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Klima-Geschichten

Ein Blick auf unterschiedliche Erzählungen über den Klimawandel.

Ein ganz so zahlreiches Publikum wie Al Gores Klimafilm "Eine unbequeme Wahrheit" erreichte Willy Viehöver nicht, als er unlängst im Rahmen des von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung veranstalteten Workshops "Erzählungen im Öffentlichen" sprach (s. auch S. 7). Eigentlich schade, warf der Diskursanalytiker Viehöver doch einen ungewohnten Blick auf die Debatte um den Klimawandel. So zeigte er, dass eine Vielzahl von Geschichten vom Klimawandel erzählt wurden und werden - von Wissenschaftern und Medien. Auch ließ sich vom Erzählexperten einiges darüber lernen, warum gewisse Geschichten ein größeres Medienecho erhalten wie andere.

Historie des Wandels

An den Anfang eines Streifzugs durch die Geschichte des anthropogenen Klimawandels könnte man den schwedischen Chemiker Svante Arrhenius stellen. Er rechnete bereits 1896 damit, dass die Zunahme an Kohlendioxid durch Verbrennung von Kohle eine kontinuierliche Klimaerwärmung verursachen würde - und das sah er eher positiv. Auch glaubte er, dass sich die Auswirkungen erst in rund tausend Jahren zeigen werden. Politischen Wirbel verursachte er mit seinen Thesen also nicht, die Scientific Community fand sie aber immerhin so spannend, dass sich vermehrt Wissenschafter für das Thema zu interessieren begannen. Bis in die 1960er Jahre beschränkten sich Klimadebatten auf inner-akademische Kreise. Klimaveränderungen wurden zwar beobachtet, aber zumeist auf natürliche Ursachen (Erdbahnparameter, Sonnenstrahlen, Vulkanausbrüche etc.) zurückgeführt.

Nur ganz wenige Klimatologen - so etwa der Deutsche Hermann Flohn (1941) und der Amerikaner Gilbert Plass (1956) - wiesen auf die möglichen verheerenden Folgen eines hausgemachten Kohlenstoffdioxid-Anstiegs hin. Allerdings fanden sie weder bei Politikern noch bei der breiten Öffentlichkeit Gehör. Warum? Die Zeichen der Zeit waren auf Fortschritt gestellt. Dies änderte sich im Laufe der sechziger Jahre mit Beginn der Umweltdebatte. 1972 erschien beispielsweise der Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums. "Vorher galt das Motto ,Macht euch die Erde untertan', jetzt wurde die Erde als schützenswertes Gut betrachtet", resümiert Viehöver den einsetzenden Paradigmenwechsel. Unter diesen veränderten Bedingungen konnte die Idee eines anthropogenen Treibhauseffekts auf einen fruchtbaren Boden stoßen - und tat es auch.

Die Story einer drohenden, vom Menschen gemachten Treibhauskatastrophe wurde in der Folge zur dominanten Erzählung. Aber sie blieb nicht die einzige. Viehöver untersuchte für den Zeitraum von 1970 bis 1995 mehrere hundert Geschichten zum Klimawandel und fand insgesamt sechs konkurrierende Narrationen. Er bezeichnet sie als idealtypisch, da sich im Einzelnen leichte Unterschiede zeigen können. Beispiel globale Treibhauskatastrophe. In Deutschland wurde als Ursache für den Klimawandel fast immer Kohlendioxid als Übeltäter dingfest gemacht. In amerikanischen Geschichten hingegen spielte oft auch Methan eine große Bedeutung. "In diesen Erzählungen kommt den Viehzucht-Staaten die Rolle der Bösewichte zu", erklärt Viehöver. Neben den Bösewichten gibt es auch noch andere Rollen: Zum Beispiel sind die Wissenschafter zumeist die Helden, die mit dem Engagement von NGOs (Helfer) Überzeugungsarbeit bei den Politikern (potenzielle Helfer) leisten etc. Und der offene Ausgang, die Möglichkeit, etwas durch politisches Handeln bewegen zu können, trägt einiges zur anhaltenden Spannung bei. Will eine Geschichte erfolgreich sein, so kommt sie ohne entsprechende Dramaturgie nicht aus, ist Viehöver überzeugt.

Keine Klima-Thriller

Und einigen der anderen fünf Narrationen mangelt es daran. So etwa der Geschichte von den Sonnenfleckenzyklen, die unlängst in einem Artikel im New Scientist ("Global warming: Will the Sun come to our rescue?", 18. September 2006) wieder aufgewärmt wurde. Worum geht es? Je höher die Anzahl der Sonnenflecken, desto mehr Wärme strahlt die Sonne ab. Die Sonnenflecken unterliegen dabei zyklischen Veränderungen. So soll die Kleine Eiszeit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch sie verursacht worden sein. Einige Astronomen vermuten nun (und andere sagen das genaue Gegenteil), dass wir kurz vor einer neuen Abkühlungsphase stehen. Auswirkungen gäbe es also, nur als katastrophal werden sie nicht eingestuft. Und eine Lösung für das Problem existiert auch nicht. Ohne viel Handlungsspielraum gibt es aber keinen Plot. Mäßig interessant also.

Von den restlichen vier Narrationen scheinen heute drei kaum mehr in den Medien auf: Mit dem Niedergang des Ost-West-Konflikts hat etwa die Geschichte vom Nuklearen Winter an Aktualität verloren. In diesem Szenario sollte ein zukünftiger nuklearer Schlagabtausch zwischen den Supermächten zu langfristig katastrophalen Klimaveränderungen führen. Dicke schwarze Wolken würden - so die These - die Sonnenstrahlen für längere Zeit abhalten und die Erde winterlich kühl werden lassen. Ein kurzes Revival hatte diese Geschichte allerdings in abgewandelter Form während des ersten Golfkrieges.Durch brennende Ölfelder sollte es nach Meinung einiger Experten zu ähnlichen Abkühlungseffekten kommen. Narrationen können auch sterben, wenn es keinen Erzähler mehr gibt. Das ist etwa mit der Geschichte vom Klimawandel als Chance passiert. Darin verkörperte sich ein ungebrochener Fortschrittsoptimismus, in dem auch an eine gezielte technische Steuerung des Klimas geglaubt wurde - natürlich mit positiven ökonomischen Effekten. Auch die Geschichte von der Neuen Eiszeit, die durch einen anthropogen erzeugten Klimawandel droht, hat heute kaum mehr Fürsprecher. In Erinnerung ist das Szenario trotzdem geblieben dank Roland Emmerichs Hollywoodstreifen "The Day after Tomorrow"(2004).

Bleibt noch die Narration vom Klimawandel als Fiktion. Kritisiert wird in diesen Geschichten die alarmistische Berichterstattung der Massenmedien, aber auch die Unseriosität mancher Wissenschafter. Letzteren wird dann vorgeworfen, eigene Interessen zu verfolgen - Stichwort: Kampf um Forschungsgelder.

Skeptiker als Öl-Lobbyisten

Umgekehrt wird den Klimaskeptikern oft Lobbyismus nachzuweisen versucht. Am 4. September etwa hat die Royal Society mit einem Brief an den amerikanische Ölkonzern ExxonMobil Aufsehen erregt: Sie forderte, dass ExxonMobil aufhöre, die sehr wenigen, aber lautstarken Leugner eines Klimawandels finanziell zu unterstützen.

Der heute wohl bekannteste Kritiker eines allgemeinen Umwelthysterismus ist der Däne Björn Lomborg. Sein mit Zahlen gespicktes Buch The Sceptical Environmentalist (Cambridge UP, 2001) brachte Lomborg soviel Aufmerksamkeit, dass ihn das Time Magazine 2004 zu einem der hundert einflussreichsten Menschen wählte. Neuerdings hat sich der Fokus seiner Arbeit leicht verschoben. In einer groß angelegten Studie hat Lomborg die drängensten Weltprobleme durch die ökonomische Brille betrachtet. Das Resultat: Für den Kampf gegen den Klimawandel wird relativ viel Geld ausgegeben - ohne große Wirkung. Mit ähnlichen Summen könnten hingegen andere zentrale Probleme wie etwa Hunger und Krankheiten effektiv bekämpft werden. Eine durchaus provokative Geschichte (nachzulesen in: How to Spend $50 Billion to Make the World a Better Place, Cambridge UP, 2006). Ob es sich dabei auch um eine unbequeme Wahrheit handelt, wird wohl jeder für sich entscheiden müssen.

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