chemischen Verbindungen, die in den Kreislauf lebendiger Austauschprozesse in der Natur eingebracht werden ins Unermeßliche. Welche Reaktionen diese Stoffe untereinander eingehen und wie sie auf die Lebewesen wirken, ist weitgehend undurchschaut.

Die Anzeichen dafür, daß einiges davon unverträglich ist, sind längst unübersehbar. Die Stichworte dazu lauten: Artensterben, Multiple Chemische Sensibilität (Furche 27/1998), Allergien, Krebs (Furche 51/1998)... Ein wirkliches Alarmsignal ist die erst in letzter Zeit erkannte hormonähnliche Wirkung einer Reihe von Chemikalien (Furche 47/1998).

Ganz unberücksichtigt bleiben diese Signale nicht. Aber was heute als Umweltschutz gehandelt wird, sind vor allem Maßnahmen, die darauf abzielen, die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern: Filter verringern Luft- und Wasserverschmutzung, das Sammeln und Wiederverwerten von Altpapier senkt das Anwachsen der Müllberge, Schadstoff-Grenzwerte vermeiden Extrembelastungen. Aber der Materialfluß selbst, seine Vielfalt und Bedrohlichkeit werden nicht wirklich reduziert.

Sparen beim Energie- und Materialeinsatz Daher ist an eine Forderung zu erinnern, die man gar nicht oft genug wiederholen kann: Der Energie- und Materialdurchsatz durch die Wirtschaft ist zu reduzieren und umweltverträglicher zu machen - und zwar drastisch. Experten sprechen von einer Halbierung der weltweiten Stoffströme. Nun hat aber der Ressourcenverbauch im wesentlichen seinen Ursprung in den Industrieländern: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen. Daher werden sich die reichen Länder, um den armen Spielraum für eine Verbesserung ihrer Situation zu eröffnen, mit dem Gedanken auf eine noch drastischere Reduzierung anfreunden müssen. Friedrich Schmidt-Bleek, bis 1997 Professor am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und Präsident des "Factor 10 Club", fordert für die Industrieländer eine Reduzierung auf ein Zehntel.

Das klingt zunächst vollkommen unrealistisch. Es wäre aber zu verwirklichen, wollte man die Herausforderung wirklich annehmen und das Problem umfassend und auf verschiedenen Ebenen lösen. Mögliche Einsparungen illustriert Schmidt-Bleek am Beispiel des zweisitzigen Citycars als Ersatz für heutige Pkws: * Bei der Erzeugung und beim Transport der für seine Herstellung verwendeten Werkstoffe ließe sich der Stoffeinsatz halbieren und bei seiner Produktion selbst könnte man 25 Prozent einsparen. Das würde insgesamt eine Verringerung auf ein Drittel bedeuten.

* Gezielte Anstrengungen zur Erhöhung der Lebensdauer des Fahrzeugs könnten eine gleichgroße Wirkung ergeben.

* Bemüht man sich außerdem um die Einrichtung eines vernünftigen Systems des Car Sharing, so wäre eine weitere Halbierung des Bedarfs an automobilen Transportmitteln in der Stadt erreichbar, insgesamt also eine Verringerung auf etwa fünf Prozent des Ausgangswertes.

Klingt gut, ist aber unrealistisch, wird es heißen. Man könne sich solche Maßnahmen wirtschaftlich nicht leisten, wird der Einwand lauten. Fragt sich nur: Wann, wenn nicht nach mehr als fünfzigjährigem ununterbrochenem Aufschwung, kann man sich dann überhaupt eine Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften leisten? Oder bleibt dieses überlebenswichtige Anliegen ein Thema nur für Sonntagsreden?

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