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Ratlos in der Klimafalle

Gegen Panikmache und Verharmlosung, die zu Beginn des Klimagipfels in Kopenhagen wieder fröhliche Urständ feierten, hilft Sachlichkeit und finanzielle Unabhängigkeit der Forschung.

Es war ja zu erwarten, dass im Vorfeld der Kopenhagener COP-15 Konferenz die Auf- und die Abwiegler emsig am Werk sein würden und dass sie in schöner Eintracht die Spirale der Klimasensationen wieder um einen Tick weiterdrehen würden. Wir werden wieder mit den einfachen und mit ebensolcher Klarheit meist unvollständigen bis falschen Aussagen überschüttet wie „Das Klima wird immer extremer“; „Alles nur natürliche Schwankungen“, und wie sie alle lauten. Kürzlich war von neuen „Klimarekorden“ zu hören, zu sehen und zu lesen: Jetzt reicht die Palette bereits vom „Aussterben der Menschheit in wenigen Generationen“ (profil) bis zum Jubelgeschrei der Gegenfraktion über eine ethisch ganz klar abzulehnende Hackeraktion in den Mailverkehr der Climatic Research Unit der Universität von East Anglia, die angeblich „endgültig bewiesen hätte, dass die Klimawissenschaftler ein Haufen verschwörerischer Schwindler seien“ – Stichwort „Klimalüge“.

Hohle Phrasen und Angst-Lust

Man kann schon kleinlaut und verzagt werden. Zu viel an Ramsch und hohlen Phrasen stürmen auf einen ein, der rationale Kern steht wieder einmal viel zu sehr im Hintergrund. Man beginnt selbst, überall finstere Verschwörungen zu vermuten, hinter denen vielleicht lediglich gedankenloses Nachplappern zeitgeistigen Smalltalks steht.

Etwas mit Sarkasmus gepaarte Gelassenheit kann jedoch aufkommen, wenn man die öffentliche Aufregung in eine ganz andere Kategorie einordnet: Das große Echo, das die Angstparolen, Über- und Untertreibungen der „offiziellen Klimabewegten“ und der „bezahlten Leugner“ finden, beruht möglicherweise oft gar nicht auf echter Besorgnis. Man kann den Klimahype vielleicht besser verstehen, wenn man unterstellt, dass die Angstlust über die künftigen Katastrophen zu so etwas wie einem Gesellschaftsspiel geworden ist, das die Mehrheit in Wahrheit überhaupt nicht ernst nimmt.

Das würde ja auch erklären, warum bei all der täglich geübten Betroffenheit über das Thema real so gar nichts herauskommt bei all den angeblichen Bemühungen, Kyoto-Ziele zu erreichen, daraus noch viel schärfere „Kopenhagen-Vereinbarungen“ zu machen, „bei sich selbst zu beginnen“ und was da noch so alles gefordert, beklagt, berichtet und kommentiert wird. So versammelt man sich fröhlich tagtäglich an Bord des angeblich gerade untergehenden Dampfers Weltklima und, frei nach Udo Lindenberg, sind „alle wieder da auf der Andrea Doria“.

Hoffen wir nur, dass die Klimadebatte noch, so wie die Lola in Lindenbergs Lied, „wirklich mal so alt wird, wie sie jetzt schon aussieht“. Es könnte nämlich leicht passieren, dass die überzogene öffentliche Aufmerksamkeit auf ein ernst zu nehmendes Thema dieses schnell altern lassen kann, es aus der Mode kommt und wieder von der Bildfläche verschwindet.

Und dann werden jene, welche den Kern eines Problems wirklich angehen wollen, sei es durch Eindämmungs- oder durch Anpassungsstrategien oder durch eine mir sinnvoller erscheinende Kombination von beiden, von der Infotainment-Gesellschaft allein gelassen werden. Nichts nutzt sich schneller ab als die tägliche Unterhaltungs-Gruselei, wenn das Thema nicht mehr „spannend“ ist und die Einschaltziffern sinken.

Das verschwindende Interesse wird aber das Klima nicht daran hindern, sich zu ändern. Dann wird die Zeit derer beginnen, die diese Veränderungen als das begreifen, was Veränderungen letztlich immer sind: Nicht zwangsläufig zum apokalyptischen Verderben führend, das wir schuldbewusst bejammern, sondern als Ansporn, rational darauf zu reagieren.

Eine Allianz der Experten

Mein Rat als „Experte“ wird dafür nicht nötig ein, die Strategie müssen wir uns zusammen erarbeiten – denn keiner ist ein „Experte für alles“, aber jeder einer auf einem schmalen Segment. In Summe, wenn nicht wieder sinnlos Zeit vergeudet wird, werden wir die Zukunft wohl meistern. Wir haben alle Voraussetzungen dafür. Das haben wir früher bereits hinbekommen.

Als in diesem Sinn Rat-Loser nehme ich mir hier die Freiheit, einige meiner diesbezügliche Hoffnungen zusammenzufassen, über die Art, wie wir im gerade begonnenen Jahrtausend damit umgehen könnten, dass wir in Summe nicht mehr unbeteiligt sind am schwer zu durchschauenden Zusammenspiel der Antriebe des Klimasystems.

Das Klima wandelt sich auf höchst differenzierte Art, niemals monokausal, global einheitlich und geradlinig, und die Folgen des Wandels sind nie nur in eine einfach zu begreifende Richtung zu erwarten. Deshalb hoffe ich auf einen weiteren zügigen Fortschritt der Klimaforschung. Dieser wird die noch existierenden Wissenslücken immer kleiner werden lassen und aus manchen derzeit noch weichen Fakten zunehmend harte – oder eben gar keine – werden lassen.

Als Folge hoffe ich auf eine damit Hand in Hand gehende Rationalisierung und Abkühlung der überhitzten öffentlichen Debatte über das Klima, seine zu erwartenden Veränderungen, unseren Anteil daran und wie die realistischen Möglichkeiten sind, damit umzugehen.

Speziell der Klimafolgenforschung wünsche ich eine stärkere Unabhängigkeit vom großen Druck, den das Primat der Nützlichkeit auf sie ausübt. Ich wünsche ihr und auch der Klimaforschung selbst, dass sie weniger abhängig von Auftragsstudien wird. Nichts behindert den Fortschritt der Wissenschaft mehr als das durch Programme vorprogrammierte und geforderte Ergebnis.

Zweckfreie Grundlagenforschung

Ganz generell hielte ich es als im besten Sinn für nachhaltig, die Forschungsförderung wieder mehr an zunächst zweckfreier Grundlagenforschung zu orientieren.

Das würde wahrscheinlich ein schärferes Bild dessen ergeben, wie sich der anthropogene Klimawandel auswirken wird, welche dieser Auswirkungen wir durch Eindämmung vermeiden und vermindern und vor welchen wir uns durch sinnvolle Anpassungsmaßnamen schützen können. Der rationale Zugang würde es uns auch ermöglichen – ungehindert durch den Tunnelblick der Apokalyptiker – auch positive Möglichkeiten zu erwägen, die in jeder Änderung stecken. Ich hoffe gerade in diesem Sinn auf eine unabhängige Wirtschaftswissenschaft, die die materiellen Klimafolgen besser beurteilen kann. Eine Aufteilung des beobachteten Ansteigens der Klimaschäden wäre wichtig, und zwar in solche, die auf das Klima selbst zurückgehen und solche, die aus den akkumulierten Gütern herrühren und aus der größeren Empfindlichkeit unserer Zivilisation gegenüber materiellen Einbußen. Gerade auf wirtschaftlichem Sektor, aber nicht nur hier, würde ich mir eine Forschung wünschen, die nicht auf einem Auge blind ist. Also möglichst keine von einem Ölmulti finanzierten, aber auch keine Greenpeacestudien, sondern vielleicht doch wieder solche, die dem Artikel 17 der österreichischen Bundesverfassung entsprechen, der mit dem eindeutigen Satz beginnt: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“

Von uns Wissenschaftlern erwarte ich unter verbesserten Rahmenbedingungen die nötige Bescheidenheit, den Verzicht auf angemaßtes Expertentum und die Mitarbeit als Gleiche unter Gleichen im gesellschaftlichen Disput. Vielleicht gelingt es uns dann zusammen, das zurzeit recht schwach glimmende Flämmchen der Ratio wieder zu einem hellen Licht der Aufklärung zu machen – vielleicht sogar ohne ein alljährlich stattfindendes Lichtabdrehritual?

* Der Autor ist Klimaforscher an der Zentralanstalt für Meteorologie und Mitautor des Weltklimaberichtes

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