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"Ansonsten droht uns der Klimakollaps“

Wieviel Zeit bleibt noch, bevor das globale Klima völlig aus den Fugen gerät? Wie halten es die großen Industrie- und Schwellenländer mit ihrer globalen Verantwortung? Und welche Rolle spielt dabei Österreich? Darüber diskutieren Klimaforscher Stefan P. Schleicher, die grüne Klima- und Energiesprecherin Christiane Brunner sowie Greenpeace Österreich-Chef Alexander Egit.

Die Furche: Welches Fazit ziehen Sie nach dem Klimagipfel?

Christiane Brunner: Warschau war meine fünfte Klimakonferenz und hat meinen Eindruck bestätigt: Man kann nicht erwarten, dass wir dort in zwei Wochen dasWeltklima retten. Das Problem ist, dass dazwischen die Hausaufgaben nicht gemacht werden - auch von Öster-reich und der EU nicht. Es ist klar, dass Entwicklungsländer, die von Stürmen oder Überflutungen betroffen sind, nicht bereit sind, Zugeständnisse zu machen - solange Industrienationen nicht bereit sind, sich zu ordentlichen Reduktions-Senkungen zu verpflichten und finanzielle Zusagen zu machen.

Die Furche: Wieviel Verantwortung übernehmen die Schwellenländer?

Stefan P. Schleicher: Das Gesprächsklima bei den Klimakonferenzen hat sich verschlechtert. Was 1997 noch alles möglich war bei der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls! Die größten Schadstoff-Produzenten, also China, die USA und Indien, sind nicht bereit, international verbindliche Vereinbarungen einzugehen. Der Verhandlungsspielraum wurde stark verengt. Am letzen Konferenztag wurde das Wort "commitments“ (Verpflichtungen) durch "contributions“ (Beiträge) ersetzt. Es ist nicht absehbar, dass es einen neuen Vertrag mit völkerrechtlich bindendenVereinbarungen geben wird.

Die Furche: Die Nachlässigkeit einzelner Staaten schwächt also die Moral aller?

Schleicher: Paradoxerweise zeigen die größten Schadstoff-Produzenten, die nicht bereit sind, Verpflichtungen einzugehen, messbare Fortschritte bei den Emissionen. In dem Ausmaß, in dem die Länder beginnen, die lokalen Umweltprobleme aufzuräumen, werden die Treibhausgase sinken. In den USA gehen die Emissionen klar zurück, dort beginnt das Gas stark die Kohle abzulösen. Das Fracking bei der Gasgewinnung ist natürlich ein anderes Problem.

Alexander Egit: Künftig wird die Klima-Problematik vielleicht nicht mehr durch einen internationalen Vertrag gelöst werden können, sondern eher durch regionale und nationale Leistungen. Wenn China im eigenen Land Schritte setzt mit einer energiepolitischen und gesundheitspolitischen Motivation, profitiert auch das Klima davon. Ich habe selbst zwei Jahre in China gelebt und bin jeden Tag mit einer Atemschutzmaske ins Büro gefahren. Ein Straßenpolizist in Peking wird im Schnitt nicht einmal 40 Jahre alt, weil er an einer Lungenkrankheit stirbt. Da muss die Regierung etwas tun.

Die Furche: Österreich hat seine Klimaschutz-Ziele meilenweit verfehlt und ist eines der EU-Schlusslichter beim Klimaschutz.

Brunner: Wir waren mal Umwelt-Musterland und sacken im EU-Vergleich immer weiter ab. Dabei ist unsere Bevölkerung umweltbewusst, würde bei einer Energie- und Mobilitätswende mitmachen. Ich glaube, die Leute sehen, dass das System nicht mehr lange so funktionieren kann. Leider sehe ich in den letzten Regierungen und in der künftigen nicht, dass das Energie-Thema angegangen wird. "Green jobs“ ist ein schönes Schlagwort, aber mir fehlt dahinter ein klarer Plan. Wir bräuchten ein eigenes Umweltministerium, aber die Chancen darauf stehen leider schlecht.

Die Furche: Welches Klima-Szenario ist für die nächsten zwei Generationen in Österreich absehbar?

Schleicher: Das heimische Klima wird zu Ende des Jahrhunderts möglicherweise so sein wie derzeit in Süditalien, und wenn es noch schlimmer wird, wie in Nordafrika. Brunner: Wir erleben jetzt schon vermehrt Extremwetter-Ereignisse - Hochwasser, Hitzeperioden, Gletscherschmelze, Trockenheiten. Landwirtschaft und Tourismus werden sich anpassen müssen.

Egit: Interessanterweise gibt es auch viele Länder wie Russland, die meinen, sie würden von einem wärmeren Klima profitieren. Die Heizkosten gehen runter, die Anbauflächen wachsen, etc. Aber man sieht ja am Beispiel Österreich die Konsequenzen: Sobald es nur ein bisschen wärmer wird, geht in den Bergen die Schneefallgrenze nach oben, dadurch wird der Schnee nicht mehr in den Bergen absorbiert, kann ungehindert als Regen fallen - und wir haben die Hochwasser. Mittlerweile reden wir alle sieben Jahre über "Jahrhundert-Hochwasser“.

Die Furche: Wie wird sich die Klimaerwärmung auf die Gesundheit auswirken?

Egit: In Europa haben wir mittlerweile durch die Erwärmung ein Potenzial für Krankheiten wie Malaria, Dengue-Fieber etc. Da könnten neue Epidemien entstehen.

Schleicher: Im alpinen Raum können wir uns viel leichter anpassen. Viele Konflikte sehe ich eher von außen auf uns zukommen. Wir haben bereits jetzt das Problem der Klimaflüchtlinge. Der Migrationsdruck von Nordafrika auf Europa, den wir ignorieren - dieses Konfliktpotenzial wird sich massiv verstärken. Was tun wir, wenn sich bald Hunderttausende bei uns niederlassen wollen, weil es in Nordafrika keine Lebensgrundlage mehr gibt?

Die Furche: Welche Maßnahmen wären also dringend nötig?

Brunner: Erstens Klimaschutz und zweitens Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Selbst wenn wir das ominöse Ziel einer Erwärmung von maximal zwei Grad bis Ende des 21. Jahrhunderts schaffen - wovon wir derzeit weit weg sind - werden kleine Inselstaaten wie Tuvalu nicht mehr bewohnbar sein. Diese Staaten sagen: "Auch wenn ihr uns Geld gebt - wir gehen unter und können uns keine zweite Insel kaufen.“ Ich meine, auch deswegen brauchen wir weiterhin Klimakonferenzen und einen neuen Klimavertrag.

Egit: Für den Klimavertrag wird es entscheidend sein, ob es einen funktionierenden Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten gibt. Insgesamt braucht die EU eine energiepolitische Perspektive: Wir sollten die Importabhängigkeit von Öl und Gas auf ein Minimum reduzieren, die Energieeffizienz erhöhen und den Energieverbrauch stark senken. Die restliche benötigte Energie sollte aus erneuerbaren Energien kommen.

Brunner: Ein Land wie Österreich ist prädestiniert dazu, eine internationale Vorreiterrolle zu spielen. Die Entwicklungsländern, die noch nicht zum Klimawandel beigetragen haben und noch keinen Klimaschutz betreiben, möchten vorgezeigt bekommen, dass man halbwegs klimaverträglich und trotzdem in Wohlstand leben kann. Die Furche: Zum Thema Energiewende als Jobmotor: Wie wollen die Grünen da hunderttausende Arbeitsplätze schaffen bis 2050?

Brunner: Da könnten Jobs in verschiedenen Bereichen entstehen: In der Energieforschung, in diversen Anlagen, in der Energieeffizienz. Die Energiewende ist ein ökologisch notwendiges und wirtschaftlich sinnvolles Projekt. Es wäre auch ein Demokratieprojekt.Österreich hat einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien, aber darf sich nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.

Die Furche: Herr Professor Schleicher, Sie fordern eine Halbierung des heimischen Energieverbrauchs bis 2050. Was müsste geschehen?

Schleicher: Etwa ein Drittel der Energie wandert derzeit in die Gebäude. Dabei kann man Gebäude fast energieautonom bauen. All die Energie-Dienstleistungen, die unser Leben angenehm machen, sollen weiterhin gut verfügbar sein. Man wird in den Gebäuden nicht mehr in dem Sinn heizen müssen. Der Elektrizitäts-Bedarf wird mit Photovoltaik spielend zu decken sein, Wind wird eine Rolle spielen. Im Verkehr werden elektrobasierte Technologien in wenigen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Die Furche: Ist die Erdöl-Lobby dahinter, dass sich die Elektro-Autos nicht so schnell durchsetzen?

Schleicher: Solche Episoden gab es in der Vergangenheit.

Egit: Die Automobil-Lobby hat massiv dafür gesorgt, dass die Absenkung der CO2-Grenze nicht in dem Ausmaß vollzogen wurde. Im Verkehrsbereich ist es eine Systemfrage: Muss ich in der Stadt mit dem Auto fahren oder fahre ich öffentlich? In den Haushalten werden alle diese neuen Technologien bereits eingesetzt. Wir leben schon in der Energie-Zukunft.

Brunner: In der Automobil-Industrie will man eher die Treibstoff-Technologie weiterentwickeln, aber nicht davon abgehen. Da hat es lange Verzögerungen gegeben.

Die Furche: Die Kohle- und Öllobby sind als Sponsor der Warschauer Klimakonferenz präsent gewesen.

Egit: Diese Lobbys üben einen massiven Einfluss aus. Der größte polnische Energiekonzern PGE war der Hauptsponsor und hat mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass die Polen eine inferiore Darbietung geleistet haben beim Management der Konferenz. Im Prinzip fahren die Polen eine Anti-Klima-Agenda. Es gab parallel zum Klimagipfel in Warschau einen Kohle-Gipfel!

Schleicher: Es ist auch unverständlich, dass der polnische Umweltminister mitten in der Konferenz ersetzt wurde durch einen neuen Umweltminister, der stark fossile Energien propagiert und die Schiefergas-Technologie pushen will.

Brunner: Andererseits gibt es in Polen Bürgerinitiativen und Bauern, die vehement ihr Land verteidigen gegen diese Schiefergas-Entwicklung. Die Leute dort sehen auch, dass die Kohle-Industrie das Gesundheitssystem belastet.

Die Furche: Wie könnte grüne Mobilität künftig aussehen?

Schleicher: Einige Branchen haben bereits entdeckt, dass man den Zentralraum nicht mehr braucht, wodurch das Pendeln obsolet wird. Ich bin überzeugt, dass wir heute ganz neue Optionen haben, lokale Wirtschaftsvorgänge wiederzubeleben, dass die Bezirksstädte neue Entwicklungschancen haben.

Brunner: Wenn die Erdölpreise weiter steigen, wird das Auto nicht nur zu einer ökologischen, sondern auch zu einer sozialen Frage. Die politischen Maßnahmen dazu sind völlig veraltet: Wenn es Pendler-Staus gibt, werden noch mehr Straßen gebaut, sodass noch mehr Leute noch weiter pendeln. Statt in die Schiene wird das x-fache in die Straße investiert.

Egit: Greenpeace meint, dass Elektro-Fahrzeuge in der Stadt nichts verloren haben, wenn der öffentliche Verkehr gut ausgebaut ist. Am Land macht es schon Sinn, mit dem Elektro-Auto zur Park&Ride-Anlage zu fahren. Dort wird man viel mit Park&Ride, Sammeltaxis, Fahrgemeinschaften etc. arbeiten. Aber es wäre falsch, den gesamten Verkehr mit elektrischer Energie anzutreiben. Dann erreichen wir das Ziel von Prof. Schleicher nicht.

Die Furche: Muss nicht die Industrie auch Emissionen reduzieren?

Egit: Die Industrie hat bereits sehr viel getan. Dort ist der Anreiz, in grüne Technologien zu investieren, größer als bei Privatpersonen. Die Firmen können sich ausrechnen, wie viel sie sich durch eine Investition auf zehn Jahre sparen. Bei den Privathaushalten ist die Frage: Wer investiert dort in neue Technologien? Und im Verkehrsbereich hat die Regierung Angst davor, die Autofahrer zu vergraulen.

Schleicher: Man sollte die Pendlerpauschale reformieren, die keine Anreize setzt, energieeffizient mobil zu sein. Der Ankauf des teuren Erdöls sollte ersetzt werden durch eine Erhöhung der Mineralölsteuer im Inland. Diese Einnah-men sollten für neue Mobilitätsstrukturen verwendet werden. Die Zweckbindung der Wohnbauförderung wäre ganz wichtig: Die Vergabe dieser Förderung sollte an Qualitätskriterien bei der Sanierung und im Neubau geknüpft werden. In der Industrie müssten Innovations-Impulse gesetzt werden. Wir benötigen neue Business-Modelle im Energiebereich. Dafür brauchen wir ein Ministerium für Energie, Umwelt und Infrastruktur.

Die Furche: Wenn die Grünen ein eigenes Umweltministerium hätten, was wären die ersten Schritte?

Brunner: Mit Umwelt-NGOs zu kooperieren. Derzeit wird im Umwelt- und im Landwirtschaftsministerium sehr viel von Industriellenvereinigung und Co. gepusht.

Egit: Die energiepolitische Mutlosigkeit in Österreich wird eine Rechnung ergeben, die wir letztlich alle zahlen müssen. Wenn man die klimaschädlichen Subventionen für die nächste Regierungsperiode streichen würde, könnte man etwa 20 Milliarden Euro sparen!

Brunner: Es wird immer gefragt: Was kostet die Energiewende? Doch das jetzige System kommt uns teuer zu stehen: Wir bezahlen allein 17 Milliarden Euro für Importe. Hinzu kommen die CO2-Zertifikate, die Hochwasser-Schäden und Belastungen des Gesundheitssystems. Studien zeigen, dass Klimaschutz billiger kommt als für die Schäden des Klimawandels aufzukommen.

Die Diskutanten

Stefan P. Schleicher

Der Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel ist auch als Konsulent für das Institut für Wirtschaftsforschung tätig. Schleicher forscht über zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen vor allem in den Bereichen Energie und Klima.

Christiane Brunner

Die grüne Nationalrats-Abgeordnete ist Sprecherin für Klimaschutz und Energiepolitik. Brunner war bei der Klimakonferenz in Warschau und warnt: "Klimawandel und Ressourcenknappheit sind die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.“

Alexander Egit

Der Geschäftsführer von Greenpeace Österreich ist für den Raum Zentral- und Osteuropa verantwortlich. Egit hat Länderorganisationen von Greenpeace in China und Osteuropa mitaufgebaut sowie Kampagnen in Südostasien und Japan gestaltet.

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