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Der Zukunft das Klima entlocken

Aus Sicht der US-Wirtschaft haben Obergrenzen für den Kohlendioxid-Ausstoß keinen Sinn. Das machte US-Präsident George Bush zum wiederholten Male beim letztwöchigen Treffen mit dem auf Einhaltung des Kyoto-Abkommens drängenden deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder klar. Amerika werde keinesfalls Lösungen akzeptieren, die seiner kränkelnden Wirtschaft schaden, stellte Bush klar. In Kyoto hatten sich die Industriestaaten 1997 dazu verpflichtet, die Schadstoff-Emissionen bis 2010 weltweit um fünf Prozent zu senken, gemessen am Stand von 1990. Und die USA sind Schätzungen zufolge für ein Viertel des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich.

Besonders heftig auf den Kyoto-Ausstieg der Amerikaner reagierte Japan. Die Beteiligung der USA sei für die Wirksamkeit des Abkommens entscheidend, wendeten sich die besorgten Politiker in Tokyo schon fast flehentlich an den Verbündeten im Westen. In Japan fürchtet man ein mögliches Steigen des Meeresspiegels und die Zunahme von Taifunen infolge des Treibhauseffekts. Versunkene und verwüstete Küstenstädte stehen den Japanern, aber nicht nur ihnen, vor Augen. Ureigenste Interessen - hier wie dort - prallen gerade in dieser entscheidenden umweltpolitischen Frage aufeinander. In dieser Pattsituation wenden sich die Interessengegner schließlich an die Wissenschaft. Diese soll sagen, welches Klima uns erwartet, wieviel Anteil der Mensch an den Klimaveränderungen hat und wie es gelingen könnte, die negativsten Folgen noch einmal abzuwenden. Objektivität wäre von den Klimaforschern gefordert, Unvoreingenommenheit, allein orientiert am tatsächlich abgesicherten Wissen. Erfüllt die Klimaforschung diese Kriterien?

Nein, antwortet Reinhard Böhm, Klimaforscher auf der Hohen Warte in Wien: "Auf diesem Gebiet gibt es leider Extremisten auf beiden Seiten." Und "als Klimatologe staunt man oft, was die Klimatologie derzeit bereits angeblich alles zu leisten vermag, und welche Ergebnisse unsere noch sehr junge Wissenschaft bereits erzielt haben soll." Die wissenschaftlichen Erkenntnisse geben aber zur Zeit noch kein abgerundetes und abgesichertes Bild der komplizierten Mechanismen des Erdklimas, gibt Böhm zu bedenken. Spekulationen, Glauben statt Wissen, bewusster und unbewusster Desinformation sei daher Tür und Tor geöffnet. Klimaforscher Böhm: "Wir sind jetzt in der unglücklichen Lage, dass bei der Klimaschwankungsdiskussion die Wissenschaft dem hinterherhinkt, was die Öffentlichkeit von ihr schon an Ergebnissen erwartet."

Die eine Extremposition, erläutert Böhm, verfolgt die Interessen der Erdölindustrie und streitet mehr oder weniger alles ab, was mit einer möglichen Klimakatastrophe auch nur irgendetwas zu tun haben könnte. Die Gegenseite übertreibt nach Meinung des Wiener Klimatologen aber genauso. Es gibt da ebenfalls starke Interessen - von Versicherungen zum Beispiel - die eine objektive Beurteilung verunmöglichen. Böhm: "Eine komische Interessengemeinschaft entsteht da zwischen ökologiebewegten Menschen - die sich aus lauteren Gründen Sorgen um die Umwelt machen - und solchen, die beinhart ihre Interessen vertreten." Zwischen diesen Extrempositionen müssen die Klimaforscher agieren, klagt Böhm. Deshalb sein Appell: "Die Klimatologie mehr in Ruhe arbeiten zu lassen."

Der Argumentation Böhms ist einiges abzugewinnen, seiner Forderung konnte die furche an diesem Nachmittag auf der Hohen Warte aber nicht nachgeben. Also weiterhin keine Ruhe für den Wissenschafter Böhm, bevor er nicht über den derzeitigen Stand der Forschung, über gesichertes und weniger gesichertes Wissen Auskunft gibt. Böhm beruft sich bei seinen Antworten auf den neuesten Report des UN-Klimagremiums IPCC, die Arbeiten J. D. Mahlmans von einem der führenden Institute auf dem Gebiet der Klimaforschung in Princeton und seinen eigenen Forschungen.

Unzweifelhaft sicher ist laut Böhm, dass "die Treibhausgas-Zunahme durch menschliche Aktivitäten verursacht wird", und dass "diese Änderungen sehr lange (Jahrzehnte bis Jahrhunderte) bestehen werden". Ebenfalls sicher ist, dass "die globale Mitteltemperatur an der Erdoberfläche während der letzten 100 Jahre um circa 0,5 Grad Celsius angestiegen ist", es aber auch "abkühlende vom Menschen verursachte Effekte gibt, die aber noch nicht genug quantifizierbar sind". Es nützt aber wenig, gibt Böhm zu Bedenken, wenn wir wissen, dass ein Anstieg der klimatogenen Spurengase - den wir durch das Verbrennen von fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas verursachen - dazu führt, dass in den tieferen Luftschichten ein größerer Anteil der von der Sonne eingestrahlten Energie zurückgehalten wird. Die unendlich komplizierte Frage ist, in Zahlen zu berechnen, welcher Teil dieser zusätzlichen Energie zum Erwärmen der Atmosphäre verwendet wird, welcher Teil die Verdunstung erhöht und damit den Wasserkreislauf ankurbelt und nicht zuletzt, welcher Teil der Treibhausenergie in Bewegungsenergie umgesetzt wird und somit die Windsysteme verändert.

Deswegen steht für Böhm mit 100-prozentiger Sicherheit fest, dass es noch grundlegende Effekte im Klimasystem gibt, die noch nicht genügend in Klimamodellen erfasst sind. Die Hauptprobleme machen derzeit noch: Bewölkung, Wasserdampf, Meereis, Meeresströmungen und die Frage nach der Situation in speziellen Regionen. Befriedigende Lösungen dieser Probleme werden nicht vor zehn Jahren vorliegen, meint Böhm.

Vor allem bezüglich lokaler Fragestellungen, klagt der Klimaforscher auf der Hohen Warte, besteht ein enormer Druck auf die Wissenschaft. "Mit wieviel Schnee können die Wintersportorte der Alpen in den kommenden Jahrzehnten rechnen?" oder "In welchem Ausmaß werden die Vermurungen in den Alpentälern ansteigen?" Böhm versteht das starke Interesse daran, lokale Probleme im Licht des Treibhausklimas dargestellt zu bekommen. Doch diese Fragen können von der Klimaforschung derzeit noch nicht seriös beantwortet werden, steckt der Klimatologe die Grenzen seiner Wissenschaft ab: "Schon eine kleine Unkorrektheit bezüglich des Wärmetransports des Golfstroms - der noch viel zu wenig erforscht ist - und die Alpen wandern von Prognose: plus drei Grad auf nur: plus ein Grad oder gar: minus ein Grad." Interessant ist auch, erläutert Böhm, dass "der Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte in den Ostalpen nicht als das herausragende Ereignis bezeichnet werden kann, als das es in der Klimaschwankungsdebatte hingestellt wird. Die Sommertemperaturen waren in der Zeit um 1800 Jahrzehnte hindurch auf vergleichbarem Niveau wie in den 1980er und 1990er Jahren, nur die Wintertemperaturen lagen im 19. Jahrhundert durchwegs tiefer als in unserem."

Die Antarktis wächst Das für Böhm glaubwürdigste Zukunftsszenario, dass uns von Klimamodellen derzeit angeboten wird, rechnet mit einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad (Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg) bis drei Grad (britisches Hardley Centre for Climate Prediction and Research). Beiden Modellen liegt ein "business as usual scenario" zum Verhalten der Menschheit zugrunde: keine Energiesparmaßnahmen, rasant wachsende Bevölkerung, Wirtschaftsentwicklungen in Indien und China, ...

Dementsprechend erwartet der derzeitige Stand der Forschung in den nächsten hundert Jahren einen Meeresspiegelanstieg von 0,5 Metern (plus/minus 25 Zentimeter). Die heute realistischere Einschätzung des Beitrags der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg führte zur Revidierung der noch vor wenigen Jahren kursierenden Horrorzahlen von einem sechs bis sieben Metern höheren Meeresspiegel. Böhm: "Eigentlich hätte uns das ja auch schon früher einfallen können!" Die vorhergesagten Temperaturanstiege bewirken, dass in der wärmeren Luft mehr Niederschlag fällt. Dieser fällt im Gebiet der Antarktis, weil es dort immer noch deutlich unter null Grad haben wird, in Form von Schnee. Das Eisvolumen der Antarktis wird, ist sich Böhm sicher, im Treibhausklima wachsen und dadurch zu einem Absinken des Meeresspiegels beitragen. Und noch mit einem weiteren prognostizierten Horrorszenario rechnet Böhm ab. Höchst unwahrscheinlich beziehungsweise falsch ist für ihn, für IPCC und andere Klimakoriphäen, dass "sich die Anzahl und die Stärke tropischer Wirbelstürme, Hurricans und Taifune erhöhen und die Intensität von Stürmen in mittlerer geographischer Breite - also bei uns - erhöhen wird".

Böhm fände es daher klüger und sinnvoller, die Debatte weg von zur Zeit noch unlösbaren Klimafragen wieder stärker in Richtung Luftreinhaltung zu verschieben. Dieselben Maßnahmen würden hier zu schneller sichtbaren, besser messbaren und auch vom Einzelnen unmittelbar fühlbaren Ergebnissen führen, durch die er oder sie - ist Böhm überzeugt - sicher leichter für Luftreinhaltemaßnahmen motivierbar sein würde. "Wenn dann als langfristige Draufgabe auch Effekte beim Klima erzielbar sind, soll es uns recht sein."

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