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Immer mehr, bis nichts mehr geht

Wie der Mensch das Klima beeinflusst, wie er seinen künftigen Energiebedarf decken wird und wie beides möglichst

schonend sein kann, war Thema in Alpbach.

Keine Gletscher im Alpenraum, das ägyptische Alexandria im Meer versunken: So zeichnete die Klimaforscherin und Wissenschafterin des Jahres 2005, Helga Kromp-Kolb, in Alpbach die Zukunft in hundert Jahren. Denn bis dahin wird die durchschnittliche Temperatur um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius gestiegen sein. Und dass zumindest ein Großteil dieser Erwärmung auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist, daran ließ die Forscherin keinen Zweifel: Sechs Gigatonnen Kohlenstoff gelangten jährlich allein durch das Verhalten der Menschen in die Atmosphäre. Und nur 3,2 Gigatonnen davon könne diese an die Ozeane und Pflanzen abgehen, erklärte sie. Der Rest bleibe in der Atmosphäre. Und da sich die Temperatur auf der Erde direkt proportional zum CO2-Gehalt der Atmosphäre verhalte, werde es wärmer. "Natürlich waren die Menschen schon immer mit Wärme-und Kälteperioden konfrontiert", sagt Kromp-Kolb. "Aber früher waren sie in der Lage, durch Völkerwanderung neue Lebensräume zu finden und für sich nutzbar zu machen. Bei mehr als sechs Milliarden Menschen auf der Erde geht das nicht mehr."

Die derzeitige Politik gehe mit diesen Problemen völlig ungenügend um, ob es nun im Bereich Verkehr oder Energie sei. Fossile Energieträger etwa basierten nicht nur auf endlichen Rohstoffen, sie belasteten auch noch die Atmosphäre in hohem Maß. Aber Kromp-Kolb ist Optimistin: "Wir können die Probleme lösen. Aber dazu ist ein Wandel im Denken nötig - wir müssen wegkommen von ,immer mehr und immer schneller'."

Mehr & schneller

Gerade dieses "immer mehr und immer schneller" gilt aber für den Verkehr, mit dem sich der Verkehrsforscher und-strategieberater Stefan Rommerskirchen beschäftigt. Er wies darauf hin, dass die Importmengen in die Europäische Union in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel zugenommen hätten. Allerdings seien die Exporte längst nicht im selben Maß gestiegen. "Das bedingt natürlich im Transport Leerfahrten." Die finden auf der Straße statt: "82 Prozent des Güterverkehrs wird auf der Straße abgewickelt." Und der Anstieg der Transportleistung gehe weiter. "Verglichen mit 2003 werden wir im Jahr 2020 in den alten EU-Ländern um 40 Prozent mehr Transportleistung haben. Wer das nicht will, muss sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden." Schließlich passierten die Transporte ja nicht "einfach so, sondern für uns alle - für die Konsumenten."

Von der lieb gewonnenen Gewohnheit, sich auf Lorbeeren auszuruhen, möge sich dagegen Europa veraschieden, forderte Dirk Maxeiner, Journalist und Autor von Büchern wie "Ökooptimismus" und "Lexikon der Öko-Irrtümer". "Es wird in der Klimadiskussion immer so dargestellt, als wäre Europa gut, weil es die Kyoto-Ziele zur Reduktion des CO2-Ausstoßes unterschrieben hat, und als wären die USA böse, weil sie es nicht getan haben." Allerdings sei fraglich, was moralischer sei: Die Vereinbarung nicht zu unterschreiben wie die usa oder sie zu unterschreiben und sich in weiten Teilen nicht daran zu halte wie Europa. Der europäische Weg sei es offenbar, in "irgendwelchen diffusen Zielvorstellungen zu leben", der US-Amerikanische Weg dagegen sei weitaus praktischer orientiert: "Die Amerikaner sagen, wir wollen Kyoto nicht, weil wir nicht Wachstum verhindern wollen. Wir brauchen das Wachstum, um in die Entwicklung neuer Technologien investieren zu können, mit denen wir die Ziele von Kyoto in 20 Jahren vielleicht noch früher und billiger erreichen als die Europäer." So werde etwa in den USA fieberhaft daran gearbeitet, Kohlekraftwerke durch CO2-Abscheidung deutlich sauberer zu machen. Schließlich sei Kohle der einzige derzeit bekannte Energielieferant, der weltweit zur Verfügung stünde.

Neben der vermehrten Nutzung von Kohle sei auch die längere Nutzung von Atomkraftwerken sinnvoll, meinte Maxeiner. Und gibt zu: "Wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal so denken würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt." Aber die Zwänge des zu Ende gehenden Öls hätten ihn eben offener gemacht für andere Lösungen. "Und auch die politische Diskussion ist offener, der Moral-Aspekt fällt immer mehr weg."

Wenig Positives an der derzeitigen Strom-Diskussion sieht dagegen Günther Ofner, Vorstandsvorsitzender der Burgenland Holding. Die Debatte sei von Wegschauen geprägt. Um 25 Prozent sei der österreichische Stromverbrauch in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, "aber wir haben keine nennenswerten Kapazitäten errichtet, um diese Steigerung zu decken."

Überhaupt wäre das auch kaum möglich: "Der jährliche Verbrauchszuwachs entspricht etwa der Kapazität eines Donaukraftwerks." Auch die gesamten Biomasse-und Windkraftanlagen seien gerade einmal in der Lage, den Jahreszuwachs im Stromverbrauch zu decken. Nicht viel besser sehe es in Gesamteuropa aus: "Die Importabhängigkeit liegt derzeit bei 50 Prozent, und sie wird auf 70 Prozent steigen. Das ist wirtschaftlich und politisch inakzeptabel."

Sehnsucht nach Mobilität

Deutlich gelassener gab sich in Alpbach dagegen Umweltminister Josef Pröll (ÖVP), der sein Nein zur Atomkraft bekräftigte, "und das werden wir auch unseren Freunden in den Nachbarländern immer wieder deutlich sagen". Zu Kyoto meinte Pröll: "Österreich hat noch einen schweren Weg vor sich bis zur Erreichung des Kyoto-Zieles, aber ich glaube, dass wir es 2012 erreicht haben werden." Aber so notwendig eine CO2-Reduktion auch sei, wolle er dennoch in Bezug auf den Verkehr keinen Verzicht predigen, denn "die Menschen haben eine große Sehnsucht nach Mobilität." Wichtig sei die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene, etwa durch Komfortverbesserungen für Bahnreisende, und die weitere Entwicklung von Technologien etwa zur Beimischung von alternativen Treibstoffen. Und weil Wahlkampf ist (und er danach gefragt wurde), betonte Pröll: "Was es jedenfalls nicht geben wird, sind Steuererhöhungen im Verkehr."

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