Digital In Arbeit

Wir sind Verdrängungskünstler

Die Hitzewellen des Sommers ließen uns spüren, was Klimamodelle seit vielen Jahren besagen: Es wird heißer. Und kaum mehr bestritten wird, dass unsere ressourcenintensive Wirtschafts-und Lebensweise daran großen Anteil hat. Mit der Verbrennung von Erdöl und Kohle treiben wir nicht nur Autos, Flugzeuge und Kraftwerke an, sondern auch die Erhitzung des Planeten. Mit der Abholzung der Regenwälder, Zerstörung der Böden und Erwärmung der Ozeane gehen wichtige Kohlendioxidsenken verloren. Die Massentierhaltung stillt nicht nur unseren Hunger nach billigem Fleisch, sondern fördert auch den Methanausstoß, neben CO2 das zweitwichtigste Treibhausgas. Wir wissen darum, und doch fällt die Umsteuerung schwer. Warum ist das so?

Die Transformationsforschung fragt danach, ob und wann Gesellschaften lernen, Zeichen für notwendige Veränderung zu erkennen. Dabei zeigt sich: Wir Menschen sind Routinewesen, die sich nur ändern, wenn es uns unmittelbar an den Kragen geht. Und wir sind Verdrängungskünstler, nehmen Bedrohungen erst wahr, wenn wir diese am eigenen Leib verspüren, blenden Widersprüche aus, wenn diese nicht in unser Komfortschema passen. In der Psychologie spricht man von "kognitiven Dissonanzen". Kassandrarufe werden tunlichst überhört, die Warner als Störenfriede hingestellt. Das Hineinschlittern in die beiden Weltkriege sind beredte Beispiele dafür.

Aufschlüsse über die Schwierigkeit von Klimaschutz geben Erkenntnisse der Spieltheorie, etwa das "Gefangenendilemma" oder das "Tit for Tat"-Prinzip. Solange sich andere nicht ebenfalls ökologisch verhalten, sehen wir nicht ein, warum wir es tun sollen. Das "Glaubwürdigkeitsdilemma" beschreibt Motivationsprobleme, wenn Wirtschaft und Politik ambivalente Botschaften aussenden. Solange tolle Urlaubserlebnisse mit Billigflugangeboten und neue Autos mit der "Freude am Fahren" in großformatigen Hochglanzinseraten angepriesen werden, fällt es schwer, sich klimaschonend zu verhalten. Wenig glaubwürdig ist auch eine Politik, die zwar von Klimaschutz redet, aber tatsächlich vor konsequenter Umsteuerung zurückschreckt.

Die Komplexitäts-und die Nahbereichsfalle tun das ihre dazu, dass es Klimapolitik schwer hat: Wir übernehmen nur Verantwortung für Handlungen, deren Folgen wir unmittelbar spüren. Der Großteil der Autofahrenden hält sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen oder das Alkoholverbot beim Fahren, um das Risiko von Unfällen zu minimieren. Aber nur wenige richten ihr Leben "autofrei" ein, um den Klimawandel zu bremsen. Dass in Österreich die Hagelversicherungen zu den vehementesten Warnern vor dem Klimawandel gehören, liegt daran, dass sie die Schäden durch zunehmende Wetterextreme in ihren Bilanzen spüren. Dass sie diese in Form erhöhter Versicherungsbeiträge an die Bauern weitergeben (müssen) und diese sie in erhöhten Lebensmittelpreisen an die Konsumenten und Konsumentinnen, sehen wir freilich nicht.

Kalkül der doppelten Entlastung

Manche argumentieren mit einer evolutionsbedingten Nahbereichsprägung, die mit der globalisierten Lebenswelt und ihren Folgen kollidiere. Auch wenn uns eine "langfristig kalkulierende Klugheitsethik" nahelegen würde, unseren Wirtschafts-und Lebensstil zu ändern, treffen wir unsere Entscheidungen nach Kriterien des unmittelbaren Vorteils, so der Philosoph Thomas Mohrs. Wir wissen zwar um den Klimawandel. Wenn der Urlaub naht, siegt jedoch die Lust auf die nächste Fernreise. Auf politischer Ebene: Im Zweifelsfall lieber eine dritte Flughafenpiste, um Umsätze und Arbeitsplätze zu sichern. Mit dem Psychologen Kohlberg gesprochen: Kognitiv sind wir auf der höchsten (sechsten) Moralstufe angelangt, praktisch handeln wir aber nach unseren Emotionen, Wünschen und Begierden (Stufe drei).

Dazu kommt laut Mohrs das sogenannte "Yolo-Argument", die "You-only-live-once--Haltung": Wenn sowieso alles zu spät ist und die Titanic unweigerlich auf den Eisberg krachen wird, wieso dann nicht beim üppigen Buffet bleiben, solange es nur irgendwie möglich ist? Dass Rechtspopulisten den Klimawandel leugnen, mag mit dem Kalkül einer doppelten Entlastung zusammenhängen: "Wir haben das Recht, unseren gewohnten Lebensstil fortzuführen; die wirklichen Probleme liegen woanders, nämlich in der Zuwanderung."

Es stellt sich daher die Frage, ob in Wohlstandsdemokratien überhaupt Mehrheiten für Eingriffe in den persönlichen Lebensstil zu finden sind und die Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels vermittelt werden kann. Optimisten setzen auf (Um-)Lernen durch Nachahmung. Änderung werde demnach möglich, wenn Pioniere damit beginnen, an vielen Stellen Neues erprobt wird, gleichsam Zukunftslabore entstehen, deren Häufigkeitsverdichtung eine kritische Masse erzeugt. Neue gesellschaftliche Normen würden dann zu Routinen, etwa beim Ernährungs-oder Mobilitätsverhalten führen. Als Beleg dafür werden die erfolgreichen Kampagnen gegen das Rauchen genannt.

Quadratur des Kreises

Gefordert ist dabei wiederum die Politik. "Damit wir tun, was wir für richtig halten", wie der Ökologe Michael Kopatz ("Ökoroutine" 2017) meint, brauchen wir kongruente politische Vorgaben, die eine Veränderung nahelegen: CO2-Steuern, Öko-Normen nach dem "Top Runner Prinzip" - das ökologischste Produkt am Markt wird zum Standard für alle -und nicht zuletzt den Mut, reinen Wein einzuschenken. Wenn Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft nachweislich klimaschädlich sind, braucht es Alternativen. Mobilität und Transportsysteme sind nicht nur technologisch neu aufzustellen, sondern auch zu schrumpfen. Da Freihandel nicht vereinbar ist mit wirksamem Klimaschutz, wäre er zu begrenzen statt zu forcieren. Die Quadratur des Kreises ist nicht möglich: Nichts ändern und zugleich das Klima schützen, geht nicht.

Dennis Meadows ist im neuen Jahrbuch des Forum Umweltbildung skeptisch. Er schätzt die Chancen auf eine Umkehr gering ein und befürchtet die Zunahme von Klimakatastrophen. Anpassung an die neuen Verhältnisse wäre dann die verbleibende Option, was unter vorgehaltener Hand bereits der Mainstream der Klimapolitik sei.

| Der Autor ist Nachhaltigkeitsexperte der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg |

FURCHE-Navigator Vorschau