Digital In Arbeit

"Haben noch viel zu tun"

Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb über Österreichs Defizite beim Klimaschutz.

Gast des dritten Abends der Veranstaltungsreihe Forum Sacré Cœur war die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, die sich den Fragen der Schüler und Schülerinnen zum Klimawandel stellte.

Nehmen wir einmal an, es würden jetzt die Polkappen vollständig schmelzen. Wäre es dann möglich, dass die gesamte Erde von Wasser bedeckt wäre?

Helga Kromp-Kolb: Nein, das Schmelzen der Polkappen reicht nicht aus, um die ganze Erde zu überschwemmen, das würde zu lange dauern, aber der Meeresspiegel würde ungefähr zwölf Meter steigen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist weltweit keineswegs gleich. Das Schmelzen der Polkappen ist ein Prozess, der eine Rückkoppelung auslöst. Denn das Eis auf den Polkappen sorgt dafür, dass ein wesentlicher Anteil der Sonnenstrahlen zurückgestrahlt wird ins Universum. Wenn nun das Eis schmilzt, werden auch diese Sonnenstrahlen von der Erde absorbiert und es kommt zu einer starken Erwärmung.

Gibt es auch positive Effekte durch den Klimawandel?

Kromp-Kolb: Selbstverständlich gibt es auch positive Auswirkungen. Man redet nur sehr wenig darüber, da es nicht diese Dinge sind, die Besorgnis erregen. Es gibt Regionen, in denen das Klima günstiger wird. Hier fällt es den Menschen dadurch leichter zu überleben. Zum Beispiel kann es in Deutschland in momentan sehr trockenen Gebieten wieder mehr Niederschlag geben. Doch leider dominieren die schlechten Folgen.

Wird in Österreich schon genug gegen den Klimawandel unternommen?

Kromp-Kolb: Vor kurzem wurde vom Umweltministerium die CO2-Bilanz präsentiert, und diese zeigt, dass wir wieder einen Anstieg haben. Man kann nun sagen, dass dieser Anstieg ohne die Maßnahmen noch viel größer gewesen wäre, doch wir haben uns verpflichtet, bis zum Ablauf der Kyotoperiode unsere Emissionen gegenüber 1990 um 13 Prozent zu senken. Momentan sind wir bei 24 Prozent plus, das heißt, dass wir noch einiges vor uns haben, denn wir gehen noch nicht einmal in die Richtung des Kyotoprotokolls. Doch um etwas Erfreuliches zu sagen: Wir haben bei alternativen Energien wirklich Spitzenwerte. In der Steiermark haben wir etwa die größte Flächendichte von Solaranlagen. Auf der einen Seite gibt es Länder, die den Klimaschutz ernst nehmen, doch auf der anderen Seite gibt es die so genannten E5-Gemeinden, die noch weiter gehen und versuchen, ihren Energieverbrauch drastisch zu reduzieren. In diesem Sinne geschieht also etwas, doch insgesamt ist Österreich noch lange nicht auf dem Weg, wo wir hin sollten.

Was müsste Österreich Ihrer Meinung nach tun?

Kromp-Kolb: Ich komme gerade von einer Veranstaltung, wo Stefan Schleicher, ein österreichischer Ökonom, wieder vorgetragen hat, dass wir voraussichtlich unsere Ziele für das Kyotoprotokoll ganz dramatisch verfehlen werden - und dies wird uns ungefähr zwei Milliarden Euro kosten. Am 1. Jänner 2008 beginnt die Kyotoperiode zu laufen, und sie läuft bis Ende 2012. Ab diesem Jahr läuft sozusagen eine Zähluhr mit, und alles, was wir an CO2 emittieren, wird addiert über diese Jahre. Am Ende wird geschaut, ob wir im Mittel dort sind, wozu wir uns verpflichtet haben, nämlich bei minus 13 Prozent. Mit den erwähnten 24 Prozent plus sind wir ungefähr 30 Prozent über dem, was wir emittieren dürften, nach unseren eigenen Kyotovorgaben.

Was bedeutet das?

Kromp-Kolb: Es läuft darauf hinaus, dass wir im Endeffekt all das, was wir nicht selber geschafft haben, von außen zukaufen müssen. Eine Möglichkeit wäre die Investition in Emissionsreduktionsmaßnahmen im Ausland, beispielsweise in Entwicklungsländern. Was die dort dann einsparen, können wir uns gutrechnen. Das Problem ist, dass es so viele Projekte, wie wir bräuchten, um all unsere Fehler wieder gutzumachen, gar nicht gibt. Eine andere Möglichkeit wäre der Kauf von Emissionszertifikaten. Innerhalb der EU bekommt jedes Land eine gewisse Berechtigung, eine gewisse Menge an CO2 oder anderen Treibhausgasen zu emittieren. Wenn sie weniger Abgase produzieren, können sie den Überschuss an Zertifikaten an jemanden verkaufen, der mehr emittiert. Innerhalb der EU wird es uns nicht gelingen, diese Zertifikate zu kaufen, viel wahrscheinlicher ist es, dass wir sie von Russland kaufen werden.

Inwiefern hat die Feinstaubbelastung einen Einfluss auf den Klimawandel?

Kromp-Kolb: Der Feinstaub und Aerosole insgesamt, also Partikel in der Luft, bewirken das, was man als "Global dimming" bezeichnet: dass die Sonnenstrahlung von diesen Partikeln reflektiert wird und gar nicht bis zu uns herunterkommt. Das ist eine Bremse des Klimawandels. Das ist ein Gesundheitsproblem, das dem Klimaschutzproblem entgegensteht. Es gibt eben Situationen, wo zwei Interessen gegenläufig sind.

Redaktion: Sara Kurz (6b), Weida Chen (6c), Julia Schmöllebeck (6c).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau